Pflichtgefühl
Weshalb die ZSC Lions eine lange Zeit unbefriedigende Saison doch noch mit dem Meistertitel krönten

Der Siebtplatzierte der Qualifikation wird Schweizermeister. Die ZSC Lions setzen sich im Playoff Final in sieben Spielen gegen Lugano durch. Und dies obwohl die Qualifikation aus Sicht der Zürcher mühsam und zähflüssig verlief.

Marcel Kuchta
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Wuchsen im Verlauf der Playoffs zu einer verschworenen Einheit zusammen: Die ZSC Lions feiern ihren Meistertitel nach dem Schlusspfiff in Lugano.

Wuchsen im Verlauf der Playoffs zu einer verschworenen Einheit zusammen: Die ZSC Lions feiern ihren Meistertitel nach dem Schlusspfiff in Lugano.

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Jetzt sind die ZSC Lions tatsächlich Meister geworden. Der Siebtplatzierte nach der Qualifikation. Einer Qualifikation, die aus Sicht der Zürcher mühsam und zähflüssig verlief. Einer Qualifikation, die mehr Fragen aufwarf, als dass sie Antworten gab über die wahre Stärke dieser Mannschaft. Ist sie talentiert, aber faul? Oder ist sie doch nicht so talentiert, wie das die Experten gedacht hatten? Zumal nicht einmal der Trainerwechsel von Hans Wallson zu Hans Kossmann einen positiven Effekt zu haben schien.

Diese unsägliche Qualifikation schlossen die ZSC Lions mit drei Niederlagen ab und schossen dabei total drei Tore. Die Playoffs begannen sie mit einer 1:4-Niederlage in Zug und verspielten in der zweiten Partie der Viertelfinalserie beinahe noch eine 4:1-Führung. Aber eben nur beinahe: Jener 5:4-Zittersieg war der Auftakt zu einem Steigerungslauf, den man nicht für möglich hielt.

Und der am Freitagabend in der lauten, ausverkauften Resega in Lugano mit dem Meistertitel der Zürcher endete. Ausgerechnet dort, wo es nach den Leistungen der Zürcher in den beiden vorhergegangen Finalspielen eigentlich niemand mehr erwartet hatte.

Lukas Flüeler, Goalie Ein konstant herausragender Torhüter war er noch nie. Aber Lukas Flüeler kann eben dann sehr, sehr gut sein, wenn es zählt. Das war auch in dieser Saison so. In den Playoffs ein sicherer Rückhalt.
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Kevin Klein, Verteidigung War in den letzten Playoffs seiner Spielerkarriere auf einer Mission. Der Kanadier räumte nicht nur hinten auf, sondern gab auch in der Offensive immer wieder wertvolle Impulse.
Patrick Geering, Verteidigung Was will man mehr, als seine erste Saison als Team-Captain mit einem Titel abzuschliessen? Auf dem Weg zum Ruhm musste der Nationalspieler auch Krisen überwinden. Er biss sich durch.
Reto Schäppi, Sturm Der grossgewachsene Mittelstürmer steht stellvertretend für die «Abbruch-Linie» mit Chris Baltisberger und Fabrice Herzog. Dieses Trio glänzte vor allem gegen den SC Bern mit seiner Physis.
Fredrik Pettersson, Sturm Auch wenn für ihn die Playoffs mit seinem üblen Foul gegen Maxim Lapierre vorzeitig zu Ende gingen: Ohne den schwedischen Goalgetter wäre die ZSC-Saison viel früher zu Ende gewesen.
Pius Suter, Sturm Er bringt den perfekten Mix aus Spielfreude und Kampfkraft mit. Der Nationalstürmer ist ein steter Gefahrenherd für die gegnerische Defensive. Kann, wenn nötig, auch böse sein.

Lukas Flüeler, Goalie Ein konstant herausragender Torhüter war er noch nie. Aber Lukas Flüeler kann eben dann sehr, sehr gut sein, wenn es zählt. Das war auch in dieser Saison so. In den Playoffs ein sicherer Rückhalt.

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Hans Kossmanns Hauptrolle

Doch wie kam dieser unwahrscheinliche Playoff-Steigerungslauf zustande? Nun – etwas vereinfacht ausgedrückt: Die Spieler der ZSC Lions entdeckten gerade noch rechtzeitig ihr Pflichtgefühl. Das heisst, dass die Zürcher ihren Job endlich so ausübten, wie es nötig ist, um Erfolg zu haben. Bei diesem Kulturwandel spielte Headcoach Hans Kossmann eine Hauptrolle. Das «Demokratie-Prinzip» unter dem schwedischen Trainerduo Wallson/Johansson, das an die Selbstdisziplin und Selbstverantwortung der Spieler appellierte, hatte nicht mehr funktioniert.

Headcoach Hans Kossmann.

Headcoach Hans Kossmann.

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«Notnagel» Kossmann, der wusste, dass seine Amtszeit am Saisonende vorbei sein würde, schaffte es, dass einerseits jeder seiner Akteure eine Rolle übernehmen konnte, die zu ihm passte. Aber er schaute eben andererseits auch darauf, dass der betreffende Spieler diese Rolle entsprechend ausführte. Oder eben: seine Pflicht auf dem Eis erfüllte. Wenn er es nicht tat, dann kamen junge, motivierte Spieler wie Prassl, Miranda oder Berni zum Handkuss.

So war es möglich, dass aus einem Haufen talentierter, aber eben auch oft desorientierter und mässig engagierter Profis ein Kollektiv entstand, das seine favorisierten Gegner in den Playoffs mit Wucht und Disziplin in die Knie zwang. Nur so war es möglich, dass die ZSC Lions auf dem Weg zum Titel den Quali-Zweiten Zug, den Quali-Sieger Bern und den Quali-Vierten Lugano eliminierten. Dieser Triumph ist deshalb auch ein Triumph für Hans Kossmann, der seinen ersten Titel als Trainer in der Schweiz also unter ungewöhnlichen Umständen feiern durfte.

Sven Leuenberger darf nicht fehlen

Bei dieser Würdigung darf allerdings der Name eines Manns nicht fehlen, der den Kulturwandel in Zürich im vergangenen Sommer initiierte – und nun früher als gedacht für seine Bemühungen belohnt wurde: Sportchef Sven Leuenberger. Als er 2017 bei den ZSC Lions die Nachfolge von Edgar Salis antrat, da musste der Mann, der in derselben Position während zehn Jahren die Geschicke des SC Bern leitete, erst einmal eine Bestandesaufnahme machen.

ZSC-Sportchef Sven Leuenberger

ZSC-Sportchef Sven Leuenberger

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Seine Möglichkeiten, Korrekturen vorzunehmen, waren überschaubar. Aber er holte mit Kevin Klein und Fredrik Pettersson – trotz diskreter Finalvorstellungen und dem Brutalofoul gegen Maxim Lapierre – zwei Ausländer, die während der Playoffs zu den dominierenden Figuren der Lions gehörten.

Und er fand mit Lauri Korpikoski später einen unterschätzten Arbeiter, der die neue Mentalität dieser Mannschaft mitprägte. Weniger Schein, mehr Sein. Oder eben alles eine Frage des Pflichtgefühls.