NHL

Wie aus Eishockey Kultur und Politik wird

Die New York Rangers inszenieren ihr 25-Jahr-Jubiläum zum Stanley-Cup-Sieg 1994 perfekt: Die aktuelle Mannschaft umgeben vom Legendenteam.

Die New York Rangers inszenieren ihr 25-Jahr-Jubiläum zum Stanley-Cup-Sieg 1994 perfekt: Die aktuelle Mannschaft umgeben vom Legendenteam.

Der Unterschied zwischen der NHL und unserer National League am Beispiel eines Spiels und eines Klubs erklärt: Zu Besuch bei den New York Rangers

Welches sind die Unterschiede zwischen der NHL und unserer National League? Alle aufzählen? Zu mühselig. Einfacher ist die Suche nach dem grössten Unterschied. Nein, es ist nicht das Spiel. Natürlich ist das Spiel intensiver und schneller. Schliesslich vereinigt die NHL die besten Spieler der Welt. Aber es ist und bleibt Eishockey. Wie bei uns. Die Besten aus unserem Land können ja auch mithalten.

Der grösste Unterschied liegt in der «Verpackung» und in der Pflege der Geschichte. Wir haben diesen Bereich erst in Ansätzen kopiert. Zu Beginn der 1990er-Jahre beginnen die Bieler als Erste, bei Spielunterbrüchen Musik einzuspielen. In der «Berner Zeitung» wird dieser schüchterne Versuch in einem harschen Kommentar als Unsinn abgekanzelt. Heute würde sich das Publikum wundern, wenn es während Unterbrüchen ruhig bliebe. Wir sind auch ein wenig NHL. Aber wir haben nach wie vor nicht gelernt, unsere alten Helden richtig zu feiern. Nun können wir fragen: Was bringt das? Es bringt viel. Es gibt dem Eishockey erst die wahre gesellschaftlichen Bedeutung und wird so zu Kultur und Politik. Mit Kultur und Politik lässt sich wunderbar Kohle machen. Wie kommt der Chronist zu diesem Schluss?

Durch ein «Aha-Erlebnis» in Manhattan. Ich habe mich oft gefragt, warum in New York ein sportlich erfolgloser Klub das wirtschaftlich erfolgreichste Hockeyunternehmen der Welt und das populärste Team der Stadt geworden ist. In den letzten 79 Jahren haben die Rangers einen einzigen Stanley Cup geholt. Am 14. Juni 1994 im 7. Finalspiel gegen Vancouver (3:2). Mit so einer Bilanz derart populär zu sein, ist etwa so, wie wenn GC der Stolz von Zürich wäre. Die Rangers sind eine Geldmaschine, die jährlich rund 100 Millionen Dollar Gewinn ausspuckt, viermal mehr als der Liga-Durchschnitt. Mit einem Wert von 1,5 Milliarden Dollar ist es das teuerste Hockey-Team des Universums.

Die Emotionen überwältigen alle

Eigentlich wollte ich «nur» das Spiel der Rangers gegen Carolina sehen. Vor allem wegen Nino Niederreiter, der jetzt mit Carolina die Liga rockt. Aber das Spiel wird zur Nebensache. Die Rangers feiern vorher das 25-Jahr-Jubiläum ihres Stanley-Cup-Sieges aus dem Jahre 1994. Es wird eine grandiose Show. Hühnerhaut. Die Emotionen überwältigen alle. Ab 18 Uhr werden die Heroen von 1994 gefeiert. Die Arena ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Obwohl die Partie gegen Carolina erst um 20 Uhr beginnt.

Die Recken von 1994 schreiten, in einem Rangers-Dress natürlich, über einen roten Teppich in den Mittelkreis. Dort werden sie einzeln begrüsst. Captain Mark Messier hält eine Rede. Das Publikum ist hingerissen. Und ganz, ganz still wird es noch einmal, als vor dem Spiel die Hymne gesungen wird. Beziehungsweise nicht gesungen wird. Der rote Teppich ist ausgerollt. Das Scheinwerferlicht auf den Platz gerichtet. Aber niemand steht hinter dem Ständer mit dem Mikrofon. Die Hymne wird für einmal nicht live vorgetragen. Eingespielt wird John Amirante, der die Hymne damals am 14. Juni 1994 vor dem alles entscheidenden Spiel vorgetragen hat. Er ist im April im Alter von 83 Jahren verstorben.

Inzwischen haben wir bei uns erste erfreuliche, schüchterne Ansätze in diese Richtung. Am 19. Januar organisierte der SCB eine «Night of Champions». Aber warum bloss eine viertelstündige Zeremonie für 100 Meisterspieler vor der Partie gegen Lugano? Warum nicht eine grosse Show schon ab 18 Uhr? Es gibt bei uns keine andere Stadt, in der Sportunternehmen ihren Ruhm und ihre Giganten so gut feiern könnten wie Bern. Die Sporthauptstadt der Schweiz. Je besser man das macht, desto lieblicher klingeln die Taler und desto geringer wird die Abhängigkeit von Erfolg und Misserfolg in der Gegenwart.

Warum nicht gerade in diesen Tagen den Ruhm der meisterlichen SCB-Giganten von 1989 zelebrieren? Das Spiel im Madison Square Garden haben die Rangers gegen Carolina übrigens 0:3 verloren. Aber das Spielgeschehen interessierte die Zuschauer nicht mehr. Was ist denn schon eine Niederlage im Vergleich zum unvergänglichen Ruhm von 1994? Nichts. Was wäre für den SCB ein Scheitern im Titelkampf 2019 im Vergleich zum ewigen Ruhm von 1989? Nichts.

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