Novak Djokovic band sich die Fliege um den Hals und polierte seine schicken Lederschuhe ein letztes Mal. Sein Lächeln spiegelte sich im Spiegel des Hôtel Hermitage Monte-Carlo, fünf Sterne. Lindsey Vonn katapultierte ein Bild ihrer Anreise in Kleinflugzeug über die sozialen Medien in die Welt hinaus. Wenig später schritt sie in Monte Carlo, im mondänen «Salle des Etoiles», dem Saal der Sterne, auf der Lavrotto-Halbinsel, über den roten Teppich. Es war der Tag der Laureus Sports Awards, der Tag, an dem sich der Weltsport selber feiert und seine besten kürt. Und während sich die Djokovics und Vonns, die Hamiltons, Mbappés und Biles' bereits im Blitzlichtgewitter der Fotografen inszenierten, da tropfte Daniela Ryf noch der Schweiss von der Stirn. Training. Das zweite an diesem Tag.

Daniela Ryf an den Laureus Sports Awards 2019.

Daniela Ryf an den Laureus Sports Awards 2019.

Die Solothurner Triathlon-Ikone war bereits zum zweiten Mal für die Wahl nominiert. Wieder dabei, wenn die Sport-Oscars vergeben wurden. Aber eben nicht: Mittendrin. Am Tag danach sprach Ryf von der «riesigen Ehre», überhaupt nominiert gewesen zu sein. Es sei keine Enttäuschung, gegen so tolle Athletinnen nicht zu gewinnen. Stattdessen sprach sie von der Freude, dass ihre Leistungen im letzten Jahr diese Anerkennung erfahren würden. Das Wahlverfahren bei den Laureus Sports Awards ist zweistufig. Medienvertreter aus über 100 Ländern bestimmen eine Vorauswahl, die Entscheidung fällt aber im Geheimen. Wer die Auszeichnung erhält, bestimmt die Laureus Sports Academy, ein Gremium derzeit bestehend aus 55 Sportikonen wie Boris Becker, Mark Spitz oder Michael Johnson.

Beat Feuz und der Wohlfühlbauch

Sie kürten zum zweiten Mal nach 2017 die amerikanische Turnerin Simone Biles zur Weltsportlerin. Sie steht damit auch in der Tradition der bisherigen Laureaten, die meist aus dem Tennis stammten, Schwimmer waren, Golfer, oder Skifahrer, manchmal Leichtathleten oder eben Turner. Biles wirbelt grazil Pirouetten in die Luft, Djokovic vermisst mit einem Racket den Platz, Mikaela Shiffrin zeichnet mit den Ski Linien in den Schnee wie Maler Pinselstriche auf eine weisse Leinwand. Was sie tun, mag aussergewöhnlich sein, von einzigartiger Qualität und Präzision, es ist aber auch: nachvollziehbar. Denn fast jeder turnte einmal an den Ringen. Fast jeder hielt einmal ein Tennisracket in der Hand. Fast jeder stand einmal auf Ski. Und dass Beat Feuz mit seinem elffach operiertem Knie und Wohlfühlbauch der beste Abfahrer der Welt ist, gibt uns Normalsterblichen das Gefühl, dass wir in unseren verwegensten Träumen zu Ähnlichem im Stande sein könnten.

Daniela Ryf gönnt sich beim Schwimmtraining auf Hawaii 2017 einen Schluck. Ihr Streben nach Perfektion geht trotz drei Hawaii-Siegen in Folge weiter.Jesper Gronnemark/Red Bull Content Pool

Daniela Ryf gönnt sich beim Schwimmtraining auf Hawaii 2017 einen Schluck. Ihr Streben nach Perfektion geht trotz drei Hawaii-Siegen in Folge weiter.Jesper Gronnemark/Red Bull Content Pool

Doch Daniela Ryfs Referenzwerte sind eng an Zahlen geknüpft: 3,86 km Schwimmen, 180,2 km auf dem Fahrrad und zum Abschluss ein Marathon über 42,195 km. In der Einöde Hawaiis, bei Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und starken Winden, den Blick stundenlang auf den gelben Mittelstreifen der Strasse gerichtet. Die Ästhetik ihres Erfolgs liegt nicht in der Flüchtigkeit eines Moments. Sondern in der Bewältigung des Unvorstellbaren. Keine Episode erklärt das besser als die Umstände, die bei Ryfs viertem Hawaii-Sieg in Folge herrschten. Dass sie vor dem Start mit einer Feuerqualle in Berührung kam. Die Arme taub, die Schmerzen höllisch. Dass sie nicht ans Aufgeben, aber auch nicht an den Sieg dachte, sondern nur an die Ziellinie. Und dass sie dann doch gewann. In Rekordzeit. Und dass nur 24 Männer eine der härtesten Ausdauerprüfungen des Sports schneller bewältigten als sie.

Eine Zweiklassengesellschaft

An Ryf offenbart sich das Dilemma des Ausdauersports. Denn Leistungen wie diese sind nur schwer zu verstehen, selbst für jene, die den Weltsportler küren. Und wo das Erklären einer Leistung schwer fällt, ist der latente Dopingverdacht, dieses unsichtbare Stigma, nicht weit. Wohl auch deshalb hat noch nie ein Ausdauersportler – weder bei den Frauen noch bei den Männern – die seit 2000 vergebene Auszeichnung erhalten. Novak Djokovic feierte noch bis spät in die Nacht. Daniela Ryf hingegen diktierte am Tag nach der Gala, auf der Rückreise in die Schweiz, diesen Satz in die Mikrofone: «Ich bin noch weit davon entfernt, fit zu sein. Aber es ist ja noch früh im Jahr.» Alleine das legt offen, dass es an der absoluten Spitze des Weltsports eine Zweiklassengesellschaft gibt: Es teilt nicht in gut und exorbitant gut verdienend. Sondern unterscheidet darin, ob das Wirken für uns irgendwie nachvollziehbar ist oder nicht. Es ist ein Stigma, das der Ausdauersport nie loswerden wird. Auch dann nicht, wenn Daniela Ryf Weltsportlerin geworden wäre.