Peter Schellenberg
Zwei Seelen wohnen, ach! in Peter Schellenbergs Brust - besonders heute

«Nous sommes Marseillais» - das gilt nicht nur für alle Einwohner der Stadt, das gilt auch für den früheren Direktor des Schweizer Fernsehens, Peter Schellenberg. Er und seine Frau Pia haben in Marseille einen Zweitwohnsitz. Heute Abend aber schlagen zwei Herzen in seiner Brust.

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Peter Schellenberg

Peter Schellenberg

Keystone

Herr Schellenberg, verfolgen Sie den Fussball in Frankreich?
Peter Schellenberg: Die Resultate ansehen, den Tabellenplatz von OM, und wenn ein Spiel von OM im öffentlichen Fernsehen übertragen wird. Sonst interessiert mich die französische Liga wenig.
Wie stark identifizieren Sie sich in der Zwischenzeit mit Olympique Marseille, dem Klub Ihres Zweitwohnsitzes?
Schellenberg: So stark, wie alle Marseillais. Niemand fragt so etwas Selbstverständliches, wie, ob man für OM ist. Der Klub ist Teil der Seele dieser Stadt. Egal welche Hautfarbe einer hat, woher er kommt, der Kriegsruf lautet «Nous sommes Marseillais», und alle singen mit.
Wo liegen die Stärken von Olympique Marseille?
Schellenberg: Fussballerisch ist es zweifellos der Kampfgeist und die Härte. Dann das Publikum, das auch Niederlagen verzeiht (auch wenn's zwei drei Tage dauert). Gegen 50 Tausend Dauerkarten werden jährlich gekauft Die Presse zieht auch mit, die "Provence" titelte nach einer blamablen Niederlage im UEFA-Cup «On reviendra!». «Wir werden wiederkommen» entspricht der Mentalität der Stadt. Und wenn's heute nicht kommt, dann halt morgen. Kein Grund um zu verzweifeln. Marseille ist eine arme, echt multikulturelle Mittelmeer-Stadt, wo die Hoffnung nie stirbt.

Die Schwächen?
Schellenberg: Wahrscheinlich die ständig chaotische Klubleitung, aber ohne sie, wäre OM nicht OM, sondern irgendeiner der vielen französischen Provinzklubs, die die erste Liga bilden und kaum Emotionen erzeugen.

Schlagen da zwei Herzen in Ihrer Brust? Welches heute gerade mehr?
Schellenberg: Wenn's nicht der FCZ wäre, wär's OM. Der FCZ hat vieles gemeinsam mit OM, auch er ist ein Teil der Zürcher Seele, «Eine Stadt. Ein Verein», der Zürcher Schlachtruf passt auch für Marseille.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Stimmung in Marseille im Hinblick auf das heutige Spiel?
Schellenberg: Die ist immer gleich euphorisch, egal gegen wen OM spielt (ausser gegen Paris St. Germain, für Paris empfindet man generell nur Verachtung). Die vielen Bars werden proppevoll sein, bis auf die Trottoirs. Wenn OM ein Tor schiesst, dann schreit's durch die ganze Stadt und am alten Hafen laufen Jugendliche über die stecken gebliebenen Autos. Wenn sie verlieren, ja dann halt, Marseille geht deshalb nicht unter. «On reviendra!».
Halten Sie es für möglich, dass der FC Zürich Olympique Marseille schlagen kann?
Schellenberg: Ja sicher, aber vielleicht gehen sie auch sang und klanglos unter.
Was lautet Ihr Tipp für heute Abend?
Schellenberg: Keine Ahnung, beide Klubs sind unberechenbar.

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