Von Markus Brütsch

Die Schlappe ist nicht spurlos an Vladimir Petkovic vorbeigegangen. Immer wieder blickt der Trainer der Young Boys auf seinen Spickzettel. Es sollte nichts vergessen gehen, was ihm am Tag nach dem Debakel auf der Zunge liegt. Zum Beispiel: «Diese Niederlage wird bei unseren Spielern die richtige Reaktion auslösen!»

Am Auffahrtsabend war Petkovic mit seinen Young Boys in Emmenbrücke gegen den FC Luzern 1:5 untergegangen. Noch schlechter als das Ergebnis war indes die Leistung gewesen. Die Berner hätten die Gersag auch mit einem 1:7 oder 1:8 verlassen können, wenn die starken Luzerner noch etwas effizienter gewesen wären.

Allerdings: Selbst ein solches Resultat hätte nicht zwingend bedeuten müssen, YB könne nicht Meister werden. Erinnert sei daran, dass der FC Zürich 1963 den Titel geholt hatte, obwohl er zu Saisonbeginn von Lausanne-Sports mit 1:9 gedemütigt worden war. Und als vor knapp neun Jahren der FC Basel in Sion mit einem 1:8 in die Meisterschaft startete, dachten wohl auch nicht viele, Captain Murat Yakin werde am Ende der Saison den Meisterpokal in die Höhe stemmen. Auf jenes 1:8 hatte der FCB im nächsten Spiel mit einem 3:1-Sieg gegen Servette reagiert und sich dabei in den ersten 18 Minuten mit den Toren von Tum, Ergic und Huggel den Frust von der Seele geschossen. Benjamin Huggel, Scott Chipperfield und Marco Streller, allesamt auch schon damals am Ball, werden sich deshalb gewiss hüten, die Young Boys vorzeitig abzuschreiben. Wohlwissend, wozu in der Ehre gekränkte Spieler fähig sind.

Im Bewusstsein aber auch, wie wichtig bei einer solchen Ausgangslage es ist, den Bernern mit einer frühen Führung nicht gleich ein Erfolgserlebnis zu ermöglichen. Gelingt YB vor dem Heimpublikum auf dem Kunstrasen rasch das euphorisierende 1:0, so ist das 1:5 bereits aus den Kleidern geschüttelt. Geraten andererseits die Gelb-Schwarzen schnell in Rückstand, wird die dreitägige psychologische Aufbauarbeit von Petkovic und seinen Assistenten wie weggeblasen sein. «Das Geschwätz, dass wir nicht in der Lage seien, entscheidende Partien zu gewinnen, interessiert mich nicht», sagt Petkovic. «Wir haben in der vergangenen Saison im letzten Spiel in Basel 3:0 gewonnen und sind auf Rang 2 vorgestossen.»

Petkovic wird wissen, dass die Bedeutung jenes Spiels mit dem von heute nicht zu vergleichen ist. Um 16.15 Uhr schlägt im Stade de Suisse für YB die Stunde der Wahrheit. Es muss beweisen, dass die Behauptung von Marco Wölfli stimmt. «Wir haben sehr wohl eine Winnermentalität», hatte der Captain fast schon trotzig 14 Stunden nach dem Desaster von Luzern gesagt.

Nach der verlorenen Finalissima 2008 in Basel und der bitteren Enttäuschung gegen Sion im letztjährigen Cupfinal haben die Berner - nebst der donnerstäglichen Schmach im «wichtigsten Spiel der Saison» - im Europacup gegen Bilbao und später im Viertelfinal des Schweizer Cups gegen Lausanne auch heuer ihren Ruf gefestigt, ein Loser-Team zu sein. Eine Mannschaft, bei der die Nerven unweigerlich zu flattern beginnen, sobald es ans Eingemachte geht. «Das 1:5 gegen Luzern hatte nichts mit den Nerven zu tun», sagt Aufbauer Mario Raimondi tapfer. Solche Spiele, in denen nichts zusammenpasst, gebe es eben. «Nein», sagt Raimondi, «wir gehen am Sonntag überhaupt nicht verunsichert ins Spiel.» Was aber wird sein, sollten die Adduktorenbeschwerden dem alten und neuen Torschützenkönig Seydou Doumbia einen Strich durch die Rechnung machen und ihn früh zum Ausscheiden zwingen?

Petkovic blendet solche Negativszenarien aus. Lieber sagt er: «Ich weiss, dass wir gewinnen werden. Vieles spricht für uns: «Wir sind fast immer Leader gewesen, wir werden von 25 000 Zuschauern unterstützt und wir spielen auf Kunstrasen.» Eindrücklich ist fürwahr, dass YB seit dem Debüt von Petkovic am 31. August 2008 und dem 1:3 gegen GC in 31 Heimspielen in der Meisterschaft ungeschlagen geblieben ist. «Auf solche Statistiken gebe ich allerdings nichts», sagt Petkovic.

Zu Recht. Auch der FC Basel war 2006, bevor er gegen den FCZ die Finalissima 1:2 verlor, im eigenen Stadion während 59 Spielen ungeschlagen gewesen.