St. Moritz 2017

Wenn das Schicksal dir alles nimmt: Lara Gut macht das Gleiche durch wie einst Alex Frei

Alle fragen sich: Wie geht es Lara Gut?

Alle fragen sich: Wie geht es Lara Gut?

Ausgerechnet an der Heim-WM verletzt sich Lara Gut schwer. Ihre jahrelange Arbeit, die Träume und Ziele brechen mit einem Mal zusammen wie ein Kartenhaus. Ex-Fussballer Alex Frei weiss, wie sie sich fühlt.

Jahrelang fiebert Lara Gut auf die Ski-WM in St. Moritz. Es soll «ihre» WM werden, am Ort, wo sie schon so viele Erfolge gefeiert hat. Den bedeutendsten vor einem Jahr: Beim Weltcup-Finale in St. Moritz erhält sie die grosse Kristallkugel für ihren ersten Sieg im Gesamtweltcup.

Alles ist angerichtet für Gut-Festspiele – auch von ihrem Sturz kurz vor der WM lässt sie sich nicht entmutigen, sagt vor einer Woche: «Ich bin zu 100 Prozent fit und kann mein Bestes abrufen.»

Und dann das: Am Freitag verdreht es ihr beim Einfahren für den Kombi-Slalom das linke Knie. Die Diagnose ist ein Schock: Kreuzbandriss, Meniskusschaden. All ihre Ziele, all ihre Träume, die sie an dieser WM nach Bronze im Super-G noch hat – sie lösen sich von einer Sekunde auf die andere in Luft.

Lara Gut wird mit dem Helikopter ins Spital gebracht. Die bittere Diagnose: Kreuzbandriss und Meniskusschaden.

Lara Gut wird mit dem Helikopter ins Spital gebracht. Die bittere Diagnose: Kreuzbandriss und Meniskusschaden.

Auch Alex Frei steht am Zenit seiner Karriere, als 2008 die Fussball-Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich vor der Tür steht. Auch Frei ist der Beste und wichtigste Athlet in seiner Mannschaft.

Er strotzt vor Energie, nachdem er die Hinrunde der Saison wegen einer Verletzung verpasst hat. Im letzten Testspiel vor dem Eröffnungsspiel gegen Liechtenstein trifft er zwei Mal und löst mit seinen Länderspieltoren 34 und 35 Kubilay Türkyilmaz als Schweizer Rekordtorschütze ab.

Frei ist Captain der Nationalmannschaft und DER Hoffnungsträger der Fans. Im Basler St. Jakob-Park, in Freis Geburtsort, soll er die Schweizer zum Sieg im Auftaktspiel gegen Tschechien führen.

Und dann das: Nach 43 Minuten und einem Zweikampf mit Zdenek Grygera geht Frei zu Boden, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, er weiss genau: Das Knie ist kaputt, die EM für ihn vorbei. Die jahrelange Vorarbeit, die Träume, die Ziele – alles bricht wie ein Kartenhaus zusammen.

Die Parallelen zwischen Gut und Frei, sie sind offensichtlich. Der heutige FCB-Juniorentrainer, der das gleiche vor neun Jahren durchgemacht hat, kann sich gut in die Skifahrerin hineinfühlen.

Der Moment, als ihm bewusst wird, dass alles vorbei ist: Alex Frei verlässt im ersten Spiel der Heim-EM 2008 schwer verletzt das Spielfeld im St. Jakob-Park.

Der Moment, als ihm bewusst wird, dass alles vorbei ist: Alex Frei verlässt im ersten Spiel der Heim-EM 2008 schwer verletzt das Spielfeld im St. Jakob-Park.

Frei sagt gegenüber der «Schweiz am Sonntag»: «Als erstes war da die Angst davor, was ich jetzt alles verpassen werde. Dann dachte ich: Wie schlimm ist es wirklich? Gibt es vielleicht doch noch eine Chance, dass es für mich weitergeht?»

Frei hat damals beim Verlassen des Spielfeldes nur noch geweint. «Das Schicksal hat mir in diesem Moment alles genommen, was ich mir vorgenommen habe. Diese Machtlosigkeit ist brutal.»

Wie Lara Guts unmittelbare Reaktion war, hat sie bislang nicht verraten. Doch dürfte sie das bald tun. Tun müssen. Frei sagt: «Sie wird wohl – so ging es jedenfalls mir – überhaupt keine Lust haben, mit Journalisten zu reden, sondern will nur noch die Familie um sich haben. Aber irgendwann drängen die Fragen bis zu ihr – und dann muss sie hinstehen, das gehört einfach zum Job eines Spitzensportlers. Gerade bei Athleten, die so sehr im Fokus stehen.»

Der Gang nach vorne wirke wie ein Ventil – danach sei bei ihm etwas Ruhe eingekehrt und er habe sich auf die Operation und die anschliessende Reha-Phase vorbereiten können.

«Sie ist eine Persönlichkeit»

Neben ihrer Ausnahmestellung in der Schweizer Mannschaft und ihrem tragischen Schicksal während der vielleicht wichtigsten Wochen ihrer Karriere verbindet Alex Frei und Lara noch mehr. Kurz gesagt: Beide ecken an – und werden doch geliebt. Als Hassliebe kann man die Verbindung zwischen ihnen und den Fans sowie den Medien bezeichnen.

Frei hat lange den Ruf weg als verbissener und schnoddriger Ehrgeizling. Doch wenn er trifft, jubeln sie ihm trotzdem zu.

Auch Lara Gut muss sich viel anhören, Journalisten schimpfen über sie, wenn sie wieder einmal ein Interview absagt oder wortlos an ihnen vorbeistampft. Auch der Fakt, dass sie nur administrativ zum Schweizer Skiverband gehört, aber meistens mit ihrem Privatteam trainiert, sorgt für Misstöne.

Frei sagt: «Ich kenne sie zwar nicht persönlich, verfolge sie nur in den Medien – aber für mich ist Lara Gut eine top Athletin, eine tolle junge Frau und vor allem ist sie eine Persönlichkeit. Ich erkenne mich schon wieder in ihr und erinnere mich an meine Profizeit zurück, wenn ich die Geschichten über Lara lese. Die Menschen, allen voran die Medien, verlangen Persönlichkeiten, Sportler, die ihre Meinung sagen. Und wenn sie es dann tun, werden ihre Aussagen in alle Richtungen interpretiert – das hat etwas Scheinheiliges. Dennoch würde ich heute einige Dinge nicht mehr so sagen oder machen – ich kann mir vorstellen, Lara wird es dereinst ähnlich gehen. Aber ich bin sicher, sie ist stark genug, sich nicht verbiegen zu lassen.»

Und vor allem ist Frei überzeugt, dass Lara Gut dereinst wieder so schnell Ski fahren wird wie vor diesem Freitag. Am Tag, an dem das Schicksal ihr alles genommen hat.

Lara Guts Erfolge in St. Moritz:

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