Die Bilder von den Weltmeisterschaften Anfang August in Schottland sind die letzten, die von Judith Wyder geblieben sind. Es sind Bilder einer verunsicherten Athletin. Einer Athletin, deren Resultate zwischen Wunsch und Realität auseinanderklafften – aus diffusen gesundheitlichen Gründen. Seither ist es still geworden um die dreifache Weltmeisterin des letzten Jahres. «Wie geht es Ihnen, Judith Wyder?», fragen wir deshalb bald zwei Monate später und vor dem Comeback. Der Weltcupfinal in Arosa von diesem Freitag bis Sonntag steht an.

«Gut», sagt die vife Bernerin und schiebt nach: «Gut, nach dieser so harten Zeit.» Die Periode von WM-Beginn bis vor knapp zwei Wochen rekapituliert sie. Die 27-Jährige hat mit dem Arzt und dem Physiotherapeuten eine Erklärung gefunden für das, was sich in der Mixedteam-Staffel zu Beginn der Weltmeisterschaften abgespielt hatte.

Als sie mit der dänischen Schlussläuferin Maja Alm fightete und plötzlich abfiel, das Ziel schliesslich als enttäuschte Vierte erreichte. «Ich verlor im linken Bein sämtliche Energie und Kraft und konnte das Bein nicht mehr heben», beschreibt sie rückblickend. Auslöser dieses «unerklärlichen Phänomens» war der Rücken. «Mir hat es etwas blockiert», erklärt sie.

Anderthalb Monate ohne Sport

Die therapeutischen Massnahmen schlugen nicht an – an der WM nicht und auch danach nicht. «Anderthalb Monate konnte ich überhaupt nichts tun», sagt sie. Schmerzen im Rücken hätten sie gebremst und ebenso die andauernde Kraftlosigkeit im Bein. «Sporttreiben, geschweige denn Leistungssport war kein Thema», sagt sie, «das Bewältigen des Alltags forderte schon genug.»

Sie schickte sich in die Situation – auch, weil sie als Physiotherapeutin auch theoretisch ein hervorragendes Wissen über den Körper besitzt. «Der Körper forderte Ruhe und dem musste ich Folge leisten.» Sie hat dank ihres Berufs Verständnis für Körperreaktionen aufgebaut, gelernt, Grenzen zu erkennen. Ebenso aber ist ihr klar geworden, dass «ich zu meinen Patienten strikter bin als mit mir selber». Ihr, dem Bewegungsmenschen, fiel das Nichtstun schwer.

Unterstützt von ihrem medizinischen Umfeld – dem Chiropraktiker Martin Kumm, der Nationaltrainerin Vroni König, ihrem persönlichen Betreuer Fritz Aebi sowie der Verbandsmentaltrainerin Andrea Binggeli –, hielt sie durch. Und Anfang letzter Woche bekam sie das Go. Wyder durfte mit einem sorgfältigen Aufbau beginnen. Was das heisst? «Lediglich ein Training pro Tag, und dieses nicht länger als 30 bis 60 Minuten.» Vorerst geht es nicht um Leistung, sondern ums Wiederfinden des Laufgefühls.»

Wie «eingerostet» habe sie sich anfänglich gefühlt, beschreibt sie. Erkannt aber hat sie auch: «Es geht extrem schnell wieder aufwärts.» Nach einem ersten Testrennen am vergangenen Sonntag in Belmund entschloss sie sich zur Teilnahme am Weltcupfinal in Arosa – «weil mir das Wettkampffieber fehlt, weil ich mich auf die Rückkehr in den vertrauten Kreis freue und weil ein Heim-Final besondere Emotionen auslöst».

Dass mit diesem Entscheid ein ansehnliches Risiko verbunden scheint, will sie nicht ausdrücklich erwähnen. Wyder sagt: «Klar, ich werde mich nicht in Bestform präsentieren können, und auch für mich selber formuliere ich kein Rang-, sondern ein Befindlichkeitsziel. Ich möchte technisch top laufen.»

Der Blick ist nach vorn gerichtet

Als Investition sieht sie dieses Kalkül, «eine Investition für die nächste Saison, für die Weltmeisterschaften in Schweden». Und als Schritt, die jüngste Vergangenheit und damit das Tal der Tränen hinter sich zu lassen. Wahrnehmen wird Wyder allerdings nur eine Startmöglichkeit – am Samstag über die Mitteldistanz. Das aber nicht um jeden Preis: «Ein gesundheitliches Risiko werde ich nicht eingehen, also nur starten, wenn ich mich körperlich gut fühle.»