Victor Stancescu
Wenn die Blase platzt

Während die Kloten Flyers mitten im Kampf um einen Platz in den Playoffs stecken, blickt Victor Stancescu auf seine Jahre als Eishockey-Profi zurück.

Marcel Kuchta
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Emotionale Verabschiedung: Victor Stancescu zusammen mit Frau Livia und den Söhnen Florian (l.) und Rafael.eq

Emotionale Verabschiedung: Victor Stancescu zusammen mit Frau Livia und den Söhnen Florian (l.) und Rafael.eq

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Der Anblick ist ungewohnt. Anzug und Krawatte, frisch rasiert, gegeltes Haar. Bis vor vier Monaten bestand Victor Stancescus Arbeitskleidung noch aus Eishockey-Utensilien. Aus dem Eishockey-Crack wurde quasi von heute auf morgen ein Anwalt. Stancescu wurde Ende September herausgerissen aus der Profisport-Blase. Mitten hinein ins geregelte Berufsleben. Aufstehen um 7. Feierabend um 18 Uhr. Freie Wochenenden. Ferien. Ferien! «Ich muss erst wieder lernen, wie es ist, Ferien zu planen», erzählt der 30-Jährige lachend. Früher gabs einfach Ferien im Sommer, wenn die Meisterschaft ruhte. «Jetzt freue ich mich auf die ersten Skiferien seit meiner Kindheit.»

Unvermitteltes Karriereende

Ein Termin für ein Interview? Easy für einen Hockeyprofi. Schwierig für einen normal Berufstätigen. «Als Eishockeyspieler hast du mindestens drei freie Nachmittage pro Woche», erklärt Stancescu fast ein wenig entschuldigend. Man trifft sich in Uster zum Mittagessen. Nebenan, im Gericht, absolviert Victor Stancescu gerade ein Praktikum. Es geht um Scheidungen. Alltagsgeschäfte für einen Rechtsanwalt. Im vergangenen Sommer hat er sein Anwaltspatent geschafft. Gut für ihn. Denn die Eishockey-Meisterschaft war keine zwei Wochen alt, als seine Karriere ein abruptes Ende fand.

Die Ärzte legten ihm aufgrund seiner kaputten Hüfte nahe, mit dem Spitzensport aufzuhören. «Du, ich glaube, ich bin angezählt», hatte Stancescu zu seiner Frau Livia mit einer Vorahnung gesagt, nachdem er den kritischen Blick des Teamarzts bei der Betrachtung der Röntgenbilder gesehen hatte.

Ein paar Arztbesuche und -Meinungen später war klar: Das war’s. Die Hüfte macht nicht mehr mit. «Ich habe selber gespürt, dass ich das Niveau, welches ich von mir erwarte, nicht mehr erreichen würde», sagt Stancescu. Deshalb sei ihm der Abschied nicht so schwergefallen.

Trotzdem: Von einem Tag auf den anderen aus dem seit Jahren gewohnten Umfeld katapultiert zu werden, muss doch schmerzen? «Natürlich vermisse ich das Eishockey. Es gibt keinen Beruf, der einem etwas Vergleichbares geben kann. Der Zauber des Profisportlers, dieser Hockey-Lifestyle ist einmalig.» Ein Zauber, gemixt aus Druck, Kraft, Adrenalin, Testosteron, Schmerzen, Sieg, Niederlage – und Geld. «An den Spieltagen wird alles dem Sport untergeordnet. An den Trainingstagen macht man ein paar lockere Sprüche mit den Jungs, arbeitet auf dem Eis und im Kraftraum. Das war es dann schon wieder. Man hat viel Freizeit. Und man hat genügend Geld, um in dieser Freizeit etwas Lässiges zu machen. Man lebt in einer Art Blase. Und häufig ist es nicht angenehm, wenn sie am Ende der Karriere platzt.»

Auch deshalb war für Victor Stancescu immer klar, dass er neben dem Sport noch eine andere Herausforderung braucht. Das Jus-Studium lieferte ihm Futter fürs Hirn, welches er in seinem Alltag als Profisportler kaum fand: «Die Hockeywelt bietet viel. Aber es ist eine einfache Welt. Oft fehlt die intellektuelle Herausforderung. Andererseits wird von einem Eishockeyspieler auch verlangt, dass er nicht zu viel denkt.» Wobei das in seinem Fall oft Wunschdenken war. Stancescu wurde spätestens dann, als er 2010 als 25-Jähriger das Captain-Amt übernahm, die Ansprechperson Nummer eins bei den Kloten Flyers. Vor allem in Zeiten, in denen es nicht gut lief. Auf und neben dem Eis. Keiner hat den berühmten Klotener Geist mehr gelebt als Stancescu, dessen Trikot mit der Nummer 22 Anfang Januar in einer feierlichen Zeremonie unter das Hallendach gezogen wurde – neben Legenden wie Fige Hollenstein, Roman Wäger, Anders Eldebrink oder Mikael Johansson.

So schön diese Wertschätzung ist. Sie ist auch bezeichnend dafür, wie sehr die Identifikationsfigur Stancescu während der zahlreichen Krisen der letzten Jahre vereinnahmt wurde – und sich aus Pflichtbewusstsein vereinnahmen liess. Er beschreibt es als «permanenten Druck, der auf einem lastet. Nach Niederlagen habe ich mir tausend Gedanken gemacht.» Auch wenn er sagt: «Durch mein Studium und meine Familie wurde ich immer recht schnell abgelenkt. Und: Ich bin vom Typ her eher so, dass ich an Drucksituationen wachse. Aber ohne Selbstvertrauen ist es schwierig, mit der zum Teil harten Kritik, die man zu hören bekommt, umzugehen.» Der andere Aspekt seiner Karriere, den er nicht vermisst, ist der ständige Raubbau am eigenen Körper, die unzähligen Verletzungen, die dieser harte, oft schonungslose Sport mit sich bringt. «Die Gefährdung der eigenen Gesundheit und der hohe Preis, den man dafür bezahlt, stellt sicher die Schattenseite dar.»

Im Gegensatz zu anderen Spielern, die zurückgetreten sind, ist Victor Stancescu auch heute noch bei fast jedem Heimspiel der Flyers live vor Ort zu Gast. «Ich brauche das», gibt er zu. «Das Karrierenende ist für mich nicht wie ein Pflaster, das einfach weggerissen wird.» Die Klotener Garderobe ist für den Captain a. D. selbstredend immer noch offen. Genauso wie sein Ohr auch jetzt noch offen ist für die Sorgen und Probleme seiner ehemaligen Teamkollegen, von denen viele zu Freunden wurden. «Für sie bin ich jetzt ein Freund und nicht mehr der Captain, der Mitspieler», sagt er.

Eigentlich wäre der berufliche Weg für einen derart stark verwurzelten Mann wie Victor Stancescu ja offensichtlich. In vielen Fällen landen verdiente Spieler wie er eher früher als später in einer verantwortungsvollen Position innerhalb der Organisation, die man geprägt hat. Nicht so in seinem Fall: «Momentan gibt es diesen Job bei den Kloten Flyers nicht», sagt er klar. Stancescu hat andere Pläne. Seit kurzem beschäftigt er sich mit seiner Dissertation. Und im April wird er als Anwalt einen Teilzeit-Job bei einer Kanzlei in Zollikon beginnen.

Daneben hat er ein interessantes Projekt: Victor Stancescu könnte sich gut vorstellen, ins Spielerberater-Business einzusteigen. Und plant dabei eine kleine Revolution. «Ich würde meine Dienste auf Stundenhonorar-Basis anbieten», verrät der Vater zweier kleiner Buben (Florian, 2,5 Jahre/Rafael, 10 Monate) und präzisiert: «Ich sehe nicht ein, wieso ein Spieler jedes Jahr einen Anteil seines Lohns auf Provisionsbasis abgeben muss. Es ist doch fairer, wenn er nur für die Leistung bezahlt, die beansprucht wird.» Auch in dieser Beziehung war Victor Stancescu schon als Profi der Zeit voraus. Nachdem er in Kloten seinen ersten Vertrag unterschrieben hatte, trennte er sich von seinem Agenten.

Die Zeit verrinnt. Der nächste Gerichtstermin wartet. Victor Stancescu entschwindet in den Alltag – weit weg von der Welt des Eishockeys, weit weg vom Strichkampf seiner Kloten Flyers.