Kolumne
Wer ist Bernhard Russi?

In kaum einem anderen Land hat der Sport eine so vielfältige, ruhmreiche Geschichte wie in der Schweiz. Aber fast niemand kennt unsere sportliche Vergangenheit.

Klaus Zaugg
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Abfahrts-Olympiasieger Bernhard Russi (rechts) und der Olympiazweite Roland Collombin (vorne links) auf den Schultern der Fans an den Olympischen Winterspielen in Sapporo 1972.

Abfahrts-Olympiasieger Bernhard Russi (rechts) und der Olympiazweite Roland Collombin (vorne links) auf den Schultern der Fans an den Olympischen Winterspielen in Sapporo 1972.

Keystone
Klaus Zaugg

Klaus Zaugg

Kennen Sie Wilhelm Tell? Ja, natürlich. Unsere Schul­bücher erzählen uns die Geschichte unseres Freiheitshelden. Die Büchergestelle sind voll mit Werken über die Titanen des Kriegshandwerkes, der Malerei, der Literatur, der Musik oder der Forschung. Die eigene Geschichte zu kennen, ist wichtig. Sie dient nur zu oft den Regierenden als Legitimation ihrer Macht. Sie gibt einer Sache Kraft und Bedeutung.

Nur unser Sport hat das bis heute nicht begriffen. In kaum einem anderen Land hat der Sport eine so vielfältige, ruhmreiche Geschichte wie in der Schweiz. Diese Geschichte könnte ein riesiges politisches Kapital sein. Aber fast niemand kennt unsere sportliche Vergangenheit.

Die meisten wissen, dass Adrian von Bubenberg in fernen Zeiten der heldenhafte Verteidiger von Murten war. Aber kaum mehr jemand weiss, dass René Kiener der heldenhafte Verteidiger des Tores im ersten SCB-Meister-Team war. Den Namen Jörg Jenatsch lernen die Kinder in Graubünden in der Schule. Aber von Bibi Torriani hören sie nichts. Über Ulrich Zwingli gibt es sogar einen Kinofilm. Aber welcher Zürcher erinnert sich noch an Karl Oberholzer, den erfolgreichsten Präsidenten der GC-Geschichte?

Weshalb der Sport in Nordamerika wichtiger ist als bei uns

Der grösste Unterschied zwischen dem Sport in Nordamerika und in der Schweiz ist die Hege und Pflege der eigenen Geschichte. Darum ist der Sport in Nordamerika so viel wichtiger als bei uns. In Toronto ist die «Hall of Fame», die Ruhmeshalle des Eishockeys, eine Touristenattraktion. In der Schweiz haben wir kein Eishockey-Museum.

Nun entdecken wir in Zeiten der Viruskrise gerade zum ersten Mal unsere Vergangenheit. Weil es keine Gegenwart mehr gibt. Sogar das staatstragende Fernsehen blickt zur besten Sendezeit auf Sport-Highlights der vergangenen Jahre zurück.

Lichtgestalt der Werbeindustrie

Nun mag man einwenden: Aber halt, wir erinnern uns sehr wohl an unsere sportlichen Helden. Denken Sie doch an Bernhard Russi! Über den gibt es sogar mehrere Bücher! Den kennt doch jedes Kind! Ja, gewiss. Aber er ist für die «Millennials» kein Held des Sports. Sondern eine Lichtgestalt der Werbeindustrie. Kürzlich bekam ich auf meine Frage, wer Bernhard Russi eigentlich sei, zur Antwort: Ach, das ist doch dieser Dressmann für Brillen, oder?