Playoff-Final - oder wenn raue Männer sich rüsten

Der SC Bern kann am Samstag Schweizer Eishockey-Meister werden. Über die entscheidende Rolle der Torhüter beim Aufbau einer Siegermentalität im Playoff-Final zwischen Bernern und Zugern.

Klaus Zaugg
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Berns Zach Boychuk (links) gegen Zugs Raphael Diaz. (Bild: KEY/Ennio Leanza)

Berns Zach Boychuk (links) gegen Zugs Raphael Diaz. (Bild: KEY/Ennio Leanza)

Eigentlich ist alles vorbei. Der SC Bern braucht nur noch einen Sieg zum Titel. Alles klar? Ja, aber es bleiben Zweifel. Wir sollten zumindest nicht ganz ausschliessen, dass die Zuger heute in Bern gewinnen und den Playoff-Final verlängern.

Denn die Ausgangslage ist eine besondere: Zug hatte bisher nicht nur in jedem der vier Spiele eine «feldmässige» Überlegenheit. Zusammengerechnet sind es 126:85 Torschüsse. Die Zuger haben nach wie vor bei weitem genug Energie, um Bern niederzuringen. Wir können mit dem Poeten Friedrich Hölderlin sagen: «O Hoffnung, holde, gütig geschäftige, die du die Kabine der Verlierer nicht verschmähst.»

«Niemand in dieser Kabine gibt auf»

Diese Hoffnung lebt. Es sind nicht einfach die üblichen Sprüche, wenn Zugs Trainer Dan Tangnes sagt: «Ich versichere Ihnen: Niemand in dieser Kabine gibt auf. Wenn wir uns nicht beirren lassen, so werden wir für unsere Arbeit belohnt.» Diese Hoffnung gründet nicht nur auf die optische Dominanz, die doch einfach einmal zinsen muss, und auf die vollen Energietanks. Es ist noch etwas anderes: Die Zuger haben zu keinem Zeitpunkt über das annullierte 1:1 lamentiert. Ein regeltechnisch korrekter, aber sehr strenger, spitzfindiger Entscheid. Es wäre auch im Ermessen der Schiedsrichter gewesen, das Tor zu geben. Aber das war nach dem Spiel, als die Emotionen abgeklungen waren, nicht mehr das zentrale Thema.

Die ersten Knospen einer Siegermentalität

Trainer und Spieler in Zug konzentrieren sich auf ihre eigenen Qualitäten. Es sind die ersten zarten Knospen einer Siegermentalität, die beim SC Bern seit Jahren in voller Blüte steht. Wie entsteht eine Siegermentalität? Das lässt sich gut erklären. Das Ritual der Vorbereitung in der Kabine spielt eine zentrale Rolle. Wenn die rauen Kerle lange vor ihrem Auftritt ihre modischen Kleider an den Nagel hängen und in die Ausrüstungen steigen, entsteht das, was wir als «Siegermentalität» bezeichnen. Wenn sich die Männer in Bern für die Partie rüsten, dann sehen sie den in Gedanken und Konzentration versunkenen Leonardo Genoni und denken: «Mag kommen, was will – der Leo rettet uns schon.» Und sie werden alle ein bisschen selbstsicherer, kaltblütiger und ein bisschen grösser, schwerer und schneller, als sie eigentlich sind.

Stephan, ein lieber Kerl

Das gleiche Szenario geht auf der Gegenseite so: Wenn sich die Männer in Zug für die Partie rüsten, dann sehen sie den in Gedanken und Konzentration versunkenen Tobias Stephan und denken: «Ach, er ist ein so lieber Kerl und ein so guter Goalie. Aber er wird halt wohl wieder einen zu viel reinlassen.» Und sie werden alle ein bisschen weniger selbstsicher, weniger kaltblütig und ein bisschen kleiner, leichter und langsamer, als sie eigentlich sind.

Klingt polemisch. Aber es kommt der Wahrheit am nächsten. Und nächste Saison sitzt Genoni in der Kabine der Zuger.

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