Rio 2016
Wie aus dem Traum vom Tigerstaat ein Albtraum wurde

Als Brasilien 2009 den Zuschlag für die Spiele bekam, wurde es als kommendeWirtschaftsgrossmacht gefeiert – jetzt versinkt es in wirtschaftlicher und politischer Depression

Klaus Ehringfeld, Rio de Janeiro
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Die suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff und ihr Vorgänger Lula da Silva sind nicht an der heutigen Eröffnungsfeier dabei.

Die suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff und ihr Vorgänger Lula da Silva sind nicht an der heutigen Eröffnungsfeier dabei.

KEYSTONE

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass genau die beiden Politiker der Olympia-Eröffnung in Rio de Janeiro fern bleiben, die am meisten dafür getan haben. Weder die suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff noch ihr Vorgänger Lula da Silva, unter dessen Präsidentschaft Brasilien 2009 als erstes Land Südamerikas überhaupt den Zuschlag bekam, werden heute Freitag im Maracanã-Stadion dabei sein. Lula, dem gesunkenen Stern der brasilianischen und lateinamerikanischen Linken, droht ein Prozess wegen seiner möglichen Verstrickung in den Petrobras-Bestechungsskandal. Und Rousseff sitzt in ihrer Privatresidenz, dem von Brasiliens Stararchitekten Oscar Niemeyer ersonnenen Alvorada-Palast in Brasília, und schmollt.

Dafür wird Temer ausgepfiffen

In einem Interview mit der britischen BBC zeigte sich die Staatschefin dieser Tage verletzt: «Mein Platz im Maracanã wäre die Ehrentribüne. Nicht nur, weil ich Präsidentin bin, sondern weil ich am härtesten für diese Spiele gearbeitet habe.» Aber den Platz auf der Tribüne nimmt der konservative Übergangspräsident Michel Temer ein, der im Moment genauso wie Rousseff auf den Ausgang des Amtsenthebungsverfahrens wartet, das im Senat läuft und das gut zwei Wochen nach Ende der Spiele entschieden wird.

Es mag Rousseff beruhigen, dass sie sich mit dem Fernbleiben von der Eröffnungsfeier die Pfiffe erspart, die nun vermutlich Temer über sich ergehen lassen muss. Denn die Brasilianer im Ganzen haben die Nase voll von Politikern, die fast alle in grosse oder kleine schmutzige Geschäfte verwickelt sind.

Brasilien und die seit 13 Jahren regierende linke Arbeiterpartei PT sind tief gefallen. 2009, als Rio den Zuschlag für die Spiele bekam, freute sich ganz Brasilien über den neuen Status, der sich für das grösste lateinamerikanische Land damit verband. Lula da Silva stieg zum politischen Weltstar auf. Brasilien wurde gehypt und schon zur kommenden Wirtschaftsgrossmacht erklärt.

«Brasilien hebt ab», überschrieb das britische Magazin «The Economist» Ende 2009 eine Titelgeschichte. Zeitweise löste das Land sogar Grossbritannien als sechstgrösste Volkswirtschaft ab. Inzwischen ist man wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Aber der Absturz war schmerzhaft und hat Wunden gerissen.

Die sinkenden Rohstoffpreise und die unglückliche Amtsführung von Präsidentin Rousseff haben den Traum vom Tigerstaat in einen Albtraum verwandelt. Plötzlich wurden Defizite wie Infrastrukturrückstand, Korruption und Haushaltsdefizit wieder ein Thema, die in den Lula-Boomjahren niemand sehen wollte. Die Bevölkerung war wütend und enttäuscht, weil Milliarden in Fussball-WM und Olympia gesteckt wurden, während Spitäler, Schulen und Sozialsysteme darnieder liegen. Aus dem Lieblingskind Lateinamerikas wurde das Sorgenkind.

Derzeit steckt Brasilien in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten mit elf Prozent Arbeitslosigkeit, einem erneuten Rückgang der Wirtschaftskraft um drei Prozent und gähnend leeren öffentlichen Kassen. Kein Wunder, dass die wirtschaftliche und politische Depression keine Lust auf Olympia aufkommen lässt.

Für Rousseff könnte der August ihr letzter Monat als Staatschefin im Wartestand sein. Auf Druck von Übergangspräsident Temer wird der Senat schon am 26. August mit den abschliessenden Beratungen darüber beginnen, ob die Präsidentin tatsächlich der Haushaltsmanipulation schuldig ist. Ursprünglich sollten die Beratungen erst drei Tage später beginnen. Aber Temer möchte am
4. und 5. September am G-20-Gipfel im chinesischen Hangzhou nicht als Übergangspräsident, sondern als fest installierter Staatschef für die kommenden zwei Jahre teilnehmen. Deshalb muss Rousseff bis dahin endgültig aus dem Amt gedrängt sein.

Rousseff fährt Velo

Allerdings hat der blasse Interims-Staatschef bisher kaum auf sich aufmerksam machen können. Der Bevölkerung ist der «Interino» auch nicht sympathisch. Es sieht so aus, als wolle Temer sich die grossen Sparmassnahmen aufheben, bis er wirklich fest im Sattel sitzt. Die Märkte haben diesen Schritt schon vorweggenommen. Die brasilianische Börse hat seit dem Tief im Januar um mehr als
50 Prozent zugelegt. In- und ausländische Investoren stecken wieder Geld ins Land.

Und Dilma Rousseff? Die vertreibt sich in Brasília die Zeit mit Velofahren, Filmeschauen und dem Hadern mit ihrem Schicksal. Sie braucht
27 der 81 Senatoren, um das Impeachment abzuwenden. 21 hat sie sicher. Aber es heisst, sie bemühe sich nur halbherzig darum, weitere sechs auf ihre Seite zu ziehen. Und so spricht viel dafür, dass die 68 Jahre alte Linkspolitikerin das zweite Staatsoberhaupt Brasiliens sein wird, das nach Fernando Collor de Mello 1992 per Amtsenthebung in die politische Wüste geschickt wird.

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