Zwei für das perfekte Image der Autostadt

Edin Dzeko und Grafite

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Edin Dzeko und Grafite

Ein Punkt reicht Wolfsburg zum ersten Meistertitel. Grafite und Dzeko sind die herausragenden Figuren im Team des Schweizer Torhüters Diego Benaglio.

Oliver Trust

Darauf zu wetten, wie viele Tore Grafite und Edin Dzeko im nächsten Spiel schiessen, ist inzwischen Volkssport in Wolfsburg. Drei hier, zwei dort - ein prominenter Platz in der Sportgeschichte der Stadt ist den beiden sicher. Noch nie gab es in der Bundesliga zwei Stürmer aus einem Verein, die mehr als 20 Tore in einer Saison schossen. Grafite allein traf so oft wie der Karlsruher SC, beide zusammen öfter als der Vierte Hertha BSC (48 Tore) - 51 Treffer sind es vor dem entscheidenden und letzten Spiel gegen Werder Bremen.

Wolfsburg fehlt noch ein Punkt zur ersten Meisterschaft überhaupt. Der bullige und nüchterne Brasilianer und der abseits des Rasens sanft wirkende riesenhafte Bosnier, können nicht nur für Wolfsburgs ersten Titel sorgen, sondern sie können der Fussballprovinz Wolfsburg einen weiteren Rekord schenken und die Namen von Gerd Müller und Uli Hoeness vom Spitzenplatz der ewigen Bestenliste verdrängen. Das Duo aus Bayern schoss 1971/72 und 1972/73 jeweils zusammen bis heute unerreichte 53 Tore.

Grafite und Dzeko passen perfekt zum Image, das sich der VW-Konzern gibt, von dem ganz Wolfsburg lebt, seit die Machthaber im Dritten Reich 1938 dort den Platz für eine Autofabrik sahen. Heute ist man global ausgerichtet. Allein das gigantische VW-Werk sorgt dafür. Sonst leidet die Stadt unter dem Imageproblem, eine schmucklose «Autostadt» zu sein. Auch der erste Fussballklub vor Ort müht sich, das Image aufzupolieren. Edinaldo Batista Libanio und Dzeko gehören mit zum PR-Programm und sie verbreiten Glanz auf perfekte Weise. Grafites Treffer zum 5:1 gegen München hat das Zeug zum «Tor des Jahrzehnts» und alles, was die Demütigung eines wankenden Branchenriesen braucht. Der Ball kullerte mit dem Absatz gespielt an den ziellos herumtaumelnden Bayern vorbei über die Linie. Oder Dzekos 5:0 in Hannover taugt mühelos zum Tor des Jahres, ein Schuss wie aus einer Kanone. Dass einer von beiden Torschützenkönig wird, steht fest.

Auch die «Wolfsburger Allgemeine Zeitung» trägt dazu bei, den internationalen Ruf der Region zu schärfen. Ziemlich jeder europäische Stürmer von Rang wurde zum Vergleich herangezogen und schnitt beim Check schlechter ab. Klaas Jan Huntelaar (Real Madrid), Samuel Eto´o (Barcelona) oder dessen Teamkollege und Argentinien-Star Lionel Messi - Grafite oder Dzeko waren vorne.

Die beiden erscheinen wie ein Produkt aus der Imagewerkstatt des Konzerns. Nur sind sie eben echt. Bescheiden, freundlich, leistungswillig und erfolgreich. Stars zum Anfassen eben. Anders als sein Landsmann Marcelinho, der als ausgesprochen partytauglich gilt, ist Grafite kein bunter Paradiesvogel, sondern ein ruhiger Typ. Erst seit 2001 führt er den Beinamen Grafite, was übersetzt «Bleistift» bedeutet. Er ist keiner dieser Samba-Artisten vom Strand der Copacabana, die Fussball tanzen. Er läuft, rauscht, dampft und arbeitet, sein Trainer Magath nennt ihn einen «perfekten Sturmführer», mit unbändigem Drang zum Tor, als zöge ihn ein gigantisches Magnet dorthin, was nicht filigran klingt, sondern rau und brachial.

Magath wollte genau so einen, den daheim keiner länger als ein paar Monate ertrug, weil er so europäisch spielte. Er fand ihn in Le Mans in Frankreich für 7,5 Millionen. Dzeko kam vom FK Teplice. Heute sind die beiden ein Vermögen wert und es könnte sein, dass zumindest einer (wohl der im Bürgerkrieg seiner Heimat aufgewachsene Dzeko) von einem grossen Klub weggekauft wird. Arsenal, Chelsea, Real - die Liste ist lang. Vorher müssen die beiden nur noch ihre letzte Prüfung bestehen, Meister werden und den Torrekord knacken. Angst, sagen sie, hätten sie keine davor.

Viel schlimmer, hat Grafite einmal erzählt, sei nicht eine vergebene Chance, sondern wenn seine Frau Grace Kelly, sie heisst wirklich so, nicht mehr mit ihm spricht. Sie schweigt immer dann, wenn er auf dem Rasen mal wieder die Nerven verloren hat. Dann, erzählt Grafite, setzt er ganz auf die Liebe seiner drei Töchter. Die halten das Schweigen nicht länger als ein paar Minuten aus. Und - wenn sie reden, sei das schöner als der Beifall im Stadion.

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