Eben noch, da schien er ratlos, ein Schatten seiner selbst. Wie einer, der seinen inneren Kompass verloren hatte: lustlos, teilnahmslos, ratlos. Aber vor allem so, als sei es ihm egal, ob er gewinnt. Grösser hätte er nicht sein können, der Kontrast, den Novak Djokovic zu seinem früheren Ich noch im Frühling zu seinem früheren Ich kultivierte. Damals, als er noch ein drahtiger Selbstoptimierer war, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, aus dem Schatten anderer zu treten – aus jenem von Roger Federer und Rafael Nadal. Als er im Frühling 2016 die French Open gewonnen hatte und damit Titelhalter bei allen vier Grand-Slam-Turnieren war, wollte der Serbe sich neu erfinden.

Er wollte ein besserer Mensch werden, sein Wohlbefinden nicht mehr an Erfolge, Pokale und Ruhm knüpfen. «Tennis», sagt er in New York, nachdem er dort ohne Satzverlust und zum elften Mal in die Halbfinals eingezogen ist, «entscheidet nicht darüber, ob ich glücklich bin oder nicht.» Er sei ja auch Vater und Ehemann. «Als ich Vater wurde, bekam mein Leben einen neuen Sinn und eine völlig andere Bedeutung», sagt der 31-Jährige. Tochter Tarah feierte kürzlich ihren ersten Geburtstag, Sohn Stefan wird im Herbst vier Jahre alt. Seinen Orbit organisiert Djokovic um seine Familie herum. Auch die Eltern Srdjan und Dijana und die Brüder Marko und Djordjie sind oft an seiner Seite.

epa07000080 Novak Djokovic of the Serbia reacts during a heat break during his match against John Millman of Australia during their quarter-final match on the tenth day of the US Open Tennis Championships the USTA National Tennis Center in Flushing Meadows, New York, USA, 05 September 2018. The US Open runs from 27 August through 09 September. EPA/JASON SZENES

Novak Djokovic ist mit sich und seiner Welt wieder im Reinen.

epa07000080 Novak Djokovic of the Serbia reacts during a heat break during his match against John Millman of Australia during their quarter-final match on the tenth day of the US Open Tennis Championships the USTA National Tennis Center in Flushing Meadows, New York, USA, 05 September 2018. The US Open runs from 27 August through 09 September. EPA/JASON SZENES

Der Bruch mit der Tennis-Familie

Mit seiner Tennis-Familie aber brach Djokovic im Zuge seiner Selbstfindung gänzlich. Er trennte sich nach über einem Jahrzehnt von Trainer Marjan Vaida, von Fitnesstrainer Gebhard Gritsch, von Physiotherapeut Miljan Amanovic und nannte das eine «Schock-Therapie». Er holte Andre Agassi und Radek Stepanek. Der eine blieb zehn Monate, der andere sogar nur vier. Und Djokovic geriet in die Fänge eines «Gurus»: Pepe Imaz, ein hagerer Mann mit weissem Haar, braun gebrannt, der von Liebe und Frieden fabulierte. Unter all dem litt der Erfolg auf dem Platz. Dazu gesellten sich Probleme mit der Hand, die er erst konservativ, in diesem Frühjahr dann auch operativ behandeln liess.

Über ein Jahr lang gewann Djokovic kein Turnier mehr. Dann kehrte er zu seinem alten Ich und in den Schoss einer Tennis-Familie zurück: zu Marjan Vajda, Gebhard Gritsch, Miljan Amanovic. Und mit ihnen kam der Erfolg. Im Sommer gewann Djokovic in Wimbledon sein 13. Grand-Slam-Turnier, im Herbst wurde er in Cincinnati zum ersten Spieler, der alle neun Turniere der Masters-Kategorie einmal gewonnen hat. «Als ich zurückkam, wusste ich nicht, was für einen Menschen ich antreffen würde», sagt Vajda. «Wäre er ein anderer gewesen, ich hätte nicht mehr mit ihm gearbeitet.» Aber Djokovic sei derselbe geblieben: «Ein wahrer Champion, ein Kämpfer mit Herz und Leidenschaft.»

Seit Frühling wieder vereint: Marian Vajda und Novak Djokovic.

Eine Frau, die ihm den Spiegel vorhält

Es ist einfach und logisch, Vajdas Rückkehr als Grund für Djokovics Renaissance zu sehen. Vielleicht greift es aber auch zu kurz. Kürzlich erzählte der Serbe eine nette Anekdote über die Zeit seiner Selbstfindung. Im Mittelpunkt steht seine Frau Jelena, mit der er Eheprobleme gehabt hatte. «Sie schreibt Tagebuch und hat dafür gesorgt, dass ich das auch tue», erzählte er beim TV-Sender «ESPN». «Sie mag es, die Dinge detailliert zu analysieren.» Sie hätten viele tief gehende Gespräche geführt. «Jelena half mir, meine Emotionen und Gefühle zu verstehen und das grosse Bild zu sehen.»

Novak Djokovic und seine Jelena sind seit vier Jahren verheiratet. Key

Novak Djokovic und seine Jelena sind seit vier Jahren verheiratet. Key

Djokovic und die Ökonomin Jelena hatten sich in Belgrad schon in der Oberstufe kennengelernt. Lange hielt sie sich im Hintergrund, arbeitete für den lybischen Ölkonzern Tamoil in Monte Carlo als Personal-Managerin. Seit 2014 sind sie verheiratet. Djokovic sagte, er habe das Gefühl, während der Schwangerschaften hätten sie eine tiefere Verbindung zueinander gefunden. «Die letzten Monate haben mir eine neue Perspektive auf das Leben eröffnet.» Inspiration findet Djokovic bei seinen Kindern. «Wir können so viel von ihnen lernen. Meine Frau und ich nennen sie kleine Meister. Sie haben die Gabe, völlig im Moment zu leben.» Und sie können die Vergangenheit hinter sich lassen.

Djokovic mit seinem Sohn Stefan in den Strassen von New York

Novak Djokovic ist nicht mehr derselbe, aber er wieder sich selbst. Nicht mehr derjenige, der sich krampfhaft um die Zuneigung der Öffentlichkeit bemühte. Zuletzt zeigte er auch wieder die Bissigkeit und Übellaunigkeit, die ihn immer ausgezeichnet hatte. Das führte zum Wimbledon-Sieg, der «eine riesige Erleichterung war», wie Djokovic sagt. «Gewinne ich, fühle ich mich besser. Dafür arbeite ich auch hart», sagt er in New York. Sätze wie diesen hätte er vor einem halben Jahr kaum formuliert. Sie zeugen von bedingungsloser Selbstreflexion. Es hat ihm geholfen, wieder zu gewohnter Stabilität zu finden – auf und neben dem Platz. Auch das hat wohl viel mit seiner Ehefrau Jelena zu tun.