Sicherheit
Nach Unfällen an der Tour de France: «Wenn wir nichts ändern, wird es Tote geben»

Nach der Sturzserie auf der ersten Sprintetappe der Tour der France fordern die Profis lautstark neue Sicherheitsmassnahmen.

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Diverse Teilnehmer der Tour de France haben sich dieses Jahr schon verletzt.

Diverse Teilnehmer der Tour de France haben sich dieses Jahr schon verletzt.

EPA / Keystone

Schon am vierten Tag der Tour de France wirkte das Peloton wie ein Sanatorium auf Ausflug. Mitfavorit Primoz Roglic rollte dick bandagiert zum Start in Redon, Ex-Champion Geraint Thomas mühte sich mit aus- und wieder eingekugelter Schulter aufs Rad und auch Peter Sagan trug deutliche Male der Sturzorgie vom Vortag am Körper.

Die völlig aus dem Ruder gelaufene Sprint-Etappe von Pontivy am Montag liess harsche Forderungen nach mehr Sicherheit aufkommen. «Wenn wir nichts ändern, wird es irgendwann Tote geben», sagte der französische FDJ-Teamchef Marc Madiot. Und hatte das Fahrerfeld auf seiner Seite. «Wer auch immer dieses Finale entworfen hat, sollte mal mit 180 Fahrern um den Etappensieg fahren», schimpfte Routinier André Greipel:

«Man muss sich fragen, wo diese Sicherheitskommissäre sind.»

Massensturz wäre zu verhindern gewesen

Der Zorn entzündete sich an der Streckenführung der letzten 20 Kilometer. In der hektischen Vorbereitung auf den Sprint ging es in rasender Fahrt über schmale, schlechte Strassen, durch heikle Kurven und scharfe Abfahrten. Der Grundtenor: Anders als der schlimme von einer Zuschauerin verursachte Massensturz der ersten Etappe wäre dies zu verhindern gewesen. «Komisch, dass Supertuck-Abfahrtshaltung und Auflehnen auf dem Lenker aus Sicherheitsgründen verboten wurden, während wir bei der Tour solche ­Finals haben», meinte der Berliner Profi Simon Geschke.

Zunächst flog Roglic zehn Kilometer vor dem Ziel auf einer schottrigen Piste ab, sechs Kilometer weiter krachte es in einer Linkskurve massenhaft, danach musste der australische Gesamtsechste Jack Haig aufgeben. Schliesslich rutschte knapp 150 Meter vor dem Ziel Sprinter Caleb Ewan in einem leichten Rechtsknick weg und riss Sagan mit – für Ewan ist die Tour mit Schlüsselbeinbruch beendet.

«Wenn ich so etwas sehe, möchte ich nicht, dass mein Kind Radprofi wird. Ich möchte nicht die Familie eines Fahrers anrufen müssen, um zu erklären, was passiert ist», sagte Madiot völlig aufgelöst, nachdem auch sein Topsprinter Arnaud Démare zu Fall gekommen war:

«So kann es nicht weitergehen, wir müssen Lösungen finden.»

Die lagen allerdings auf der Hand. Für die Streckenführung ist Tourveranstalter A.S.O. verantwortlich, für das Regelwerk der Weltverband UCI. Und bei diesem blitzten vor der Pontivy-Etappe Profis ab, die das Unheil hatten kommen sehen.

«Die Drei-Kilometer-Regel sollte auf zehn Kilometer geändert werden»

«Ich weiss von Fahrern, die gefordert haben, dass die Zeit acht Kilometer vor dem Ziel genommen wird, damit es auf der engen Strasse und der Abfahrt weniger Positionskämpfe gibt», sagte der Belgier Tim Declercq: «Der Antrag ist nicht einmal beantwortet worden.» Die jetzige Regel sieht vor, dass innerhalb der letzten drei Kilometer gestürzte Fahrer keine Zeit verlieren. Wenn sich allerdings ohne Sturz eine Lücke im Feld auftut, werden Zeitabstände gemessen– die Fahrer mit Blick auf das Gesamtklassement mischen sich daher unter die Sprinter, es wird eng. «Die Drei-Kilometer-Regel sollte auf zehn Kilometer geändert werden», sagte Geschke: «Das würde allen helfen.»

Die UCI verwehrt sich diesem Thema aber standhaft – trotz ihrer notorischen Reglementier-Wut. «Ich habe mir das Finale in der Wiederholung angeschaut», meinte der französische Profi Julien Bernard:

«Alle Socken hatten die richtige Höhe, alles war gut.»

Laut UCI-Regelwerk gilt seit 2019 nämlich: Socken haben auf halber Höhe zwischen Knöchel-Mitte und halber Wadenhöhe zu enden. (sid)