Als Arsène Wenger Ende September 1996 seinen Dienst beim FC Arsenal antrat, stiess der Franzose gleich in der ersten Woche auf ungeahnte Widerstände. Um seine Spieler besser kennen zu lernen, hatte er für Mittwochnachmittag eine Extra-Trainingseinheit angesetzt, musste jedoch erfahren, dass die eher spartanische Anlage in Hertfordshire, eine Dreiviertelstunde nördlich vom Stadion in Highbury, für Studenten des University College London (UCL) reserviert war.

Arsenal war nur der Untermieter der altehrwürdigen Hochschule. «Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte», sagte der aus seiner Zeit beim AS Monaco und in Japan (Nagoya Grampus Eight) viel professionellere Bedingungen gewohnte Elsässer. Auf Drängen des Trainers beschloss der Verein, das Areal zu kaufen. «UCL wollte aber zu viel Geld», erinnert sich Martin Keown, der ehemalige Verteidiger.

«Wenger hatte den Geschäftssinn, den Bauern anzusprechen, dem das angrenzende Land gehörte – und bekam es für die Hälfte des Preises.» Das hochmoderne, 58 Hektar umfassende Leistungszentrum wurde 1999 fertiggestellt – um die Kosten von 10 Millionen Pfund zu stemmen, wurde im selben Jahr Stürmer Nicolas Anelka für 22 Millionen Pfund zu Real Madrid verkauft – und setzte neue Massstäbe auf der Insel.

Wenger war auch die treibende Kraft beim Umzug der Gunners vom Highbury ins Emirates-Stadion sieben Jahre später. Der knapp 400 Millionen Pfund teure Neubau war mit Wengers Erfolgen in der Liga (drei Meisterschaften, 1998, 2002, 2004) und konstanten Teilnahmen an der Champions League finanziert worden; der Franzose, ein Diplom-Volkswirt, hatte weitsichtig erkannt, dass der selbst-finanzierte Verein zusätzliche Einnahmen generieren musste, um dauerhaft konkurrenzfähig zu sein. «Die Banken verlangten damals für ihre Darlehen die Garantie, dass ich einen neuen Fünf-Jahres-Vertrag unterschreibe», hat er voriges Jahr erzählt, als das Volk in Nord-London mal wieder gegen seine als allzu knauserige Transferpolitik protestierte. 

Wenger im Jahre 2004 vor dem neuen Stadion.

Wenger im Jahre 2004 vor dem neuen Stadion.

Die Strukturen, die er in den ersten elf Jahren errichtete, haben den zuvor etwas angestaubten Traditionsklub zur Weltmarke gemacht, schufen aber auch Erwartungen, denen das Team seit gut zehn Jahren hinterherläuft. Wenger hatte das Pech, dass der Stadionumzug und der damit einhergehenden finanziellen Engpässe mit dem Aufstieg der Petroleum-Dollar-Klubs Chelsea (Besitzer Roman Abramowitsch) und Manchester City (Scheich Mansour aus Abu Dhabi) zusammenfiel.

Der Sparkurs wurde dem Publikum in den Nullerjahren als prinzipientreue Nachwuchsförderung verkauft («wir konnten nicht sagen, dass wir nicht gewinnen konnten», so Wenger), die Flunkerei bestärkt heute den (unbestätigten) Verdacht, dass der quasi ohne direkten Vorsitzenden frei waltende Autokrat im Professorengewand Berge von Cash in Absprache mit Eigentümer Stan Kroenke zurückhält, weil dieser damit andere Unternehmungen finanziert.

Dass er mit den mittlerweile wieder beachtlichen Möglichkeiten des Klubs so übervorsichtig wirtschaftet, als ob es sein eigenes Geld wäre, ist ebenfalls ein gängiger Vorwurf, geht aber laut Wenger am Thema vorbei. «Wer so lange an einem Ort ist, fühlt sich natürlich verantwortlich fürs Grosse und Ganze», sagte er neulich, «ich kann die Millionen hier nicht aus dem Fenster schmeissen.»

Arsenal bezahlt den 66-Jährigen fürstlich für seine Genügsamkeit auf dem Transfermarkt: Wenger verdient acht Millionen Pfund im Jahr. Die teuersten Kartenpreise in ganz Europa – 1000 Pfund kostet das billigste Jahresticket – sorgen für dauerhafte Diskussionen um die Finanzen bei den Kanonieren.

Auf dem Rasen selbst beweist sich seine mit Technikern gespickte Elf Jahr für Jahr als Spitzenmannschaft, der für den ganz grossen Wurf in Liga oder Champions League (sechsmal in Folge Aus im Achtelfinale) die nötigen taktischen Details und ein modernes Konzept für das Spiel ohne Ball fehlen. Wenger glaubt nicht an kollektives Pressing, an die Arbeit gegen den Ball – das Spielgerät soll in einer Künstler-Mannschaft nur Freund, nie Feind sein.

Ein Leben ohne Fussball kann sich der Wahl-Londoner nicht vorstellen, anders als sein früherer Erzrivale Sir Alex Ferguson - mit dem er heute ein freundschaftliches Verhältnis pflegt – fehlt ihm ein Hobby. «Alex hat seine Rennpferde, ich habe nur den Fussball», sagte er vor einigen Monaten, auf ein mögliches Karriereende angesprochen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus, er würde gerne verlängern und sein Lebenswerk vollenden. Noch einmal ganz vorne sein, die ganz grossen Trophäen gewinnen – das ist der Traum, der den einstigen Pionier nicht zur Ruhe kommen lässt.