Hallwil anstatt Moskau. 788 Einwohner anstatt 11,55 Millionen. Grüne Wälder anstatt grauer Smog. Gemperle anstatt Vinogradova. Das Leben der 25-jährigen russischen Weltklasse-Orientierungsläuferin Natalia Gemperle hat sich seit ihrer Heirat mit dem früheren Schweizer Frauentrainer Rolf Gemperle so ziemlich verändert. Sie sieht es positiv. «Alles hier ist perfekt, um mich auf meinen Sport zu konzentrieren. Die Trainingsmöglichkeiten liegen vor der Haustüre. Meine Freunde in Moskau träumen von solchen Bedingungen. Dort fährt man drei Stunden mit dem Auto, bis man am Trainingsort ist».

Natalia lächelt. Sogar, wenn sie erklärt, dass sie ab und zu ihre Familie und die Freunde aus der Heimat vermisst. Sie lacht oft und herzlich. Sportlich läuft es ihr formidabel, seit ihr Ehemann den OL-spezifischen Teil der Trainingsarbeit übernommen hat. Für das Lauftraining und das Krafttraining sind ihre russischen Coaches verantwortlich, schliesslich bleibt Natalia Gemperle auch unter dem neuen Namen Mitglied der russischen Nationalmannschaft. Sie ist ihr Aushängeschild, hat an der WM Gold, Silber und Bronze gewonnen und an der EM Gold und Bronze. Eine unglaubliche Steigerung, wenn man mit den beiden Jahren zuvor vergleicht, wo sie aufgrund eines Übertrainings nie richtig auf Touren kam.

Trailer: OL-Weltcupfinale in Aarau

Zurzeit sind bei Gemperles in Hallwil noch drei weitere russische Athletinnen untergebracht. Sie alle bereiten sich auf den Weltcupfinal vom Wochenende in und um Aarau vor. Natalia befindet sich zwar nicht mehr in der WM-Traumform, dennoch hat sie sich für den Langdistanz-Wettkampf vom Samstag viel vorgenommen.

Schliesslich ist es neuerdings so etwas wie ihr Heimrennen. Sie schaut ihren Mann an und sagt: «Wir haben gemeinsam viel über das Terrain gesprochen und auch oft in solchem Gelände trainiert. Überall im Wald hat es Dornen. Zum Glück aber auch viele Wege, auf die man ausweichen kann.» In der Favoritenrolle sieht sie sich aber trotz ihrer zunehmenden Routine in den typisch «grünen» Mittellandwäldern nicht. «Ich bin im Rennen quer durch die Dornenfelder nicht so gut wie die Schweizer», sagt sie.

Die passionierte Naturfotografin, die diese Leidenschaft mit ihrem Ehemann, dem Profi-Fotografen, teilt, bevorzugt die direkte Route quer über Stock und Stein. Das hat sie aus ihren vielen Aufenthalten im hohen Norden mitgenommen. Und von Ehemann Rolf die Weisheit, dass der direkte Weg nicht immer der schnellste ist. Mit einer gewagten Umlaufroute legte sie an der Weltmeisterschaft die Basis für die viel beachtete Silbermedaille in der Königsdisziplin Langdistanz.

Natalia Gemperle an der OL-Weltmeisterschaft in Schweden. In Aarau will sie eine überaus erfolgreiche Saison würdig abschliessen.

Natalia Gemperle an der OL-Weltmeisterschaft in Schweden. In Aarau will sie eine überaus erfolgreiche Saison würdig abschliessen.

Für die WM in Schweden hat das Ehepaar viel investiert, sich in St. Moritz im Höhentraining und später in Skandinavien vor Ort minutiös vorbereitet. Danach gab es auch einen Abstecher nach Moskau. Alles in einem VW-Bus, der als Camper dient. So kommt man in einer Sportart, in welcher selbst im sportverrückten Russland kein Geld zu verdienen ist, über die Runden.

Erst am letzten Wochenende kehrte Natalia ins beschauliche Aargauer Seetal zurück. Die örtliche Musikgesellschaft hat sie nicht erwartet. Dass sich unter den knapp 800 Einwohnern eine Weltmeisterin befindet, wissen wohl die wenigsten im Dorf.

Vielleicht kann sie ja im kommenden Jahr zum 1. August die Festrede in Hallwil halten. Natalia lernt derzeit fleissig Deutsch. Wenn ihr dies mit dem gleichen Erfolg wie im OL gelingt, dann versteht sie dannzumal sogar der hinterste und letzte Dorfbewohner. Auch wenn er vielleicht noch immer nicht ganz begriffen hat, wer denn da jeden Morgen im russischen Nationaldress in einem Affenzahn durch die heimischen Brombeerfelder rennt.