Julien Oberholzer, Marseille

Knapp zwei Wochen nach der in jeglicher Hinsicht enttäuschenden 0:1-Heimniederlage gegen Marseille bietet sich dem FC Zürich heute die Chance zur Revanche. Das vierte Champions-League-Gruppenspiel ist für den Schweizer Meister wegweisend. Nach der Hälfte des Pensums ist noch alles möglich. Und dies ist für den FC Zürich schon mal kein schlechter Leistungsausweis. Selbst wenn beim Schweizer Meister alle, von Präsident Ancillo Canepa über Sportchef Fredy Bickel bis Trainer Bernard Challandes, das Überwintern im Europacup als Ziel ausgeben, bleibt die oberste Zürcher Devise, «ein Spiel nach dem anderen zu nehmen». «Um Punkte in der Champions League zu gewinnen, benötigen wir immer einen Exploit», sagt Challandes. Ein Exploit würde dem FC Zürich heute im 60 000 Zuschauer fassenden Vélodrome besonders gut- tun. Mit einem Sieg könnte man Marseille um drei Punkte distanzieren, was im Hinblick auf Platz drei und die Qualifikation für die Euroliga bereits vorentscheidend sein könnte. Und alle leisen Hoffnungen auf den Achtelfinal-Einzug in der Champions League am Leben erhalten würde. Dass Olympique Marseille mit einer guten Leistung zu schlagen ist, dürfte seit dem Hinspiel jedem FCZ-Spieler klar sein. Der zweite Champions-League-Auftritt im Letzigrund am Mittwoch vor einer Woche war ein Frust. Beide Mannschaften überboten sich mit Unzulänglichkeiten und Fehlpässen. Frustrierend waren auch die letzten beiden Partien der Zürcher in der Super League, aber aus anderen Gründen. Sowohl gegen Basel als auch gegen Sion mussten sie sich mit Unentschieden zufrieden geben, obwohl das Torchancenverhältnis klar für das Team von Challandes sprach. «Uns fehlte die Effizienz», bringt es Challandes auf den Punkt.

Entschuldigungen sucht er keine: «Wir sind selber schuld.» Nur: Es war im Verlauf der Saison nicht immer die Effizienz, die dem FCZ Probleme bereitete, und auch nicht immer die Offensive. Die Verteidigung spielte in der Meisterschaft nur zweimal zu null. In dieser Saison stimmt beim FCZ zu oft etwas nicht. Ist es nicht die Chancenverwertung wie gegen Sion oder Basel, ist es eine gewisse Nonchalance wie etwa gegen Bellinzona oder Mutlosigkeit wie im Hinspiel gegen Marseille. Canepa gesteht mit Blick auf die Doppelbelastung: «Wir haben den Spagat nicht geschafft.» Gründe für die fehlende Effizienz in der Offensive findet man relativ leicht. Sie tragen zwei Namen: Almen Abdi und Eric Hassli. Die beiden schossen in der letzten Saison 36 Tore und damit fast 50 Prozent aller FCZ-Treffer. Dazu kommt, dass Alexandre Alphonse nicht die Form des letzten Jahres aufweist. Dies kann ein Johan Vonlanthen allein nicht wettmachen. Dennoch liegen die Hoffnungen auch in Marseille vor allem auf dem Leihspieler aus Salzburg. Denn der aussortierte Abdi, die langzeitverletzten Yassine Chikhaoui und Hassli sowie Marco Schönbächler (Magenverstimmung) machten die Reise nach Marseille nicht mit.

Immerhin kann sich der FC Zürich damit trösten, dass der heutige Gegner ähnlich unkonstant agiert. Marseille vergab am Samstag gegen das früh nur noch zu zehnt spielende Toulouse eine grosse Anzahl Torchancen. Ein effizientes Spielkonzept hat Trainer Didier Deschamps noch nicht gefunden. Rekordeinkauf Lucho Gonzalez ist bis jetzt noch nicht auf Touren gekommen. Sein Fehlen wegen einer Knöchelverletzung muss deshalb kein Nachteil für den letztjährigen Ligue-1-Zweiten sein. Obwohl es auch für den FC Zürich um viel geht, lastet der Hauptdruck auf Marseille. Die Fans im Vélodrome sind laut, anspruchsvoll und unzimperlich, wenn es darum geht, sich Luft zu verschaffen. Bei einem ähnlich schwachen Auftritt wie im Letzigrund kann die Stimmung schnell gegen die eigene Mannschaft kippen. Es wäre nicht das erste Mal.