Wenn Chris Coleman sich nach getaner Trainingsarbeit im Camp der walisischen Nationalmannschaft einen Liegestuhl nimmt und in die Weite des Atlantischen Ozeans schaut, fragt er sich manchmal: Bin ich wirklich immer noch in der Bretagne oder träume ich bloss? Stimmt es, dass wir gegen die Belgier spielen und in den Halbfinal kommen, wenn wir sie besiegen? Dann kneift sich der Trainer der Waliser in den Arm und weiss: Es ist kein Traum, wir sind tatsächlich noch da und gehören zu den besten acht. Wow, welch eine Sensation!

Man könnte vielleicht denken, dass Coleman sich solche Gedanken macht. Und liegt damit falsch. «Ich sitze sicher nicht einfach nur da, träume vor mich hin und wundere mich darüber, was passiert ist», sagt Coleman. «Ich weiss doch genau, dass wir gut sind und hart für den Erfolg gearbeitet haben.»

Coleman who?

Man muss sich gut im Fussball auf der Insel ausgekannt haben, um diesen Coleman schon vor der EM auf dem Radar gehabt zu haben. Jenen Mann, der Wales erstmals seit der WM 1958 an ein grosses Turnier geführt hat und in Frankreich für Furore sorgt.

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Der 45-Jährige, der in Swansea auf die Welt gekommen ist, hat eine respektable Spielerkarriere hinter sich. Zwar ohne Titel, doch wer auf 576 Pflichtspiele von der Premier League bis zur dritten Liga verweisen kann und 32-mal für Wales aufgelaufen ist, hat einiges geleistet.

Hätte er sich nicht bei einem Autounfall einen doppelten Beinbruch zugezogen, wären es noch bedeutend mehr Partien geworden. Doch in ein Loch ist er deswegen nicht gefallen. Coleman wurde bei Fulham Assistent von Cheftrainer Jean Tigana und 2003 dessen Nachfolger. Später trainierte er mit mässigem Erfolg San Sebastian, Coventry und Larisa in Griechenland. Unter dem Strich liess sich sagen: eine Allerweltkarriere.

Dann aber wird seine Geschichte spannend, beginnt allerdings mit einem tragischen Ereignis. Am 27. November 2011 wird Gary Speed tot aufgefunden; erhängt in seiner Garage, seine Frau und zwei Kinder hinterlassend, nicht aber eine Erklärung. Auch Speed hatte eine gute Profikarriere gemacht mit 85 Spielen für Wales und der Berufung zum Nationaltrainer im Dezember 2010.

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Was dies mit Coleman zu tun hat? Eine Menge. Coleman ist seit seinem zehnten Lebensjahr eng mit Speed befreundet gewesen. Dessen Selbstmord hat ihn bis ins Mark getroffen. Doch ausgerechnet er sollte nun auf Wunsch des walisischen Verbandes Anfang 2012 die Nachfolge Speeds antreten. «Ich hatte immer davon geträumt, Nationalcoach zu werden, aber es wurde ein Albtraum», sagt Coleman.

«Ich versuchte genau so zu sein wie Gary und alles genau gleich zu machen.» Es war der völlig falsche Weg. Das Team war von Speeds Tod traumatisiert und «untrainierbar», wie Nationalspieler Craig Bellamy später sagte. «Ich versuchte zu sprechen wie Gary. Aber die Spieler glaubten mir nicht, weil sie spürten, dass ich selber nicht glaubte, was ich sagte.» Unter Coleman verlor Wales die ersten fünf Spiele. Seine Frau sagte: «Verlier wenigstens mit deinen eigenen Ideen, du bist nicht mehr du!»

Alles umgekrempelt

Nach dem 1:6 in Serbien war Coleman nahe dran, aufzugeben. «Doch dieses Debakel hatte es gebraucht, um neu anzufangen», sagt er später. Er machte weiter und krempelte das Hinterste und Letzte um, von den Trainings über das Essen bis zu den Reisen. Er forderte das totale Bekenntnis zum Nationalteam. Die Zeiten, in denen Superstar Ryan Giggs von Manchester United auf Geheiss von Alex Ferguson nicht zu Testspielen erschien, mussten der Vergangenheit angehören.

Mit Real Madrid pflegt er nun ein derart gutes Verhältnis, dass Ausnahmespieler Gareth Bale auch dann in Wales einfliegen darf, wenn er verletzt ist. Jeder will dabei sein, wenn sich die «Familie» trifft. Besonders auch Bale, der mit 380 000 Euro in einer Woche weit mehr verdient als Coleman (270 000) im Jahr.

Jubelnde Bilder der Waliser sind an der EM 2016 zur Gewohnheit geworden.

Jubelnde Bilder der Waliser sind an der EM 2016 zur Gewohnheit geworden.

Die «Familie» ist zum Symbol der Waliser geworden, der Teamgeist zur Waffe. Dass die Spielkultur nicht immer ein Genuss ist, lässt Coleman kalt. «Ich würde gerne wie Barcelona spielen, aber was nützen 60 Prozent Ballbesitz, wenn wir verlieren?» Coleman hat den Ruf, seine Teams taktisch perfekt einzustellen, aber nicht immer gut zu coachen.

Doch die Erfolge geben ihm recht, sein 5-3-2-System funktioniert. Die Waliser kassieren kaum Gegentore und vorne sorgen Arsenals Aaron Ramsey und vor allem Bale für die Differenz. Coleman weiss, dass vieles mit Bale steht und fällt. «Aber wir haben in Belgien ohne ihn 0:0 gespielt, das hat mein Team mental befreit.»

Der Trainer hat den Viertelfinal gegen Belgien zum wichtigsten Spiel in der Geschichte des walisischen Fussballs erklärt. Aber selbst wenn seine Überflieger in Lille die nächste Sensation schaffen sollten, wird Coleman nicht das Gefühl haben, es sei alles nur ein Traum. Aber er wird sich mit Gary Speed freuen. Denn er ist überzeugt, dass sich sein verstorbener Freund im Jenseits unglaublich über diese walisische Mannschaft freut.