Abstiegskampf
Zwei Abstiegskandidaten leben zusammen unter einem Dach

Nirgends ist der Abstiegskampf präsenter als an der Nordstrasse 7 in Zürich. Dort leben Aaraus Jonas Elmer und Bellinzonas Jérôme Thiesson unter einem Dach.

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Abstiegskampf auf dem Sofa

Abstiegskampf auf dem Sofa

François Schmid-Bechtel

«Wir steigen nicht ab, weil wir zwei von drei Direktbegegnungen gewonnen haben», sagt Bellinzonas linker Aussenverteidiger Jérôme Thiesson. «Wenn es noch zur Finalissima kommt, dann schaffen wir den Sprung in die Barrage», kontert Jonas Elmer, linker Aussenverteidiger beim FC Aarau. Zwei Punkte liegen die Tessiner derzeit vorn. Damit es am Sonntag im Stadio Communale noch zu einer Finalissima kommt, darf der Rückstand am Donnerstag nicht weiter anwachsen. Denn selbst ein Rückstand von drei Punkten wäre wohl eine zu hohe Hypothek. Denn das Torverhältnis spricht klar für Bellinzona (–50) und gegen Aarau (–54).

Sportlich sind Elmer und Thiesson erbitterte Konkurrenten. Privat die dicksten Freunde. Thiesson spricht gar von einer Sandplatzliebe. Die Freundschaft geht zurück zu den Anfängen bei den E-Junioren des FC Stäfa, als es noch keine Kunstrasen, sondern diese unsäglichen Sandplätze gab. «Ich war der Stratege und musste einfach nur den Ball steil in den Lauf von Jonas spielen. Den Rest hat er dann jeweils souverän erledigt», erzählt Thiesson. Seither sind auch die Eltern der beiden eng befreundet. So eng, dass Thiessons Mutter eher Jonas bedauerte, statt sich für ihren Sohn zu freuen, als Bellinzona die beiden Partien in der Hinrunde gegen Aarau gewonnen hatte.

Die Wege trennten sich im Teenie-Alter. Thiesson wechselte zum FCZ, Elmer zum Stadtrivalen GC. Im Sommer 2007 wurde Thiesson an Wil ausgeliehen, Elmer kehrte von Chelsea zurück in die Schweiz zum FC Aarau. Nach wenigen Wochen in Erlinsbach AG war für Elmer klar, dass er noch nicht bereit ist für ein Leben auf dem Land. Also suchte Thiesson in Zürich ei-
ne Wohnung für zwei und fand diese an der Nordstrasse 7 im Kreis 6. Seit eineinhalb Jahren, als Thiesson von Wil zu Bellinzona wechselte, hat Elmer die Dreizimmerwohnung häufig für sich allein.

Es ist eine klassische Junggesellen-Bude: reduziert auf das Wesentliche. Durchgesessenes Sofa, ein grosser Fernseher, Playstation, DVD, Laptop. Im Eingangsbereich ein riesiger, goldumrandeter Spiegel. Im Kühlschrank lagern hauptsächlich Getränke. Für die Ordnung ist eine Putzfrau zuständig, für das Essen die unzähligen Restaurants in der Nachbarschaft.

Locker, und auch zynisch

Trotz der brisanten Situation herrscht eine lockere Atmosphäre. «Wir sind die Abstiegskampf-Experten-WG und die Trainerwechsel-Experten-WG», flachst Thiesson. Bellinzona hat zweimal, Aarau gar dreimal den Trainer gewechselt. Zynisch hält Elmer fest: «Wir sind wieder da, nachdem der liebe Herr Andermatt entlassen wurde.» Der Ärger des 22-Jährigen ist verständlich. Denn Andermatt verbannte ihn in den Nachwuchs. Es war eine Phase, in der alles auf das Ende des Mythos der Unabsteigbaren hindeutete. Sieben Punkte betrug der Rückstand auf Bellinzona und ein Ende der Negativspirale schien nicht absehbar. «Uns war zwar bewusst, dass man sieben Punkte aufholen kann. Aber wir hätten nie gedacht, dass Aarau dreimal in Serie gewinnen würde», sagt Thiesson. «Trotzdem sind wir noch vorne und können die Barrage aus eigener Kraft schaffen. Der grössere Druck liegt also bei den Rüebliländern.»

Worte, die Elmer nicht aus der Reserve locken. Er setzt zwar alles daran, dass Aarau über die Barrage auch in der 29. Saison in Folge den Klassenerhalt schafft. Aber klar ist auch, dass seine Zeit auf dem Brügglifeld zum Saisonende ausläuft. «Nach drei Jahren in Aarau strebe ich eine Veränderung an», sagt er. Vieles deutet darauf hin, dass er zum FC Sion wechselt. Ein Wechsel von Elmer ins Wallis würde wohl das Ende der WG an der Nordstrasse bedeuten. Denn auch Thiessons Zukunft ist noch offen. Sein Vertrag läuft nur im Falle des Klassenerhalts um ein Jahr weiter. Eine Rückkehr zum FCZ schliesst er aber aus, obwohl ihn der neue Trainer Urs Fischer aus der U21 kennt. «Denn die Aussenverteidiger-Positionen sind schon doppelt besetzt», sagt er. Probleme, die in der virtuellen Playstation-Welt nicht existieren. Da stellt er sich als Spielmacher bei der AC Bellinzona auf. Elmer ist chancenlos und verliert mit Aarau 0:2.