Zuhören? Ja! Zuschauen? Nein, danke! Wer gestern Vormittag das Stadion Brügglifeld betreten will, der darf nicht. Die Rufe der Spieler und die Schläge an die Bälle hört man schon vom Weitem, doch auf Geheiss von Chefcoach Marinko Jurendic findet das letzte Training vor dem Derby hinter verschlossenen Toren statt. Nur wer auf die Zehenspitzen steht, erhascht über die Betonmauer einen Blick auf den Rasen, wo Jurendic und Assistent Stephan Keller die Spieler wie Schachfiguren umherschieben. Als wir den Materialwart um Einlass bitten, sagt dieser: «Um 12 Uhr wieder, eher um 12.30 Uhr!» Und huscht eilig ins Büro.

Eine ungewöhnliche Premiere

Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit – am Tag vor dem Derby – mitten in der sportlichen Krise: Ist beim FC Aarau die Nervosität ausgebrochen? Die Frage stellt sich umso mehr, als auf Nachfrage langjährige FCA-Beobachter erwidern: «Das gabs noch nie!»
Schelmisches Lächeln. Das die Reaktion von Marinko Jurendic auf unsere Frage. Nervosität strahlt er nicht aus, er sagt: «Wir haben mit der nötigen Ruhe das Abschlusstraining absolviert und uns bestmöglich auf die bevorstehende Aufgabe vorbereitet.» Jurendic steht vor dem achten Pflichtspiel als Trainer des FC Aarau. Noch immer ist er sieglos, dies soll sich heute im Derby gegen Wohlen ändern. Er sagt: «Ich erwarte die nötige Siegermentalität und einen geschlossenen Auftritt meiner Mannschaft.»

Als der 39-Jährige den FC Aarau im Juni von Marco Schällibaum übernimmt, muss er nach dem sportlichen Absturz im Frühling einen Haufen Scherben zusammenflicken. Der Umstand des Neuanfangs verlängert naturgemäss die Schonfrist, weshalb Jurendic von Medien, Fans und anderen Beobachtern bislang mehr oder weniger verschont wurde. Trainingsgestaltung, Trainingsmethoden, Tagesabläufe, Spielsystem – gefühlt ist alles neu. Bis die Zahnrädchen greifen, braucht es Zeit. Doch die Schonfrist läuft ab. Morgen im Derby gegen Wohlen, am 20. September in Chiasso und am 23. September gegen Rapperswil-Jona braucht Jurendic Resultate, sprich Siege. Ansonsten steht er je länger, je mehr im Fokus der Kritik.


Jurendic sagt: «Ich konzentriere mich darauf, die bestmögliche Mannschaft für das nächste Spiel zu nominieren.» Spürt er Druck von der Klubführung? «Ich spüre das Vertrauen, dass wir eine positive Entwicklung haben und uns auf dem richtigen Weg befinden.» Sportchef Sandro Burki sagt: «Der Trainer ist kein Thema, auch bei einer Niederlage gegen Wohlen nicht.»
Woraus zieht Jurendic den Optimismus für den Befreiungsschlag im Derby? «Mit Gilles Yapi haben wir eine Persönlichkeit dazugewonnen, die uns zusätzliche Stabilität auf den Platz bringt. Ivan Audino, der zweite Neuzugang während der Länderspielpause, gibt uns Optionen auf den Seiten. Zudem sind einige der länger verletzten Spieler zurück im Training. Das alles sorgt für eine positive Teamdynamik.» Was würde ein Derbysieg bedeuten? Jurendic: «Die Bestätigung für die gute Trainingswoche.»

Blickt dem Derby gelassen entgegen: Wohlens Trainer Ranko Jakovljevic.

Blickt dem Derby gelassen entgegen: Wohlens Trainer Ranko Jakovljevic.

Jakovljevic, der Brügglifeld-Nachbar

Auf dem Papier ein Auswärtsspiel, gefühlt ein Heimspiel: Ranko Jakovljevic wohnt mit seiner Familie einen Steinwurf entfernt vom Brügglifeld und könnte heute Abend zu Fuss zum Derby kommen. Doch sein Beruf und die nötige Professionalität verbieten dies: Jakovljevic ist seit Juni Trainer des FC Wohlen und reist im Bus mit der Mannschaft aus dem Freiamt in die Kantonshauptstadt.


Trotzdem: Tut ihm die Krise des FC Aarau nicht weh? Ihm, der in der Saison 2010/11 die Aarauer Profimannschaft trainierte sowie davor und danach viele Jahre im Nachwuchsbereich tätig war? Schmerzt es ihn nicht, die vielen Bekannten im und um den FC Aarau leiden zu sehen? «Ich habe gute Erinnerungen, freue mich, altbekannte Gesichter im Brügglifeld anzutreffen, und ich wohne sehr gerne in dieser Gegend. Mehr nicht. Ich bin genug beschäftigt mit meiner Arbeit beim FC Wohlen. Dass es nun gegen Aarau geht, motiviert mich sogar zusätzlich.»

FC Winterthur - FC Wohlen, 1. Runde Challenge League, Highlights ungeschnitten

FC Winterthur - FC Wohlen, 1. Runde Challenge League, Highlights ungeschnitten

Der bisher einzige Saisonsieg des FC Wohlen in Winterthur am allerersten Spieltag der Challenge League.


Nach dem überraschenden Auswärtssieg (3:1) zum Saisonauftakt in Winterthur folgen fünf Niederlagen in Folge. Darunter das peinliche 0:4 im Cup beim FC Linth 04 aus der fünfthöchsten Spielklasse. Den Umgang mit Niederlagen ist man sich in Wohlen ja gewohnt, sie sind in der Regel in jeder Saison zahlreicher als Siege. Doch Trainerentlassungen aufgrund von Erfolglosigkeit hat es auch in Wohlen immer wieder gegeben.


Vielleicht profitiert Jakovljevic davon, dass die Konzentration der Klubleitung derzeit dem Bau der neuen Flutlichtanlage im Stadion Niedermatten gilt. Und dass sie bei all den Grabenkämpfen mit der Swiss Football League (SFL) der sportlichen Abteilung weniger als sonst auf die Füsse schaut. Dazu kommt der Umstand, dass man in Wohlen bis zum 31. Mai nicht wusste, ob es im Profifussball weitergeht. Die Kaderzusammenstellung ist immer noch im Gang, diese Woche wurden mit Pagliuca und Sadrijaj zwei weitere Talente aus der Super League (FCZ) ausgeliehen.

Jakovljevic jedenfalls sagt am Vortag des Derbys: «Ich kann in Ruhe arbeiten. Der Einzige, der mich unter Druck setzt, bin ich selber.» Verglichen mit FCA-Coach Marinko Jurendic ist die heutige Partie für Jakovljevic nicht wegweisend – egal, was passiert. Er sagt: «Aarau hat sicher mehr zu verlieren als wir. Sie müssen gewinnen, wir dürfen gewinnen.»
Die Ausgangslage lässt sich vergleichen mit jener vor dem Derby am 22. April dieses Jahres: Nach einer Pleitenserie erwarteten alle vom FC Aarau den Befreiungsschlag gegen Wohlen. Doch der Druck für das Heimteam war zu gross, die Freiämter nützten dies gnadenlos zu ihrem allerersten Derbysieg aus. Hat Jakovljevic den 22. April 2017 in der Matchvorbereitung erwähnt? «Nein. Fussball ist Gegenwart. Wir dürfen das Spiel nicht wie einen Cupfinal angehen, in dem es um alles geht. Es kommen danach noch 29 Spiele. Wenn wir locker bleiben, haben wir eine Chance.»