Interview

Weltmeister Rudi Völler: «Das wäre das Todesurteil des Fussballs»

Rudi Völler sieht die Entwicklungen des Fussballs kritisch und sagt: «Die Teilnahme an der Champions League muss für alle Vereine offen sein.»

Rudi Völler sieht die Entwicklungen des Fussballs kritisch und sagt: «Die Teilnahme an der Champions League muss für alle Vereine offen sein.»

Kultfigur Rudi Völler wird im April 60 Jahre alt. «Tante Käthe» redet im Gespräch über seine Karriere, die Schweiz, den deutschen Fussball und Bayer Leverkusen, wo er der Geschäftsführer ist. Auch sagt der ehemalige Bundestrainer, dass Tranquillo Barnetta damals ein absoluter Toptransfer gewesen sei.

1990, Rom, WM-Final, Deutschland gegen Argentinien. Wenige Minuten sind zu spielen. Rudi Völler fällt im Sechzehner, der Schiedsrichter pfeift. Andy Brehme versenkt den Foulpenalty – Deutschland ist Weltmeister. Rudi Völler, es war eine Schwalbe, nicht?

Puuh. Sagen wir es mal so, weil es meine Lieblingserklärung ist: Die Summe der vielen Fouls, die vorher in diesem Spiel passierten, reichten für den Elfmeterpfiff. Wenn die Intervention an mir gleich zu Beginn passiert wäre, hätte der Schiedsrichter nicht gepfiffen. Bis zum Spielschluss waren aber ein paar Szenen dabei, in denen er hätte pfeifen können oder müssen. Am Schluss hat der Schiedsrichter dann kein Auge mehr zugedrückt bei den Argentiniern.

Würde der junge Rudi Völler in der heutigen Zeit als Talent erspäht?

Ja. Ich hätte auch heute, wenn ich verletzungsfrei bliebe, die Voraussetzung, meinen Weg im grossen Profifussball zu gehen. Technik gepaart mit Schnelligkeit war viele Jahre lang mein grösstes Pfund. Das ist heutzutage ja noch wichtiger als früher, ohne Geschwindigkeit geht gar nichts mehr.

Aber würde sich Rudi Völler als Jungprofi wohl fühlen im Fussball, wie er heute praktiziert wird?

Ich habe die ganze Entwicklung in den vergangenen 20, 30 Jahren mitgemacht in den verschiedensten Funktionen, als Manager, Trainer, früher als Spieler. Der Fussball verändert sich, alles ist schneller geworden, die Spieler laufen mehr, sind fitter als wir es früher waren. Das muss man ganz klar sagen, auch wenn wir schon fit waren damals und gewiss fitter als die Generation vor uns. Mit der Spielweise von heute könnte ich jedoch sehr gut leben. Worum ich die Spieler von heute aber beneide, sind die optimalen Trainingsbedingungen. Wir haben ja noch auf halbgefrorenen Rasenplätzen trainiert, die Bälle sind überall hingesprungen. Es ist der Wahnsinn, auf was für Teppichen die Profis heute trainieren dürfen.

In der Bundesliga war Bayer Leverkusen einer der ersten Clubs, der auf die Schweizer setzte. Weshalb?

Das hat keinen bestimmten Grund, ist wohl eher Zufall. Zuallererst hängt es von den Fähigkeiten der Spieler ab. Heute haben wir mit den Schweizern ein wenig aufgehört und nun drei Österreicher im Kader. Gladbach hat dafür derzeit vier Schweizer. Wenn du als Schweizer oder Österreicher die Chance hast, in die Bundesliga zu wechseln, dann machst du das natürlich, die Verdienstmöglichkeiten sind grösser. Am Ende ist alles eine Frage der Qualität. Wenn der Spieler gut und bezahlbar ist, wird er verpflichtet.

Welchem Schweizer Spieler trauern Sie am meisten nach?

Ich trauere eigentlich nie jemandem nach. Aber ich bin froh, dass wir damals Tranquillo Barnetta geholt haben. Das war für uns ein absoluter Toptransfer. Er nahm eine tolle Entwicklung als Spieler, war ein super Junge. Leider war er dann und wann verletzt und wurde hin und wieder zurückgeworfen. Sehen Sie, was ich vorher über mich gesagt habe, traf auch auf Barnetta zu: Er war unwahrscheinlich schnell, hatte eine starke Technik und einen guten Schuss.

Wie sahen Sie den früheren Leverkusen-Goalie Pascal Zuberbühler?

Nun gut, ja, wir haben «Zubi» damals geholt. Ich weiss gar nicht mehr, wie lange der bei uns war, aber er war ein super Junge und ein super Typ. Für uns war das ganz okay. Er hat sehr gut zur Mannschaft gepasst, auch wenn er nicht oft gespielt hat.

Für uns Schweizer ist Bayer Leverkusen nicht so fassbar wie beispielsweise die Bayern oder die Gladbacher. Wofür steht Ihr Club?

Zuallererst stehen wir dafür, dass wir in den letzten zehn Jahren sechsmal in der Gruppenphase der Champions League und dreimal in der Europa League waren. So oft haben das in dieser Zeit nur der BVB und Bayern München geschafft. Uns fehlt der Titel, aber in der Jahrtausendwende waren wir nah dran, deutscher Meister zu werden oder die Champions League zu gewinnen. Wir versuchen mit unseren guten Möglichkeiten, permanent ins internationale Geschäft zu kommen, das ist auch unser Anspruch. Ich denke, in Deutschland werden wir für unseren offensiven, attraktiven Fussball geschätzt. Mit unserem heutigen Trainer Peter Bosz sowieso, aber auch schon davor. Bei uns gibt es gewiss die klassischen Traditionsclubs, die sich auch gerne so nennen und eine gewisse Vergangenheit haben, im Ausland aber nicht so bekannt sind wie wir.

Das Image des ewigen Zweiten sind die Leverkusener in der Schweiz nie losgeworden...

...ja das ist einfach so. Das ist unsere Geschichte, Ende der Neunziger, Anfang der Zweitausender. Da war sicherlich mehr drin und es ist heute noch bitter, dass wir nicht einmal deutscher Meister geworden sind.

Was ist in dieser Saison das Optimum für Leverkusen?

Das Optimum aktuell ist der vierte Platz, das wäre wieder die Teilnahme an der Champions League. Das war auch unser Ziel vor der Saison. Bayern München ist in der Liga ja sowieso eine Ausnahme, trotz der holprigen Vorrunde die beste Mannschaft. Und dann hast du Leipzig und Dortmund vor uns. Derzeit sind die Gladbacher besser klassiert als wir und sicherlich auch stärker und stabiler als im Vorjahr. Aber mit denen sehen wir uns grundsätzlich auf Augenhöhe. Und dann kämpfen noch Wolfsburg, Schalke, Hoffenheim und wir um diesen vierten Platz.

Ist Leverkusen ein Sprungbrettclub für einen Fussballer?

Das würde ich so nicht sagen. Wir holen schon auch gestandene Spieler. Natürlich wollen wir Spieler vorwärtsbringen, um sie dann für hoffentlich viel Geld zu verkaufen. Und mit diesem Geld wollen wir dann wieder neue Profis verpflichten, das ist halt der Kreislauf des Fussballs. Aber wir wollen schon auch Titel gewinnen. Doch schauen Sie: Für uns ist der Einzug in die Champions League auch wie ein Titel. Du bekommst zwar keine Meisterschale, nicht mal einen Wimpel, aber es ist etwas ganz Besonderes.

Was war der Höhepunkt in Ihrer Karriere?

Es gibt ja nur einen Erfolg, der unvergänglich ist: der Weltmeistertitel. Auf Vereinsebene war der Meistercupsieg mit Marseille das grösste für mich. Es gibt ja nichts Höheres. Ich bin nie deutscher Meister geworden, auch mit Werder Bremen nicht. Das wird mir oft an den Kopf geworfen, doch dann erwidere ich immer: Dafür habe ich die richtig wichtigen Titel geholt. Doch Spass beiseite. Ich sage immer, wenn du bei den Bayern einen Fünfjahresvertrag unterschrieben hast – das galt übrigens auch lange für Basel – dann wurdest du mindestens viermal Landesmeister. Ob du willst oder nicht, du kannst es gar nicht verhindern. Ein deutscher Meistertitel ist etwas Schönes, aber auch vergänglich. Ach ja, und weil es hier jetzt so gut passt: Gegen die Schweiz haben wir einmal 4:0 gewonnen in Stuttgart und ich habe ein Traumtor mit dem Kopf geschossen. Tor des Monats wurde es, kein Witz. Das war natürlich auch ein Höhepunkt. (lacht)

Welcher war der grösste Tiefschlag?

Die sportlichen Ziele auch mal nicht zu erreichen, gehört zum Leben. Das kann man alles verkraften. Aber wenn man verletzt ist und nicht spielen darf, das ist schon sehr schlimm. Bei den Jungs heute genauso wie früher bei uns. Dann fällst du oft in ein Loch. Das hat sich nicht geändert

Mit Unterbrüchen arbeiten Sie seit 1994 für Leverkusen. Die Liebe Ihres Lebens?

Es ist etwas ganz Besonderes. Ich habe meine Karriere 1996 hier beendet, bin dann geblieben, kam ins Management. Dann wurde ich aber Bundestrainer – und ging wieder zurück. Natürlich habe ich eine enge Bindung zum Verein, ich hätte mir nicht vorstellen können, so lange zu bleiben. Und natürlich habe ich ihn über die Jahre lieben gelernt.

Hat die Bundesliga den Anschluss an die Premier League verloren?

Die Premier League steht über allem, danach kommen die Spanier. Wir kämpfen von der Qualität der Teams und der Spieler her mit Italien und den Franzosen um die dritte Position.

Der Fussball wird immer grösser und soll immer mehr Geld generieren. Die WM und EM werden aufgebläht, die Club-WM kommt. Geht der Fussball zugrunde?

Es gibt Veränderungen, die von Nutzen sind und Sinn ergeben. Aber ich bin ein absoluter Gegner davon, dass du dich für einen internationalen Wettbewerb wie die Champions League nicht mehr qualifizieren musst. Diese Diskussion gab es ja eine Zeit lang. Dann wären Topteams, egal ob sie die Meisterschaft einmal als 13. abschliessen, automatisch gesetzt. Das wäre das Todesurteil des Fussballs. Es muss immer eine Qualifikation über die nationalen Ligen geben. Natürlich ist es für die Schweiz ein bisschen schwieriger... Aber ihre Clubs können die Königsklasse trotzdem erreichen.

Von Teilen der Fussballelite wird aber genau der geschlossene Zirkel angestrebt.

Im Grunde traut sich ja keiner, sich dahingehend zu äussern. Aus Südeuropa wird es wohl schon Clubs geben, die diese geschlossene Gesellschaft wollen. Bei den Engländern kann ich es mir aber nicht vorstellen, bei uns in Deutschland auch nicht.

Die Fussballblase bewegt sich also schon in ungute Dimensionen?

Es ist ein gesunder Kreislauf. Je mehr Geld durch Sponsoren und durch das Fernsehen in den Fussball reinkommt, desto mehr wird es für Spieler, Transfers oder Stadien ausgegeben. Man muss mit den Möglichkeiten, die man hat, verantwortungsvoll umgehen, wie wir Deutschen oder die Schweizer das ja auch tun. Es ist im Grunde ja immer dasselbe: nicht mehr ausgeben, als einnehmen. Natürlich gibt es Länder in Südeuropa, die diese Sache ein bisschen lockerer sehen. Länder wie Spanien oder Italien. Das sieht man dort ja auch in den Bilanzen – viele Vereine sind hochverschuldet.

Heutzutage werden Trainer oft und schnell in Frage gestellt, siehe bei Dortmund Lucien Favre. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Favre ist ein guter Trainer. Die Medienhysterie ist schnell einmal gross, wenn du deine Ziele nicht sofort erreichst. Dann gibt es halt schnell Kritik, was nicht schön ist, aber dazugehört zum Geschäft. Früher war das wohl ein bisschen einfacher.

Sie galten als Gegner des Videoschiedsrichters. Immer noch?

Es war ein Prozess für mich. Zu Beginn war ich neugierig wie alle. Als wir den VAR dann vor zweieinhalb Jahren einführten, war ich nach einer gewissen Zeit skeptisch. Und meine Skepsis wurde schliesslich bestätigt. Ich war nicht zufrieden, auch wenn es zwischenzeitlich besser wurde. Zuletzt sind wir wieder zurückgefallen mit diesen Diskussionen über Abseitsentscheide wegen einer Nasenspitze. Sehen Sie, es ist, als ob man kleine Kinder hätte: Legt man ihnen am Abend vor dem Zubettgehen eine Tafel Schokolade aufs Bett, kann man damit nicht mehr aufhören. Den VAR wirst du nicht mehr wegbekommen. Ein paar Dinge sind ja auch gut, und ein paar Dinge sind schwer zu ertragen. Ich bin froh, dass es den VAR zu meiner aktiven Zeit als Fussballer nicht gab.

Die 50-plus-1-Regel gibt ja auch immer Diskussionen in Deutschland.

Wir verhalten uns hier neutral. Wir haben mit Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig ja eine Sonderstellung in der Bundesliga. Ich sehe das entspannt, gerade weil wir mit Bayer Leverkusen in einem Club sind, der hier seit vielen Jahren eine Sonderregelung hat. Wenn sich dann dereinst die aktuelle Regelung, die ich gut finde, ändern sollte, dann ist es halt so.

Wie muss man sich Rudi Völler ohne Fussball vorstellen?

Schwierig. Ich bin fussballverrückt. Obwohl mir die Engländer manchmal ja leidtun, sie müssen sogar an Weihnachten ran. Nach einer anstrengenden Vorrunde waren wir alle im Club jedenfalls froh, dass wir mal durchatmen konnten. Fussball strengt halt auch an, und es braucht manchmal ein bisschen Pause. Was aber nicht bedeutet, dass ich mir an Weihnachten nicht irgendein Spiel der Premier League anschaue und meine Frau dann den Kopf darüber schüttelt, dass ich das nun schon wieder tue und anscheinend nie genug habe

Aber wie sind Sie ohne Fussball?

Ich kann schon auch ohne Fussball. Aber ich habe keine besonderen Hobbys. Zwei-, dreimal in der Woche versuche ich Sport zu machen. Ich gehe joggen, aber nicht zu oft, gelaufen bin ich ja genug in meinem Leben. Und ich habe ja auch Probleme mit dem Knie, Fussballspielen ist deshalb im Moment schwierig. Ich habe einen Knorpelschaden, auch sonst ein paar Wehwehchen, aber ich will nicht klagen. Ich werde bald 60 Jahre alt, andere hat es viel schlimmer erwischt.

«Tante Käthe» – einen solchen Spitznamen für Rudi Völler würde man heute kaum einem Topspieler geben.

Nein, so etwas gibt es nicht mehr. Thomas Berthold war während der WM, es war 1990 oder 1994, mein Mitspieler bei der Nationalmannschaft. Er kommt aus demselben Ort Hanau wie ich und hat mich plötzlich Käthe gerufen. Dann hat ein Journalist das aufgenommen und eine Tante daraus gemacht, weil ich damals schon weisse Haare hatte. Ich habe ja immer gerne gesagt, lieber graue Haare als gar keine. Mein Spitzname gehört also ein bisschen zum Showgeschäft dazu.

Und dann gab es 2003 ja dieses legendäre Interview auf Island mit Bundestrainer Völler und Moderator Waldemar Hartmann, dem Sie sagten, er habe drei Weizenbier getrunken. Ich möchte die Frage anders stellen: Wie oft wurden Sie auf diese Sache angesprochen?

Auch diese Frage habe ich natürlich schon das eine oder andere Mal gehört. Ich habe 90 Länderspiele als Aktiver, über 50 als Bundestrainer, habe in Topclubs gespielt. Und doch gibt es zwei andere Dinge, die mich immer bis an mein Lebensende begleiten werden: Waldemar Hartmann und Frank Rijkaard. Die Sache mit «Waldi» war zwar nur im deutschsprachigen Raum. Rijkaard hingegen weltweit. Ich fuhr ja vor geraumer Zeit einmal in einem Taxi in Australien, der Fahrer war fussballaffin. Und prompt hat er mich auf die Spuckerei von Rijkaard angesprochen. Ich gehe aber sehr entspannt damit um.

Wie sehen Sie die Schweizer Nationalmannschaft?

Gut. Und ich sage das nicht, weil ein Schweizer mir jetzt gegenübersitzt: Ich bin davon überzeugt, dass die Schweiz nach ihrer guten Qualifikation eine gute EM spielt. Was das am Ende bedeutet, weiss ich nicht.

Was machen die Deutschen an der EM?

Auch wenn es vor zwei Jahren an der WM nicht gut gelaufen ist für uns: Wir gehören immer zum Kreis jener Nationen, die bis zum Final dabeisein können.

Deutschland hat mit dem Leverkusener Kai Havertz das Juwel schlechthin in seinen Reihen.

Ja, das ist so. Die Frage ist nur, wie lange er noch bei uns bleibt.

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