Stan Wawrinka wächst auf einem Bio-Bauernhof im 700-Selen-Dorf Saint-Barthélemy auf, als Sohn eines Bauern, inmitten von Kühen, Schafen, Hühnern und mit Behinderten, die auf der «Ferme du Châteu» arbeiten. Er ist schüchtern und unauffällig. Den Ruf hat er auch in Crissier, wo er die Rudolf-Steiner-Schule besucht. «Ich war immer der, den man übersieht», sagt er später einmal. Er gilt nie als grosses Talent, dafür als harter Arbeiter, der lieber sein Racket sprechen lässt.

In einem Porträt mit dem Titel «Die Kunst des Verlierens» verrät er, dass er sich nicht gerne auf Fotos oder Videos sieht – es habe etwas Selbstverliebtes. 2003 gewinnt er das Junioren-Turnier von Roland Garros, arbeitet sich danach in die Weltspitze vor. Inzwischen ist Wawrinka dreifacher Grand-Slam-Sieger, einer der Weltbesten. Seine Bühnen sind nun New York, Paris, Melbourne, London. Doch in der Welt, in der er sich bewegt, fühlt der 34-Jährige sich zuweilen wohl noch immer fremd. Stan Wawrinka lebt in einem ständigen Widerspruch.

Hier seine Wurzeln, die Werte, die ihm seine Eltern mitgegeben haben. «Kampfgeist, Arbeitsethos, Entschlossenheit, Leidenschaft. Vor allem aber: Integrität und Ehrlichkeit», schreibt Wawrinka am Freitag in einem offenen Brief in der britischen Zeitung «The Times». Dort die glitzernde Tennis-Welt, eine Blase der Unverbindlichkeit, der Oberflächlichkeit, der Dekadenz. Am Schreiben offenbart sich auch, wie sehr Wawrinka dieses Spannungsfeld anwidert.

Er skizziert darin einen «besorgniserregenden Zerfall der moralischen Werte» im Welttennis. Seine Kritik zielt vor allem auf den Umgang mit der Causa Justin Gimelstob. Der Amerikaner sass seit 2008 als Vertreter der Spieler aus Nord- und Südamerika im Vorstand der ATP. Im Dezember wurde er wegen schwerer Körperverletzung angeklagt, nachdem er im Oktober einen Bekannten seiner früheren Frau auf offener Strasse verprügelt hatte. Ende April wurde er zu drei Jahren Haft auf Bewährung, 60 Tagen gemeinnütziger Arbeit und einer Therapie zur Aggressionsbewältigung verurteilt. Erst dann legte er alle seine Ämter nieder.

Wawrinka: «Das genügt nicht»

Für viele seiner Kollegen, so schreibt Wawrinka, sei der Fall damit erledigt. «Doch das ist es nicht. Das genügt nicht. Wir sind alle verantwortlich und müssen daraus lernen.» Namen nennt Wawrinka zwar keine, aber mit der Kritik trifft er – ob beabsichtigt oder nicht – auch Roger Federer. Dieser erklärte den Fall in Madrid für erledigt, als er sagte: «Wir können nun wieder nach vorne schauen.» Ihm war vorgeworfen worden, dass er sich nie zum Fall geäussert hatte. Er rechtfertigte das mit seiner Abwesenheit vom Turnierzirkus:

«Niemand klopfte an meine Türe.» Wenn er nach seiner Meinung gefragt werde, beziehe er immer Stellung. Etwas, das Rafael Nadal nicht für sich reklamieren kann. Als er vergangene Woche in Barcelona zum Fall befragt wurde, sagte er: «Ich möchte nichts dazu sagen.» Weil er an einem Virus leidet, konnte er sich in Madrid weiteren Fragen entziehen. Wawrinka moniert, das Fehlen von Reaktionen der Involvierten habe ihn schockiert, sei beschämend und alarmierend. «Wer in solchen Momenten schweigt, macht sich zum Komplizen und trägt damit Mitschuld.»

Stan Wawrinka, der ab 2014 zwei Jahre lang zum Spielerrat der ATP gehört hatte, schrieb in seiner Abrechnung, im Vorstand seien Leute, die dort keinen Platz mehr hätten; und es war klar, dass er damit Gimelstob meinte, der während des Prozesses gegen ihn eine zentreale Rolle bei der Abstimmung spielte, in der sich der Vorstand gegen die Verlängerung des Vertrages von Chris Kermode an der Spitze der ATP aussprach. Es galt als offenes Geheimnis, dass Gimelstob auf den Posten aspirierte, portiert von Novak Djokovic, dem Vorsitzenden des Spielerrats.

Nachdem Gimelstob aus dem Rennen ist, droht ein Vakuum. «Sehen Sie uns an», schreibt Wawrinka. «Dieses politische Chaos wird von einer Handvoll von Leuten mit persönlichen Ambitionen verursacht und – schlimmer noch – ohne einen Plan nach ihrem Komplott gegen Kermode.» Djokovic berief sich jeweils auf die Vertraulichkeit der Diskussionen im Spielerrat. Die Frage, weshalb man gegen die Verlängerung des Vertrags gestimmt habe, liess er bis heute unbeantwortet. Stattdessen beliess er es beim inhaltsleeren Kommentar, es sei an der Zeit für neue Ideen.

Opposition gegen Djokovic

Der ATP-Vorstand hatte Gimelstob nach der Anklageerhebung im Dezember im Amt belassen, was Wawrinka heftig kritisiert. Es hätte nie so weit kommen dürfen, dass der Spielerrat über das Schicksal des Amerikaners entscheiden müsse. Was er unerwähnt liess: Der Spielerrat um Djokovic kann seine drei Vertreter jederzeit und durch einfache Mehrheit absetzen, so geschehen im Fall des Franzosen Roger Rasheed im letzten November.

Novak Djokovic sieht sich seit geraumer Zeit wachsender Opposition der Kollegen ausgesetzt. Unter ihnen die früheren Vorsitzenden des Spielerrats, Roger Federer und Rafael Nadal, sowie Stan Wawrinka. Sie hatten sich für eine Zukunft mit Kermode ausgesprochen. Federer hatte Djokovic im März am Tag vor der Abstimmung um ein Gespräch gebeten, war von diesem aber auf nach der Abstimmung vertröstet worden.

«Ich hoffe, unser Sport kann diese grässliche Zeit bald hinter sich lassen», schliesst Wawrinka sein Pamphlet mit explosivem Inhalt. Am Samstag trafen er und Djokovic sich. Zaungästen zufolge war die Unterredung am Ende intensiver als das Training. Längst begegnet Wawrinka den Grössten auf Augenhöhe. Doch so ganz dazugehören, das will er nicht. Zu sehr missfallen ihm der Egoismus und die Geltungssucht.