Swiss Olympic

Wie das Schweizer Rekordteam an den Olympischen Jugendspielen vor Überforderung geschützt wird

Das Olympische Feuer hat Lausanne erreicht. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Lausanne, 4. Januar 2020).

Das Olympische Feuer hat Lausanne erreicht. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Lausanne, 4. Januar 2020).

Der Weg ist das Ziel. Diese Weisheit gilt zumindest für die 112 jungen Sportlerinnen und Sportler, welche ab morgen Donnerstag in Lausanne und Umgebung für die Schweiz an den Olympischen Jugendspielen teilnehmen. Swiss Olympic setzt dem Nachwuchs im Gegensatz zum Eliteteam bewusst kein Medaillenziel.

Ab Donnerstag bis zum 22. Januar gibt es in der Schweiz die ersten Olympischen Medaillen seit 1948 zu gewinnen. 72 Jahre nach St. Moritz machen die fünf Ringe ihrer Heimatstadt Lausanne die Aufwartung. Es handelt sich zwar «nur» um die dritten Olympischen Jugendspiele, aber für die Rekordanzahl von 1872 Athletinnen und Athleten aus 79 Ländern ist die Veranstaltung der bislang wichtigste Wettkampf ihrer Karriere. Und es ist der grösste Wintersport-Anlass, den es für 14- bis 18-jährige Sportler weltweit je gegeben hat.

Die Superlative machen auch vor dem Schweizer Olympiateam nicht halt. 112 junge Frauen und Männer vertreten die Schweiz in den kommenden zwei Wochen auf dem sportlichen Parkett. Die Gastgeber stellen das grösste Kontingent, gefolgt von Russland (107) und den USA (96). Die Steigerung um 133 Prozent im Vergleich zur letzten Austragung 2016 in Lillehammer ist neben der Gastgeberrolle auch dem Umstand geschuldet, dass die Jugendspiele erstmals in zwei Wellen für jüngere und ältere Teilnehmende durchgeführt werden. Ein Vorschlag, den die Schweiz eingebracht hat.

Bei diesem Rekordaufgebot stellen sich grundsätzliche Fragen: Werden junge Sportler mit dem Auftritt auf der Weltbühne nicht überfordert? Berni Schödler, der als Disziplinenchef Skispringen und Nordische Kombination bei Swiss Ski Sportarten ohne hohe Athletendichte betreut, spricht von schwierigen Entscheiden. «Hat man einen grossen Pool an Sportlern, wählt man die besten vier der Rangliste. Bei einer kleinen Auswahl stellt man sich vielmehr die Frage, ob es Sinn macht oder nicht. Vielleicht lässt man dann auch einmal den Besten der Schweiz zu Hause, was vom Athleten und vor allem vom Umfeld nicht immer verstanden wird.»

Für Ralph Stöckli, Delegationsleiter der vergangenen drei Olympischen Spiele und im Selektionsausschuss der Jugendspiele, ist es ein wichtiges Thema, «das auch für die Verbände eine grosse Herausforderung bei der Auswahl darstellt. Letztlich muss sich ein junger Sportler trotz der Selektion bewusst sein, dass es ein harter, steiler Weg bis zur Elite bleibt. Das Erlebnis Jugendspiele kann dabei stimulierend wirken.»

Zwei Jahre Vorbereitung und keine Medaillenziele

Für den Olympiadirektor von Swiss Olympic steht eine Voraussetzung im Mittelpunkt: «Die Athleten müssen bereit für diesen Grossanlass sein.» Um dies zu gewährleisten, hat man gemeinsam mit den Wintersportverbänden verschiedene Massnahmen ergriffen. In einem speziellen Förderprojekt wurden mit finanzieller Unterstützung der Sporthilfe und eines Sponsors 158 potenzielle Olympiateilnehmer zwei Jahre lang vorbereitet. An verschiedenen Anlässen wurde der Teamgedanke gelebt, bei den jungen Sportlern das Feuer entfacht und die Eltern eingebunden.

Auch ging es darum, realistische Zielsetzungen zu formulieren, denn der Frust beginnt oft bei zu hohen Erwartungen – vom Athleten selber, aber auch vom Umfeld. Selektioniert wurden letztlich Athleten, die das Potenzial für die vordere Ranglistenhälfte haben. Dass man sich dabei nicht unter Druck setzen liess, zeigt das Beispiel im Rodeln. Es ist die einzige der 16 Disziplinen, in welcher die Schweiz nicht antreten wird, «weil wir der Meinung waren, dass unser Athlet noch zu wenig bereit ist. Das haben nicht alle verstanden», erklärt Ralph Stöckli.

Die zu hohen Erwartungen thematisiert auch Jörg Wetzel, der die Schweizer Olympiadelegation an den letzten sieben Spielen als Sportpsychologe begleitet hat. Frustration vermeiden, Motivation erleben formuliert er als entscheidende Faktoren. «Damit dies gelingt, müssen junge Sportler vor allem im mentalen Bereich eng begleitet werden. Ziele sollten in diesem Alter weg vom Resultat hin zum Prozess gehen.»

Swiss Olympic hat dazu die insgesamt 77 an den Jugendspielen im Einsatz stehenden Trainer in mehreren Workshops vorbereitet und dabei die Drucksituation speziell thematisiert. Die Botschaft von Stöckli ist klar: «Es ist ein Ausbildungsanlass, deshalb gibt es auch keine Medaillenziele für die Delegation.» In die gleiche Kerbe schlägt Berni Schödler: «Sich realistisch einzuschätzen, macht im Sport den Winner aus. Wenn das gelingt, kann auch ein 20. Platz einen grosse Wert haben.»

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