Es gilt als das letzte grosse Geheimnis im Schweizer Orientierungslauf. Die Hintergründe des überraschend frühen Rücktritts der Bernerin Regula Hulliger im Februar 2003. «Aus persönlichen Gründen», wie es damals in einer dürren Mitteilung des Verbandes hiess. Allerlei Gerüchte rankten sich um diesen Abschied. Die Rede war von Magersucht oder einer beispiellosen, selbst verschuldeten Verletzungsserie.

Mehr als 13 Jahre später ist Regula bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist eine Geschichte über fehlende Akzeptanz, über Mobbing, über Verzweiflung und über Sehnsucht nach einem normalen Leben. Und vor allem ist es die Geschichte über ein Umfeld, das sich unfähig zeigte. Unfähig mit einem sportlichen Ausnahmetalent umzugehen, das sich in vielerlei Hinsicht ausserhalb der biederen Norm bewegte.

Schneller als Simone Luder

Es ist Spätherbst 1999. Regula blickt auf eine überragende Saison zurück. Wo die Schweizer Juniorin antritt, gewinnt sie. Die Höhepunkte sind beide Einzeltitel an den Nachwuchs-Weltmeisterschaften in Bulgarien und der erste Schweizer Meistertitel bei der Elite. Auf überlegene Art und Weise, beinahe vier Minuten vor einer gewissen Simone Luder, die 14 Jahre später als 23-fache Weltmeisterin und grösste Orientierungsläuferin aller Zeiten in die Geschichte eingehen wird. Doch wieso kann Regula nach ihrem Wechsel vom Junioren- ins Elitekader nie mehr richtig an diese Leistungen anknüpfen? Wieso wird sie der Prognose, ein Jahrhunderttalent zu sein, nicht gerecht?

Regula Hulliger war an den Sports Awards 1999 gemeinsam mit Fabian Cancellara für den Nachwuchspreis des Jahres nominiert. key

Regula Hulliger war an den Sports Awards 1999 gemeinsam mit Fabian Cancellara für den Nachwuchspreis des Jahres nominiert. key

Regula spricht leise. Es sei noch immer schwierig für sie, darüber zu reden. Vieles kommt wieder hoch. Einzelne Erinnerungen sind erschreckend nah, haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Ihr Herz rast, wenn sie daran denkt. Und der Brustkorb zieht sich unangenehm stark zusammen. «Ich muss mich sehr konzentrieren, dass es mir nicht schwindlig oder übel wird», sagt Regula. Ihre Leidenszeit hat zwei Komponenten: eine körperliche und eine seelische. Untrennbar verknüpft.

Die 37-Jährige redet zuerst über ihren Körper. Weil ihr das leichter fällt. Nach der Supersaison 1999 fühlt sich Regula extrem ausgelaugt. Sie benötigt dringend eine längere Trainingspause. Für sie selber, deren Leben sich mit atemberaubender Intensität um Sport dreht und die laufen kann, soweit sie die Beine tragen, ist diese Erkenntnis meilenweit entfernt. Obwohl sie sich täglich müder fühlt, selbst während Trainings das Bedürfnis verspürt, zu schlafen. Und obwohl ihre Leistungsfähigkeit Schritt für Schritt fällt. Zum Glück gibt es Trainer, die eine Athletin in einem solchen Moment spüren. Zum Glück?

Gefangen im Hamsterrad

Regulas Trainer führt den Leistungsabfall auf zwei Kilo «Winterspeck» zurück und weist sie an, weiter zu trainieren und fortan ihr Gewicht zu kontrollieren. Eine kapitale Fehleinschätzung der Situation. Regula befindet sich längst in einem massiven Übertraining. Erst ein Ermüdungsbruch im rechten Fuss stoppt sie. Für die Bernerin stürzt eine Welt zusammen. Körperlich geht nichts mehr. Sie beschreibt die Situation rückblickend bildlich: «Es war wie in einem Albtraum, gefangen in einem Laufrad, das ich hätte drehen sollen, doch mir fehlte die Kraft dazu.» Sie macht sich Vorwürfe, selber schuld an dieser Situation zu sein. Und kommt einfach nicht aus der Abwärtsspirale heraus. «Dabei hätte ich damals nur jemanden in meinem Rücken gebraucht, der klar gesagt hätte: ‹Jetzt mach mal drei Monate Pause und fang dann wieder mit einem Aufbautraining an.›»

Dies war die einfachere Komponente von Regulas Geschichte!

Das zweite Element für ihr «Scheitern» spielt sich vornehmlich auf der psychischen Ebene ab und trifft Regula letztlich in ihrem Innersten. «Wäre ich nicht zurückgetreten, ich hätte meine Seele verkauft», sagt sie zum Entscheid, im Frühjahr 2003 das Liebste – und damals Einzige – in ihrem Leben aufzugeben. Nur Stunden, bevor sie mit dem Nationalkader ins Trainingslager nach Portugal hätte abfliegen sollen. «Ich war mir sicher, wenn ich dorthin gehe, werde ich sterben», beschreibt sie ihre damaligen Gedanken.

Regula ist eine fröhliche Sportlerin. Sie hat extrem viel Energie, lacht oft und intensiv. Ihre Sprüche sind im Nachwuchskader ebenso berüchtigt wie akzeptiert. Sie ist die absolute Rudelführerin. «Ich konnte den ganzen Tag lang reden», sagt sie rückblickend. Der Trainer im Juniorenkader gewährt ihr viel Freiraum. Diesen benötigt sie, weil die Bernerin auch im Langlauf ein vielversprechendes Talent ist und während des Winters im Juniorenkader von Swiss Ski trainiert.

Beim Eintritt ins OL-Elitekader spürt sie die ungleich ernstere Stimmung im Team. Niemand lacht während Sitzungen ob ihrer lustigen Bemerkungen. «Ich habe so etwas einfach nicht gekannt», sagt sie. Auf einmal eckt sie mit ihrer extrovertierten, verspielten Art an, wird zur Aussenseiterin. Alles im Kader dreht sich um die dortige Teamleaderin. Diese wünscht Ruhe und Ernsthaftigkeit. Als Regula in ihrem Zimmer mit der einzigen Kollegin im Kader herzhaft lacht, klopft die Trainerin an die Tür und bittet sie, dies zu unterlassen. Sie störe die anderen.

Die Stimmung im Nationalkader ist nicht gut. Regula leidet. Sie hat ihre Antennen stets auf Empfang gestellt, nimmt vieles wahr, ist trotz oder gerade wegen ihrer fröhlichen Art auch sehr sensibel. Eine Psychologin wird zugezogen. Man malt zusammen ein Bild, die künstlerisch begabte Bernerin an vorderster Front. Am Schluss zeichnet sich jede Athletin selber irgendwo auf dem Bild. Regula wählt der Ruhe und Aussicht wegen einen einsamen Berggipfel. «Kein Wunder, wenn du dich dort einzeichnest, bist du selber schuld, wenn du im Team eine Aussenseiterin bist», konstatiert die Psychologin.

Regula fühlt sich unvorstellbar einsam. Sie weint oft, wenn sie alleine ist. Nach einem Teammeeting an der WM 2001 in Finnland rennt sie, psychisch am Boden, aus dem Hotel an einen See und wird dort von Heulkrämpfen geschüttelt. Sie schlottert in der Kälte, möchte einfach nur nach Hause. Doch das geht nicht. «Ich schaffe es nicht heim, es geht nicht weiter», denkt sie. Und dann erfasst sie ein ungeheuerlicher Gedanke: «Wenn ich jetzt in diesen See springe, ist es endlich vorbei.»

Wie Luft behandelt

Sie müsse sich anpassen, integrieren, wird ihr immer wieder gesagt. Doch Regula fühlt sich immer mehr als Aussenseiterin. Wenn sie in den Raum kommt, verstummen die Gespräche der anderen. Bei der Zimmerverteilung erhält sie das Einzelzimmer. Sie wird wie Luft behandelt. Die Teamleaderin sagt nach einem internationalen Wettkampf zu ihr: «Diesmal war es angenehm mit dir. Man hat dich gar nicht wahrgenommen.»

Sie habe dies damals tatsächlich als Kompliment gemeint, sagt Regula. Sie selber merkt, dass sie – körperlich nun wieder auf einem guten Niveau – den Anschluss an die Weltspitze finden würde und es im Kader einigermassen aushaltbar ist, wenn sie einfach nichts sagt. Doch die Aussage der Teamkollegin steht am Anfang ihresRücktrittsentscheids. «Es machte mir bewusst, dass ich so die Seele verkaufen und daran zugrunde gehen würde.»

Für Regula bleibt das Nationalkader bis zuletzt ein falscher Film. Sie nimmt mehrere Anläufe, ihren Gemütszustand zu thematisieren. Doch sie trifft nur auf betretenes Schweigen. «Alle für eine» heisst die Parole im Team. Und die eine ist nicht sie. Im Spätherbst 2002 stört sie während eines Zusammenzugs im Jura wieder einmal diese heile Welt, in dem sie bittet, das Thema Mobbing im Frauenteam anzugehen.

Die Antwort der Verantwortlichen ist ein erneuter Schlag: «Dazu können wir nichts sagen», wird ihr mitgeteilt. Regula läuft am späten Abend – verzweifelt – aus ihrem Zimmer in die sternenklare Nacht heraus bis zu einer Felswand. Sie spürt das Bedürfnis, über die Klippe zu springen. Sie tut es nicht, ruft stattdessen ihre Mutter an, welche sie abholt. Trainer und Team merken davon nichts. Am nächsten Morgen ist sie einfach weg. Niemand ruft an und fragt, wo sie sei. Niemand will wissen, was passiert ist. Für Regula ist es nun definitiv Zeit, zu gehen. Damit es weitergeht.

Dank der Musik aus der Krise

Als Regula den Rücktritt gibt, spürt sie das Verlangen, über die Gründe zu reden. Doch ihr Umfeld rät ihr davon ab. «Sag niemandem etwas, es wird nur noch schlimmer», sagen ihre Eltern. Sie stürzt in eine tiefe Lebenskrise. Die Musik gibt ihr wieder Halt. Ihre Mutter Annerös Hulliger ist die bekannteste Schweizer Organistin.

Auch Regula schreibt sich fürs Konservatorium ein, schafft für viele überraschend die Aufnahmeprüfung. Auf diesem Niveau Musik zu machen ist mit Leistungssport zu vergleichen. «Es ist extrem ähnlich. Man muss sich fokussieren und in dem Moment, in dem es zählt, perfekt sein», sagt Regula. Mit Sport hat sie für lange Zeit abgeschlossen. «Spitzensport ist eine sehr egoistische Angelegenheit», bilanziert die Bernerin, die mit einem ehemaligen Spitzenruderer verheiratet ist und zwei Kinder hat.

Erst 2016 kehrt Regula Hulliger zum OL zurück. Am nationalen Lauf im Neuenburger Jura wird die 37-Jährige sensationell Zweite bei der Elite. «Die Beine fühlen sich wieder leicht an», sagt eine aufgestellte Frau. Jetzt, wo ihre Karriere vorbei ist.