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Wendy Holdener denkt vor den Rennen von Garmisch auch an Mikaela Shiffrin: «Ich hoffe, dass sie irgendwie Kraft holen kann»

«Ich war in Zauchensee nicht ein gutes Vorbild»: Wendy Holdener.

«Ich war in Zauchensee nicht ein gutes Vorbild»: Wendy Holdener.

Der Tod von Mikaela Shiffrins Vater ruft bei Wendy Holdener in Erinnerung, dass sie den Sport teilweise «zu ernst» nimmt.

Wendy Holdener ist eine besonders eifrige Athletin. Im Herbst 2010, kurz vor ihrem ersten Weltcuprennen, sagte sie: «Ich nehme volles Risiko. Wenn ich schon starten darf, will ich das Beste herausholen.» Während der damalige Frauen-Cheftrainer Mauro Pini von «Erfahrungen sammeln» redete, sagte sie: «Ich werde Vollgas geben.»

Der ausgeprägte Ehrgeiz ist mit ein Grund, dass Wendy Holdener, 26, zur Weltspitze gehört. Sie hat drei Olympia-, vier WM-Medaillen, zwei kleine Kristallkugeln, drei Weltcupsiege. Doch der Erfolgshunger ist nach wie vor gross.

Das zeigte sich im Januar im Zielraum von Altenmarkt-Zauchensee. In der ersten Kombination des Winters gelang Holdener ein starker Super-G-Lauf. Nur die beiden Italienerinnen Federica Brignone und Marta Bassino waren schneller. Angesichts dieser Konkurrenz schien die Rechnung einfach: Im zweiten Durchgang, dem Slalom, musste sich Holdener, die Slalomspezialistin, gegen zwei Nicht-Slalomspezialistinnen durchsetzen.

Vermeintlich eine leichte Übung. Nur: Holdener verpasste den Sieg. Also zeigte sie im Ziel den gesenkten Daumen in die Fernsehkamera, sie war nicht amüsiert über den zweiten Schlussrang. Ob Enttäuschung bei einem Podestplatz eine sportliche Reaktion ist, dürften Athletinnen je nach Palmarès sehr unterschiedlich beantworten.

Daumen runter: Wendy Holdener bringt ihre Enttäuschung zum Ausdruck nach dem zweiten Platz in Zauchensee.

Daumen runter: Wendy Holdener bringt ihre Enttäuschung zum Ausdruck nach dem zweiten Platz in Zauchensee.

«Was will man in einer solchen Situation sagen?»

Im Zielraum von Garmisch ist die Stimmung am Freitagnachmittag anders. Holdener bestritt das Abfahrtstraining, sie war «happy» mit der Fahrt. An diesem Speedwochenende im bayrischen Skiort erwartet niemand von ihr Podestplätze. Sie sagt: «Logisch, ich war in Zauchensee nicht ein gutes Vorbild. Im ersten Moment war ich enttäuscht, weil ich nicht gewonnen habe. Nach der Analyse musste ich aber anerkennen, dass Brignone im oberen Teil einfach wahnsinnig gut gefahren ist.»

Es ist nicht so, dass Holdener ihre ehrgeizige Art zum ersten Mal reflektieren würde. Aber in dieser Woche wurde ihr in Erinnerung gerufen, dass es nebst Siegen in Hundertstelrennen auch andere wichtige Dinge gibt. Unerwartet verstarb am Montag der Vater von Mikaela Shiffrin, ihrer grössten Konkurrentin in den vergangenen Jahren. Jeff Shiffrin starb an den Folgen einer schweren Kopfverletzung, die er sich bei einem Unfall zu Hause zuzog. Am Freitag fand die Beerdigung statt, Mikaela Shiffrin pausiert bis auf weiteres.

Persönlich hat sich Holdener noch nicht bei der US-Amerikanerin gemeldet, in den nächsten Tagen werde sie das noch tun. «Was will man in einer solchen Situation sagen?», sagt Holdener. «Wenn ich versuche, mich in sie hineinzuversetzen ... das wäre der Horror für mich. Ich hoffe, dass sie irgendwie Kraft holen kann.»

Weit hinter der Slalom-Konkurrenz

In der Gesamtwertung führt Shiffrin immer noch mit 270 Punkten Vorsprung. In den letzten beiden Slaloms, in Zagreb und Flachau, wurde sie zweimal bezwungen, zweimal gewann Petra Vlhova. Die Slowakin ist im Slalom zur echten Herausforderin von Shiffrin geworden. Während sich die beiden Überathletinnen Duelle lieferten, verlor Holdener zeitweise ein wenig den Anschluss.

Einen Weltcup-Slalom zu gewinnen, ist wahrscheinlich Holdeners grösster unerfüllter Wunsch. Er rückte in dieser Saison wieder in weite Ferne. Es gab Rennen, da verlor sie zwei Sekunden auf die Siegerin. Der erste Slalomsieg genoss nicht mehr höchste Priorität. «Einfach weil ich die Leistungen nicht zeigen konnte, die dafür nötig wären», sagt sie. Im Dezember fuhr sie zwei Nuller hintereinander ein. Ein sehr ungewöhnliches Szenario. «Es war ein bisschen schwierig, das zu managen. Ich hatte ja noch nie zwei Ausfälle in Folge.» Das Gefühl ist mittlerweile wieder etwas besser geworden. Zuletzt gelangen ihr zwei vierte Ränge. Ihr Skifahren habe sie «wiedererkannt», sagt sie.

Bevor die nächsten technischen Bewerbe in einer Woche in Maribor folgen, will Holdener in Garmisch Selbstvertrauen im Speedbereich gewinnen. Es soll schliesslich in den verbleibenden Kombinationen ausgespielt werden und wenn möglich im Gewinn der Disziplinenwertung münden. Es wäre der dritte Sieg der Kombinationswertung. Die Ziele sind unverändert hoch. Den Blick auf Dinge ausserhalb der Pisten will sie dennoch nicht verlieren. Sie sagt: «Ich bin sicher eine, die den Sport teilweise zu ernst nimmt.»

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