Stelle für Whistleblower
Riesiges Bedürfnis: Pro Tag wird ein Ethikverstoss im Schweizer Sport gemeldet

Die neue Abteilung von «Swiss Sport Integrity» hat in den ersten drei Monaten viel mehr Arbeit als man sich das vorgestellt hat.

Rainer Sommerhalder
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Markus Pfisterer kann sich als Leiter der Melde- und Untersuchungsstelle für Ethikverstösse im Schweizer Sport nicht über mangelnde Arbeit beklagen.

Markus Pfisterer kann sich als Leiter der Melde- und Untersuchungsstelle für Ethikverstösse im Schweizer Sport nicht über mangelnde Arbeit beklagen.

Keystone

Es ist neu im Schweizer Sport. Es ist in der Struktur weltweit einzigartig. Und es ist bislang viel anspruchsvoller und umfangreicher, als man sich vorgestellt hat. Die unabhängige Melde- und Untersuchungsstelle für Ethikverstösse ist seit dem 1. Januar 2022 im Funktionsmodus. In den ersten drei Monaten gab es 91 Meldungen zu möglichen Übergriffen – im Schnitt einen pro Tag. Gerechnet hatte man mit einem bis zwei Fällen pro Woche.

Der Aargauer Jurist Markus Pfisterer, der die neue Abteilung leitet, präsentierte bei der Jahresbilanz der Stiftung «Swiss Sport Integrity» detaillierte Zahlen. Erst 34 Dossiers konnten bislang ad acta gelegt werden, 57 Meldungen sind noch in Bearbeitung. In drei Fällen wurden bereits provisorische Massnahmen zum Schutz der Opfer getroffen. Bislang 13 Fälle wurden als derart schwerwiegend eingestuft, dass eine offizielle Untersuchung im Gang ist. Insgesamt stammen die 91 Meldungen aus mehr als 30 verschiedenen Sportarten.

Verstösse in vielerlei Hinsicht

Die meisten Whistleblower melden sich zu Beginn anonym, geben sich dann im Verlauf der Gespräche zu erkennen. Thematisch sind Verletzungen der psychischen, physischen und sexuellen Integrität, Vernachlässigung der Fürsorgepflicht oder Diskriminierung unter den Beispielen. In einigen wenigen Fällen arbeitet man mit staatlichen Stellen zusammen. Etwa, wenn der Verdacht auf strafrechtliche Vergehen besteht. Dazu braucht es jedoch das Einverständnis der Betroffenen.

Der Aufwand ist nicht nur wegen der Quantität der Fälle enorm. Auch die Ermittlungen, wo man personell mit den Ressourcen von Antidoping kooperiert, müssen oft anders angegangen werden als bei einem Dopingfall. Dort steht meistens der Fakt einer positiven Probe am Ursprung des Vorgehens.

Im Bereich Ethik stehen häufig Aussage gegen Aussage im Raum. «Notwendig sind hier sehr viele Gespräche mit weit mehr Personen als nur mit potenziellen Opfern und Tätern», erklärt Markus Pfisterer. Harte Fakten wie beispielsweise Chatprotokolle bieten bei der Untersuchung willkommene Unterstützung.

Die Schlagkraft der Abteilung wird erhöht

Die Zusammenarbeit im Bereich von Abklärungen und Expertise mit externen Fachleuten hilft den derzeit vier Angestellten im Bereich Ethik auch beim Aufbau der eigenen Fähigkeiten. In den mit Antidoping geteilten Abteilungen Rechtsdienst und Ermittlungen helfen wöchentliche Fallbesprechungen zur Entwicklung der eigenen Herangehensweise.

Markus Pfisterer hofft auf eine steile Lernkurve. «Ich sehe uns auf einem guten Weg, die Ressourcen zu entwickeln». Dennoch sind aufgrund der Menge an Meldungen bereits auch personelle Massnahmen ergriffen worden. Vergangene Woche wurde ein Stelleninserat für eine zusätzliche Person in der Meldestelle aufgeschaltet.

Wenn sich Pfisterer die bisherige Arbeit so ansieht, dann zieht er ein klares Fazit: «Es ist im Schweizer Sport tatsächlich ein gewisser Kulturwandel notwendig.» Der Jurist lobt grundsätzlich die Bereitschaft der nationalen Verbände zur Mitarbeit. Zu beidem sind sie durch das Ethikstatut verpflichtet.

Pfisterer gibt aufgrund der ersten Erfahrungen auch zu bedenken, dass zwar in den Medien die spektakulären Fälle auf nationaler Ebene prägend waren, «wirklicher Handlungsbedarf aber vor allem auch ganz unten auf Vereins- oder regionaler Stufe besteht». Eine Antwort wie jene auf den konkreten Verdacht einer Verletzung der sexuellen Integrität – «Er ist halt so!» - will Markus Pfisterer sehr rasch nie mehr hören. «Dafür braucht es den Handlungsbedarf im System», sagt der Leiter der Meldestelle.