Eishockey

Wenn ein Starstürmer austickt

Damien Brunner verlässt im Frust unerlaubterweise die Spielerbank und wird von seinem Trainer gerügt.

Damien Brunner verlässt im Frust unerlaubterweise die Spielerbank und wird von seinem Trainer gerügt.

Hockey-Hollywood unter Palmen: Ein «Sturm im Wasserglas» kann zu einem Orkan werden, der Luganos freundlichen Trainer Greg Ireland aus dem Amt fegen könnte.

Lugano inszeniert öffentlich die Versöhnung seines Trainers mit einem Star im Stile einer «Opera Buffa», einer komischen Oper. Auf den ersten Blick ein Sturm im Wasserglas. Auf den zweiten Blick ein Orkan, der den Trainer aus dem Amt fegen kann.

Diese Geschichte ist ohnehin nur in Lugano möglich: Starstürmer Damien Brunner, der bestbezahlte Schweizer Spieler der Liga, verlässt im Frust unerlaubterweise die Spielerbank vor dem Ende des Drittels. In der Pause wird er deswegen von Trainer Greg Ireland gerügt.

Worauf der Spieler ausrastet, den Trainer beschimpft und den Stock auf den Massagetisch knallt. Das Wort «Hurensohn» fällt. So geschehen am 23. Dezember während des Heimspiels gegen Biel (3:4). Weil der «Blick» die Sache öffentlich macht, hat Lugano diese Woche mit einer Medienkonferenz reagiert. Und siehe da – alles in bester Ordnung.

Damien Brunner zeigt sich überrascht, dass diese Geschichte drei Wochen nachher den Weg in die Medien gefunden hat. «Ich war über mein Spiel frustriert und während der Partie gingen die Emotionen hoch. Ich habe überreagiert. Am nächsten Tag habe ich mich mit dem Coach ausgesprochen und damit war die Geschichte erledigt.»

Damien Brunner

Damien Brunner

Spezielle Kultur beim HC Lugano

Auch Greg Ireland findet freundliche Worte. «Es war nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal sein, dass es zu einer solchen Situation kommt. Eishockey ist ein Spiel mit Leidenschaft und Emotionen. Mein Verhältnis mit Damien Brunner war vorher gut und ist jetzt nach einem klärenden Gespräch sogar noch besser geworden. Das zeigt mir, dass ich in meinem Team Spieler mit Ambitionen habe, denen es nicht gleichgültig ist, wenn es nicht wie gewünscht läuft.»

Lugano steht nach Punkten auf dem dritten Platz mit guten Aussichten, die Qualifikation auf dem zweiten Rang zu beenden – Grande Lugano! Bloss ein bisschen billige Polemik? Nein, dahinter steckt mehr. Das Wort Krise ist keine billige Dramatisierung. Lugano hat nur noch acht der letzten zwölf Spiele gewonnen.

Mit einer Mannschaft, die noch im Herbst in lichten Momenten Hockey wie ein Meisterkandidat zelebrierte und in Bern gewonnen hat. Mit Namen auf allen Positionen, die reichen, um den grossen SC Bern herauszufordern.

Und vor allem stürmt es bei einem Hockeyunternehmen im Wasserglas, bei dem die durchschnittliche Amtszeit eines Trainers seit dem letzten Meistertitel von 2006 acht Monate beträgt. Also nicht ganz so lang wie eine Schwangerschaft. Kein Schelm, der nach dem «Fall Brunner» denkt, dass nun wieder die Wehen für die Geburt eines neuen Trainers einsetzen.

Und es ist keine billige Polemik, wenn wir in der Sache zwei Feststellungen machen. Erstens: die Spieler sind in Lugano seit dem letzten Titel von 2006 zu mächtig. Zweitens: die Autorität des Trainers wird immer kleiner.

Greg Ireland, Trainer beim HC Lugano

Greg Ireland, Trainer beim HC Lugano

Diese «Opera Buffa», dieser Ausraster von Damien Brunner passt zur speziellen Kultur des HC Lugano. Was in einer hoch entwickelten Leistungskultur Konsequenzen haben müsste, wird in Lugano in Harmonie gelöst. Das Wetter ist schön, das Salär bäumig, und es gibt wichtigere Dinge als ein Eishockeyspiel.

Oder können wir uns vorstellen, dass Thomas Rüfenacht in Bern in der Kabine Kari Jalonen als «Hurensohn» beschimpft? Nein, das können wir nicht. Spätestens seit wir wissen, dass ein Spieler Greg Ireland ungestraft einen Hurensohn nennen darf, wissen wir, dass dieser kluge Opportunist wahrscheinlich nicht die grosse charismatische Führungspersönlichkeit ist, die Lugano zu neuem meisterlichen Ruhm führen kann.

Also schon wieder ein Trainerwechsel? Warum nicht? Lugano hat die zwei letzten grossen Triumphe nur dank Trainerwechsel im richtigen Augenblick gefeiert: Larry Huras wurde 2006 während der Viertelfinalserie gegen Ambri gefeuert und durch Harold Kreis ersetzt.

Am Ende gewann Lugano seinen bisher letzten Titel. Am 27. Oktober 2015 kam Doug Shedden für Patrick Fischer – und im Frühjahr 2016 erreichte Lugano zum bisher einzigen Mal seit 2006 das Finale.

Und jetzt? Es ist Zeit für ein paar Wochen Bob Hartley. Daraus könnte eine «Opera Buffa» mit meisterlichem Ende werden. Die ZSC Lions konnten sich finanziell mit dem Kanadier nicht einigen und haben Hans Kossmann geholt. Das Geld wird in Lugano nicht das Problem sein. Die Investition könnte sich lohnen.

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