Unruhig rutscht er auf seinem Stuhl hin und her, die Hände mal gestikulierend in der Luft, mal Halt suchend am Tischrand. Immer genau beobachtend, was um ihn herum passiert. Vor ihm liegen Arbeitsblätter aus dem Schulfach «Natur, Mensch, Gesellschaft», Thema: Vulkane. «Es ist manchmal nicht einfach, aber die Schule gehört eben auch dazu», sagt Jonas Hasler.

Es wirkt reif, abgeklärt. Dabei ist er erst 11 Jahre alt. «Mir gefallen Dinge, bei denen ich experimentieren kann.» Dann springt er auf: «Ich muss etwas holen.» Sekunden später zeigt er einen rot eingefärbten Eisblock, entstanden währenddes Unterrichts. Als Schwester Leonieauftaucht, umarmt er sie. Mutter Sabine, die beim Gespräch mit am Tisch sitzt, lacht: «Deshalb bringt er unser Leben durcheinander.» Die Haslers, eine ganz normale Familie.

Könnte man meinen. Jonas Hasler – lange Haare, hager, schelmisches Lächeln– ist eines der grössten Snowboard-Talente der Welt. Anfang Jahr weilte er auf Einladung in Vail, Colorado, zum Burton US Open Junior Jam, als einer der 16 Weltbesten unter 15 Jahren. Jonas Hasler, der elfjährige. Bei den Schweizer Meisterschaften in Laax in der Halfpipe holte er Bronze bei den Grossen. Starten durfte er nur dank einer Wild Card, weil er den Titel in der Kategorie U13 gewonnen hatte. Klar, er profitierte auch davon, dass wegen aufziehender Winde die Qualifikation vom Vormittag gewertet wurde, und sagt bescheiden: «Das war schon überraschend.»

Doch wer Hasler durch die grösste Halfpipe der Welt in Laax fahren sieht, kann verstehen, wieso er als Überflieger gilt. Das spiegelt sich auch in seiner Persönlichkeit wider: Kreativ, experimentell und furchtlos. Jonas sagt: «Ich bin ein Draufgänger.» Angst? Nicht in der Halfpipe. «Respekt schon, und manchmal brauchtes Überwindung. Aber wenn man Angst hat, ist es nicht der richtige Sport.»

Erfolg nur als Zwischenstation

Das ist Jonas, der Sportler: zielstrebig, fokussiert, ehrgeizig, willensstark und reflektiert. Einer, von dem Nationaltrainer Pepe Regazzi sagt, manchmal wünsche ersich von älteren Athleten das Wettkampfverhalten des Elfjährigen. Ein Junge, der am Tag nach seinem grössten Erfolg um halb neun die erste Gondel nimmt. Der sich sagt: Jetzt weiss ich, es hat noch zwei grosse Jungs vor mir gehabt. Einer, der einen Erfolg nur als Zwischenstation versteht und mit kindlicher Unbekümmertheit grosse Träume hat.

Einer, bei dem offenbar vieles intuitiv geschieht. Mutter Sabine sagt: «Jonas hat eine extrem gute Grundtechnik, ein Gefühl für die Geschwindigkeit und das Risiko. Was er macht, macht er aus dem Bauch heraus. Wir haben das in diesem Alter auch bei einigen Grossen unseres Sportes beobachtet. Ihm sagen wir das natürlich nicht, sonst hebt er noch ab.»

Das stationäre Wohnmobil

Natürlich, als Mutter ist die Deutsche Sabine Wehr-Hasler befangen. Andererseits wissen sie und ihr Mann Patrik, wovon sie reden. Sie fuhren im Weltcup. Sie starteten bei Olympischen Spielen. Sie gewann sogar zwei WM-Medaillen. Snowboarden ist für sie ein Lebensentwurf. Deshalb kauften sie vor vier Jahreneine 1,5-Zimmer-Wohnung in Laax, «unser stationäres Wohnmobil».

Sie und ihr Mann Patrik, der als Informatiker arbeitet, sind zeitlich relativ flexibel. Doch das Snowboarden ist finanziell belastend. 23 000 Franken kostet das Schuljahr an der Sportschule in Kreuzlingen, «ohne die Unterstützung einer Stiftung wäre das für uns nicht zu stemmen», sagt Sabine Hasler. Der Sport sei die beste Lebensschule, doch ihr ist auch wichtig, dass die Kinder die Ausbildung nicht vernachlässigen.

«Respekt schon. Aber wenn man Angst hat, ist es nicht der richtige Sport.»

«Respekt schon. Aber wenn man Angst hat, ist es nicht der richtige Sport.»

Als sie das sagt, unterbricht Jonas sie. Er erzählt, wie er einen leeren Salzstreuer mit Wasser gefüllt und ihn auf den Kopf gestellt habe: «Das Wasser läuft nicht aus. Cooler Trick, oder?», fragt er. Das ist Jonas, der Mensch: neugierig, experimentierfreudig, verspielt, extrovertiert, ein wenig flatterhaft vielleicht.

Nichts unterstreicht das mehr als die Anekdote, welche seine Mutter an diesem Nachmittag erzählt: «Jonas hatte Hunger und wollte einen Berliner, doch wir sagten Nein: zu teuer. Wenig später kam er mit zwei Berlinern zurück. ‹Wie hast du das gemacht?›, fragte ich ihn. Und er sagte: ‹Mami, ich habe Kisten gestapelt und dafür einen Berliner bekommen.› Und den zweiten? Den forderte er für Schwester Leonie ein.»

Am liebsten spielt er «Fangis »

Jonas fährt regelmässig mit der Schweizer Elite: mit Jan Scherrer, mit Pat Burgener, mit Dave Hablützel, auch Iouri Podladtchikov kennt er. Sie sind seine Vorbilder, aber auch seine künftigen Konkurrenten. An den Schweizer Meisterschaften habe er erstmals gemerkt, dass es nicht nur gut ankomme, wenn ein Dreikäsehoch so gut fährt. Ältere Nachwuchsfahrer waren mit der Notengebung nicht einverstanden.

Eine zu hohe Note wurde nach unten korrigiert, um den Jö-Faktor zu eliminieren. Jonas war trotzdem weiter auf dem Podest. Wer so jung, so talentiert und dabei auch noch so bodenständig ist, provoziert eben auch Neid und Ablehnung. Nicht nur auf der Piste, sondern auch im Dorf. Dort sprengte Jonas schon früh den Rahmen einer normalen Primarschule, auch wenn er mit den gleichaltrigen Kollegen immer noch am liebsten im Wald hinter dem Haus «Fangis» und «Räuber und Poli» spielt.

Polizist als Plan B?

Die Haslers wohnen in Ottoberg, einem Ortsteil der Thurgauer Gemeinde Märstetten. Doch ihre Kinder gehen inzwischen in Kreuzlingen an der NET zur Schule. Von hier aus möchte Jonas Hasler seine Sportlerkarriere aufbauen. Im Moment, so formuliert es die Mutter, sagt Jonas: Nach neun Jahren ist Schluss mit Schule.

Dann will er als Snowboardprofi um die Welt reisen, fürContests, aber auch zum Freeriden. Undwenn das nicht klappt? Hat er einen Plan B? Einen Berufswunsch? «Polizist», sagt er, «da bin ich draussen und habe Bewegung.» Es ist die Antwort eines Elfjährigen. Doch wirklich überzeugend ist sie nicht. Anfang Jahr sagte Jonas im Schweizer Fernsehen noch, er würde gerne Pilot werden. «Weil: Fliegen ist Freiheit. Das ist es, was mich am Snowboarden fasziniert.»

Es ist nicht so, dass Jonas Hasler kein Interesse an anderen Dingen hätte. Doch nirgendwo kommen so viele zusammen wie im Snowboarden. Und man stellt sich unweigerlich die Frage: Kann man mit elf Jahren wissen, was man im Leben tun will? Wenn man Jonas Hasler sieht, muss man zum Schluss kommen: Ja, man kann.