Langlauf

Wie die Kanadierin Heidi Widmer ins Schweizer Langlauf-Team kam

Mit einem Lachen im Gesicht: Heidi Widmer freut sich auf ihren ersten Weltcup-Einsatz für die Schweiz morgen in Davos. Keystone

Mit einem Lachen im Gesicht: Heidi Widmer freut sich auf ihren ersten Weltcup-Einsatz für die Schweiz morgen in Davos. Keystone

Die Langläuferin Heidi Widmer bestreitet am Sonntag mit dem Skating-Sprint in Davos ihr erstes Weltcuprennen im Dress des Schweizer Nationalteams. Die Geschichte, warum eine Kanadierin plötzlich für die Schweiz startet.

Natürlich ist es Zufall, doch das Timing passt perfekt. Rechtzeitig zum Kinostart der neuen «Heidi»-Verfilmung kommt es in den Bündner Bergen zu einer weiteren Premiere. Die Langläuferin Heidi Widmer bestreitet morgen mit dem Skating-Sprint in Davos ihr erstes Weltcuprennen im Dress des Schweizer Nationalteams. Im Sommer hat die 24-jährige Doppelbürgerin, die für Kanada bei den Olympischen Spielen in Sotschi gestartet ist, das Ahornblatt-Outfit gegen das Schweizer Kreuz eingetauscht und zu Swiss Ski gewechselt.

Möglich war das nur dank der Herkunft ihres Vaters, der in den späten 60er-Jahren aus Zürich nach Kanada auswanderte. Heidi ist das jüngste der vier Kinder von Erwin Widmer und seiner kanadischen Frau Lorraine. Aufgewachsen ist sie in Banff in den Rocky Mountains, wo die Familie seit über dreissig Jahren das schweizerisch-italienische Restaurant «Ticino» führt.

Gedanken an Nationenwechsel

Im Winter 2009/10 lernte die damalige Juniorenläuferin Heidi Widmer den heutigen Schweizer Teamchef Christian Flury kennen, der damals mit seiner Familie für ein Jahr in Kanada weilte und als Coach am Trainingsstützpunkt der Provinz Alberta arbeitete. Inzwischen an der Schwelle zum Weltcup angekommen, trainierte sie im Sommer 2013 ein erstes Mal als Gast mit dem Schweizer Team – ohne zu ahnen, dass dereinst für das Heimatland ihres Vaters an den Start gehen würde.

Noch diesen Frühling dachte sie nicht an einen Nationenwechsel, als sie sich nach einer missglückten Saison mit Übertrainings-Symptomen Gedanken über ihre sportliche Zukunft machte. Auf der Suche nach neuen Impulsen klopfte sie für einen weiteren Gastaufenthalt erneut bei Swiss Ski an. Dort bot man ihr an, sie gleich ganz ins Team aufzunehmen.

«Diese Herausforderung hat mich sehr gereizt», sagt Heidi Widmer, die sich den Wechsel gleichwohl gut überlegte. «Es war mir bewusst, dass das ein grosser Schritt ist. Ich kannte die Schweiz bisher nur von Ferienaufenthalten, und jetzt lebe ich hier.» Als sie in den Surf-Ferien in Mexiko erfuhr, dass sie nicht mehr für das kanadische Nationalteam selektioniert worden war, entschloss sie sich, das Abenteuer zu wagen.

Inzwischen lebt die Skating-Spezialistin seit einem halben Jahr in Davos und bildet mit Nathalie von Siebenthal und Nadine Fähndrich eine ambitionierte Trainingsgruppe. Für die Schweiz will sie 2018 wieder an den Olympischen Spielen teilnehmen. Die Land hat sie inzwischen von einer neuen Seite kennen gelernt. «Ich entdecke immer noch täglich Neues», sagt sie in fliessendem Deutsch. «Mit 20 hatte ich das Gefühl, ich wisse, wie die Welt läuft. In der kleinen Schweiz habe ich erst richtig gemerkt, wie gross die Welt eigentlich ist.»

Der Traum von der Alphütte

Und was fehlt ihr hier? «Meine Familie vermisse ich schon ab und zu – und die Rocky Mountains, auch wenn es mir in den Schweizer Bergen auch sehr gut gefällt.» Im Winter hat sie in Davos nun Gesellschaft von früheren Teamkollegen aus Kanada, die auf dem Wolfgangpass für die europäischen Rennen ihre Basis eingerichtet haben. Und für das Weltcupdebüt in Schweizer Farben ist sogar Mutter Lorraine angereist.

Ihren Vornamen verdankt Heidi Widmer übrigens tatsächlich dem Kinderbuch-Klassiker. «Meine ältere Schwester hat die alte Verfilmung gesehen, als meine Mutter mit mir schwanger war. Sie war so begeistert, dass meine Eltern mir fast keinen anderen Namen mehr geben konnten», lacht sie. Unglücklich darüber ist sie nicht: «Es ist ein Traum von mir, einmal ein Alphüttli zu haben.»

Meistgesehen

Artboard 1