Ski alpin
Weshalb Lara Guts Sieg im Super G ein erklärbarer Wandel ist

Die Tessinerin gewann den Weltcup-Super-G in Val d'Isère und sorgte so für einen versöhnlichen Abschluss eines zuvor verpatzten Wochenendes. Dies hat auch viel mit der richtigen Materialabstimmung zu tun.

Martin Probst
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Lara Gut hat im Super-G das Gefühl für ihre Ski wiederentdeckt und prompt das Rennen gewonnen.

Lara Gut hat im Super-G das Gefühl für ihre Ski wiederentdeckt und prompt das Rennen gewonnen.

Keystone

Wer zu spät kam, könnte sich kurz die Frage gestellt haben, ob er oder sie sich an der Türe geirrt habe. Ist das die PK mit Lara Gut oder das jährliche Treffen der spirituellen Vereinigung der Alpen? Was der Besucher in diesem Moment hörte, liess eher auf Zweites schliessen.

Es ging um eine höhere Energie. Um Verbindungen mit Gegenständen und Orten. Um nonverbale Kommunikation. Oder vielleicht einfach um die Frage,wie sich offenbar Unerklärliches erklären lässt.

Es war die PK mit Lara Gut und ihr Versuch, zu beantworten, warum sie nach zwei Ausfällen in Folge den Super-G gewonnen hat. Sie sprach von der Verbindung mit Val d’Isère, die sie wieder finden musste. Zu diesem Ort, der ihr in der Vergangenheit oft Glück brachte. Am Freitag und Samstag aber vor allem Kummer. Sie sprach von der Verbindung mit ihren Ski, die nicht mehr stimmte. Und eben auch von der Kommunikationmit ihrem Team, die wortlos stattfinden kann.

Die Top 4 im Gesamtweltcup

1. Mikaela Shiffrin 498 Punkte
4 Bilder
2. Lara Gut 493 Punkte
3. Ilka Stuhec 481 Punkte
4. Sofia Goggia 467 Punkte

1. Mikaela Shiffrin 498 Punkte

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Glaubt sie an eine Art Spiritualität? «Ich glaube an Energie. Dass man sich selbst beeinflussen kann und damit die Leistung», sagt Lara Gut. «Oder anders gefragt: Wie soll ich auf eine rationale Art erklären, was es heisst, dass ich den Ski nicht mehr gespürt habe?» Denn das war das Problem in den vergangenen Tagen.

Etwas gelernt

Aber was war das Problem mit dem Material? Vater und Trainer Pauli Gut erklärt: «So tiefe Schneetemperaturen wie hier hatten wir in diesem Jahr noch nie. Wir haben einfach nicht die richtige Abstimmung gefunden. Erst als wir die Kanten weniger intensiv präparierten, hat es gepasst. So bekam Lara endlich wieder die Rückmeldung vom Ski, die sie braucht.» Warum aber hat es so lange gedauert, bis das Set-up gefunden wurde?

Vor dieser Saison verliess Servicemann Chris Krause, der als einer der Besten des Fachs gilt, das Team Gut. Die Zusammenarbeit mit Nachfolger Thomas Rehm muss sich noch einpendeln. Hinzu kommt, dass Lara Gut erstmals seit dem Wechsel zu Head grössere Probleme mit der Abstimmung des Materials hatte.

Lara Gut zusammen mit ihrem Vater Pauli Gut.

Lara Gut zusammen mit ihrem Vater Pauli Gut.

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Ihr fehlt also auch die Erfahrung, die richtigen Rückmeldungen von der Piste zu geben, wenn etwas nicht stimmt. Die 25-Jährige sagt: «Wenn es mir nicht gut läuft, ist es für mich sehr schwierig, zu kommunizieren.»

Im Vorfeld der ersten Saison mit Headarbeitete sie bei der Materialabstimmung mit Didier Cuche zusammen, der zeit seiner Karriere als Skitüftler galt. Von ihm konnte sie sehr viele Dinge lernen. Das Gefühl dafür muss sie aber selbst entwickeln.

Am Samstag sagte Lara Gut nach zwei Ausfällen in Folge: «Vielleicht habe ich ja dadurch wieder was gelernt, ich weiss zwar noch nicht was.» Vielleicht ist es die Erfahrung im Umgang mit Materialproblemen und deren Lösung. «Ich bin nicht falsch Ski gefahren, aber es war, als hätte ich nicht das richtige Gefühl gefunden», sagt sie. Die Erfahrung, dass sie es wieder finden kann, hat sie nun gemacht. Es wird sie im Materialbereich weiterbringen.

Teamwork

Neben dem Ski war für die Tessinerin noch etwas anderes ausschlaggebend für den Sieg am Sonntag. «Ich habe meinem Team mein Herz geöffnet. Es war unglaublich, ich musste gar nicht viel sagen. Die kennen mich eigentlich besser, als ich es tue. Sie konnten mir das Gefühl geben, dass nichts falsch war. Dass ich nicht falsch gefahren bin.»

Es war der Ski. Nonverbale Kommunikation nennt es Lara Gut. Es ist einer der Vorteile des Privatteams. Sie hat Menschen um sich, denen sie blind vertraut. Die ihr helfen können, wenn es anderen nicht mehr gelingt.

Nach zwei Ausfällen und einem Sieg bleibt nach den Tagen in Val d’Isère aber der Fakt, dass sie im Gesamtweltcup weit weniger Punkte auf Mikaela Shiffrin gutmachen konnte als gedacht. Sie sagt: «Ich gehe mit einem Lächeln. Ich denke nicht an die Punkte.» Wie sie es immer betont. Freude macht ihr, dass «ich mich selbst wiedergefunden habe». Damit wird sie noch einmal tiefgründig und lässt die Besucher mit der offenen Frage zurück, ob es nun eine PK oder ein spiritueller Workshop war.