Olympia-Serie
Wenn Frau Doktor den Hammer auspackt – Eishockeyspielerin Laura Benz in der Medizin

Laura Benz ist in der Schweizer Eishockey-Frauen-Nationalmannschaft in der Verteidigung eine feste Grösse und im Berufsleben bald einmal Assistenzärztin. Wie Benz es schaffte die Sportlerkarriere und den akademischen Erfolg unter einen Hut zu bringen.

Rainer Sommerhalder
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Laura Benz (l.) im vollen Eishockey-Einsatz

Laura Benz (l.) im vollen Eishockey-Einsatz

Keystone

Längst nicht alle Schweizer Olympioniken in Pyeongchang sind Profis. Das Musterbeispiel, was man sich unter Amateursport vorstellen darf, liefert die Eishockey-Nationalmannschaft der Frauen ab.

Die Spielerinnen können im Gegensatz zu den Männern ausnahmslos nicht von ihrer grossen Leidenschaft leben. Also findet man im Team so manche Berufsgattung: Studentinnen, kaufmännische Angestellte, eine Juristin, eine Gärtnerin, eine Architektin, eine Sekretärin, eine Mechanikerin. Und eine angehende Assistenzärztin.

Die 25-jährige Laura Benz hat in den letzten sechs Jahren geschafft, was im Leistungssport gemeinhin als unmöglich gilt: ein Medizinstudium mit einer erfolgreichen Sportlerkarriere zu verbinden.

Selbst Leichtathlet und Schweizer Vorzeige-Mediziner Kariem Hussein meinte jüngst in einem Interview: «Für einen Mannschaftssportler ist die Kombination mit einem Medizinstudium viel schwieriger als für einen Einzelsportler.»

Laura Benz hat es getan, war in der Nationalmannschaft stets dabei, wenn sie gebraucht wurde, und hat auch in der Ausbildung alle Hürden mit Bravour gemeistert. Ende Oktober 2017 hat sie das Studium abgeschlossen und arbeitet seither im Kinderspital Zürich an ihrer Doktorarbeit.

Überlegt und analytisch

Wer sich mit der 25-jährigen Winterthurerin unterhält, sieht sich einer beinahe zierlichen, in ihren Ausführungen sehr überlegten und auffallend analytischen Frau gegenüber. Person und Berufswahl scheinen auf den ersten Blick perfekt zu passen.

Was auch nicht verwundert, schliesslich sind auch die Eltern von Laura Mediziner und war Arzt von Kindesbeinen an das erklärte Berufsziel der ZSC-Spielerin. Ganz im Gegensatz zu ihrer Zwillingsschwester Sara, die zwar die Leidenschaft Eishockey intensiv mit Laura teilt, aber beruflich den Weg zur Juristin gewählt hat.

Laura fasziniert an der Medizin das Funktionieren des Menschen «und wie man als Arzt Einfluss nehmen kann. Es ist ein extrem vielfältiger Beruf und man muss Entscheidungen treffen, die eine grosse Tragweite haben.»

Laura Benz im weissen Arztkittel

Laura Benz im weissen Arztkittel

Rainer Sommerhalder

Spielsituationen analysieren und die richtigen Entscheidungen auf dem Eis fällen gehört auch zu den Eishockey-Stärken von Laura Benz. Mit intelligenten Aktionen macht das 1,72 m grosse Leichtgewicht die fehlende Wasserverdrängung wett. Dennoch braucht es im Spiel nicht nur die feinen Hände. Schliesslich muss sie hier Nadel und Skalpell bisweilen mit dem Hammer tauschen, etwa wenn ein satter Slapshot von der blauen Linie gefragt ist.

Laura Benz sagt, dass sie mit der Doppelbelastung Studium und Eishockey zwar immer wieder an ihre Grenzen gestossen sei, sie aber nie ans Aufgeben gedacht habe. Dafür liebt sie ihren Sport zu sehr. «Eishockey hat derzeit eine grosse Bedeutung in meinem Leben.» Deshalb kenne sie auch das Gefühl nicht, neben Sport und Studium etwas anderes zu verpassen.

Für ihre ambitionierte Kombination nimmt sie Belastungen wie Trainings bis 23 Uhr mit kurzen Nächten bis zum nächsten Termin im Uni-Hörsaal am Morgen früh auf sich. «Das Wichtigste ist die Organisation», erklärt sie. Und die Disziplin, schliesslich ist die Verteidigerin von August bis April rund eine Woche pro Monat mit dem Nationalteam unterwegs.

Ab und zu hat ihr Körper auf die fehlende Erholungszeit reagiert – in Form von Verletzungen oder regelmässigen Erkältungen während des Winters. Doch eine Alternative gab es für Laura Benz nicht: «Ob im Studium oder im Eishockey, es wird überall die bestmögliche Leistung erwartet», sagt sie. «Dieser Druck kann schon belasten.»

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Der Einsatz der Mutter

Der Riesenaufwand und die Strapazen haben sich gelohnt. Seit 2009 ist Laura Benz Mitglied der Nationalmannschaft, hat mit der Schweiz bereits zwei olympische Turniere bestritten und als absoluten Höhepunkt 2014 in Sotschi die Bronzemedaille gewonnen. Als das erste Nati-Aufgebot ins Haus geflattert kam, spielte Benz in Winterthur noch bei den Jungs.

Etwas, was man ihr und ihrer Schwester zu Beginn der Karriere verweigern wollte. Mädchen im Eishockey? Das war damals in Winterthur noch nicht in der Vorstellungskraft gespeichert. Es brauchte schon den energischen Einsatz ihrer Mutter, um diese Schranken niederzureissen.
Nach den Olympischen Spielen wird Laura Benz erste Erfahrungen als Assistenzärztin sammeln.

Ob sich das mit einem weiteren Eishockey-Engagement auf höchster Ebene kombinieren lässt? Die 25-Jährige lässt die Antwort offen. Nur eines: «Ich spiele jetzt seit 21 Jahren Eishockey und ich kann mir nicht vorstellen, von einem Augenblick auf den anderen damit aufzuhören.»