Sven Schoch, Abuja

Das bedeutendste Tor der 114- jährigen Schweizer Verbandsgeschichte schoss Haris Seferovic. Der Stürmer der Grasshoppers und Topskorer des Turniers (5 Treffer) verschaffte sich mit seinem Kopfball in der 63. Minute einen ewigen Platz in der SFVHistorie.

In der Schlussphase spitzte sich das Duell der besten beiden U17-Teams der Welt dramatisch zu. Im Schweizer Strafraum häuften sich die heiklen Szenen wieder im Minutentakt. Zweimal trennte die Latte Nigeria vom Ausgleich, zweimal beanspruchten die Schweizer den ultimativen Glücksmoment. Keeper Benjamin Siegrist behielt als Einziger noch den Überblick. 64 000 im Stadion und Millionen im westafrikanischen Epizentrum des Fussballs formierten sich hinter den «Golden Eaglets ».

Die Schweizer kämpften gegen eine Wand - und durchbrachen sie, die Schallmauer, überschritten die vermeintliche Grenze des für Schweizer Fussballer Machbaren. Am Ende jubelten die «Swiss Boys». Sie stoppten den seit sechs Jahren ungeschlagenen Champion. Der unglaubliche Coup der Schweizer ist märchenhaft und an sich kaum mit den passenden Worten zu beschreiben.

In den letzten vier Wochen fabrizierte die SFV-Talent-Fabrik eine Sensation - den WM-Titel in der weltweit wichtigsten Sportart. Alle räumten Rysers «Riesen» aus dem Weg. Den früheren Weltmeister Mexiko, Europameister Deutschland, das Top-Team Italien, dann die völlig überrollten Kolumbianer und nun in der Hauptstadt Nigerias den WMGastgeber, den dreifachen Titelträger. Ohne Verlustpunkt, ohne Aussetzer, ohne Schwäche! Diese Bilanz ist (fast) beispiellos.

Seferovics Goldtor!

Eine zweite Sturm- und Drangphase liessen die Schweizer nach der Pause nicht mehr zu. Im Gegenteil: Sie näherten sich schrittweise selber einem ersten Vorteil. Seferovic und Ben Khalifa, das Top-Duo im Sturm, setzten erste Nadelstiche. Auf den Rängen sank der Lärmpegel. Die Zuschauer spürten, dass ihre «Eaglets» keinen Aufwind mehr hatten. Stattdessen gerieten die Jungadler in Turbulenz - verursacht von Haris Seferovic. Der GC-Stürmer verwertete einen perfekten Corner Buffs mit einem wunderbaren Kopfball. Das fünfte Turniertor von Seferovic zog für die Einheimischen eine Schockwirkung nach sich.

Mit diesem Szenario hatten sie, die am Vortag bereits den Pokal küssten, nicht gerechnet. Mit ihren Vuvuzelas produzierten die wilden Anhänger der «Golden Eaglets» schon Stunden vor dem Showdown ein ohrenbetäubendes «Summkonzert». Das randvolle National Stadium verwandelten die weit über 60 000 Fans so in ein gigantisches Bienenhaus. Nur während der Nationalhymnen verstummten die Blasinstrumente.

Schwarmartig griffen dann auch die Nigerianer an. Sie bestürmten die Schweizer von der ersten Sekunde an. Bereits in der 4. Minute wankten die Gäste bedrohlich. Janick Kamber bewahrte seine Equipe mit seiner Rettungsaktion auf der Linie vor einem womöglich fatalen Fehlstart. Am Bild änderte sich auch in den folgenden Minuten nichts. Die Schweizer wurden regelrecht belagert.

Siegrist im Brennpunkt

Keeper Benjamin Siegrist stoppte die Offensivwellen der vom wilden Anhang aufgeputschten Afrikaner mehrfach brillant. Und als er in der 8. Minute von Topskorer Sani Emmanuel, auf den Nigerias Trainer erstmals von Beginn weg setzte, ohne Rücksicht auf Verlust gerammt wurde, demonstrierte er Nehmerqualitäten. Das ausserplanmässige Timeout kam den zunächst durchgeschüttelten Schweizern zupass.

In der Folge adaptierten sie die Offensivaktionen der ungestümen Nigerianer spürbar besser. Im zentralen Mittelfeld trug Pajtim Kasami wesentlich zur Beruhigung der Lage bei; der «Römer » beeinträchtigte den nigerianischen Kreislauf dank seiner Physis erheblich.