Sportler des Jahres

Weshalb Daniela Ryf und Nino Schurter die verdienten Sieger sind – und was die beiden voneinander unterscheidet

Wie auf Schienen zu ihren Triumphen: Daniela Ryf (links) und Nino Schurter (rechts).

Daniela Ryf und Nino Schurter sind die Schweizer Sportler des Jahres 2018. Warum die beiden Spitzenathleten diesen Titel mehr als verdient haben.

Und plötzlich schwebt sie im Paradies davon 

Woher kommt die grosse Faszination für die unendliche Qual des menschlichen Körpers? Daniela Ryf verschiebt immer wieder Grenzen. Und fühlt sich wohl in der Einsamkeit der Herausforderung.

Hawaii. Ferienparadies für sehr viele Menschen dieser Welt. Weit weg vom Alltag in der Schweiz. Weit weg von jeglicher Hektik. Ein Ort, der für so viele Träume steht. Für Palmen, Strand und Erholung.

An diesem Ort beginnt die Faszination für Daniela Ryf. Auch für sie ist Hawaii ein Traum. Nur eben ein bisschen anders. Es ist der Ort ihrer Triumphe. Der Ort, an dem sich so viele Ironman-Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die Wellen des Meers und über glühende Strassen quälen. Bei ihr wird aus Qual Lust.

Von weit weg betrachtet ist so ein Ironman nur eines: Hölle. Wie kann man seinem Körper so etwas antun, fragen wir? Wie gelingt es, immer wieder Grenzen zu verschieben? Den Mensch zu etwas zu treiben, das unmöglich in seinem Interesse sein kann? So normal Daniela Ryf wirkt, so wahnsinnig muss diese Frau hinter der Fassade sein. Es ist eine Fassade, hinter die Normalsterbliche nie blicken können. Und darum wird die Faszination nur grösser.
8 Stunden, 26 Minuten und 18 Sekunden lang dauert in diesem Oktober Ryfs Rennen auf Hawaii. Sieg. Rekord. Es ist ein fabelhafter Wert. Nur 33 Minuten und 39 Sekunden mehr benötigt sie für die Strecke als der schnellste Mann. Am Anfang des Tages wird sie von einer Qualle gebissen. Kein Grund, sich aufhalten zu lassen. «In diesem Moment denke ich an all meine Freunde, die wegen mir da sind. Und an all die Leute, die zu Hause vor dem Fernseher nur meinetwegen zuschauen.»

Natürlich, diese Qualle lässt Hochachtung – ja sogar Bewunderung – für Ryf noch einmal in die Höhe schnellen. Wie gross müssen die Qualen sein in diesen Stunden des Rennens? Überhaupt: Ironman. Es ist, als müsse der Mensch die Natur zähmen. Der Mensch muss der Natur zeigen, dass sie zu wenig stark ist, um ihn zu brechen. Beim Ironman gibt es keinen Moment des Spektakels. Nicht wie im Fussball, wo eine einzige Szene den Ausbruch der Gefühle heraufbeschwören kann.

«Irgendwann», hat Daniela Ryf dieser Zeitung einmal erzählt, «fühlst du dich wie auf der Tanzfläche während einer wunderbaren Partynacht. Du schwebst davon, als seist du im Paradies.» Es ist ein Gefühl aus der Ferne, das uns Normalsterblichen nie vergönnt sein wird.
Um so ein Rennen auszuhalten, braucht es einiges. Um es zu gewinnen, sowieso. Aber vielleicht ist die grösste Herausforderung eine andere. Nämlich, den eigenen Geist zu bezwingen. Es bleibt unendlich viel Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. In der Einsamkeit Gedanken zulassen. Gedanken wieder verdrängen. Daniela Ryf, 31-jährig, Solothurnerin, ist Meisterin darin. Sie wird es weiter tun. Und sie wird es weiter lieben. Irgendwann möchte sie die schnellsten Männer herausfordern können. In Hawaii. In grosser Ferne, am Ort vieler Träume. Und wir werden auch weiterhin fasziniert zuschauen und uns fragen: Wie macht sie das, unsere Sportlerin des Jahres 2018?

Der Triumph in der Heimat als Herzöffner

Im zehnten Anlauf wurde Mountainbiker Nino Schurter endlich als Sportler des Jahres ausgezeichnet. Es ist der Lohn für die akribisch aufgebaute Karriere eines bisweilen unfassbaren Perfektionisten.

Da stand er nun am kleinen Rednerpult auf der Bühne und die Worte sprudelten nur so aus ihm raus. Nino Schurter war endlich am Ziel seiner Träume angelangt. Endlich war er als Sportler des Jahres ausgezeichnet worden. Endlich, im zehnten Anlauf. «Eine harte Nuss», sei das gewesen, sagte der sichtlich bewegte Bündner, der im September in Lenzerheide zum siebten Mal Mountainbike-Weltmeister geworden war. Den Tränen nah dankte er all den Personen, die ihm zum Erreichen dieses Meilensteins geholfen hatten. Eines Meilensteins, der für ihn schon fast unerreichbar geworden zu sein schien.

Als er 2016, selbst nach seinem Olympia-Triumph in Rio, hinter Fabian Cancellara auf Rang 2 der Sportlerwahl gelandet war, da war ihm die Enttäuschung ebenso anzusehen wie im letzten Jahr, als er sämtliche Weltcup-Rennen und dazu noch den WM-Titel gewonnen hatte, was aber auch nicht reichte, um gegen das grandiose Comeback von Roger Federer anzukommen. Und so fragte er sich: «Was, bitteschön, muss ich denn noch leisten, damit ich endlich die verdiente Anerkennung im eigenen Land erhalte?»

Sicher, da war immer wieder der enorme Schatten Federers, welcher seit 17 Jahren regelmässig grosse Leistungen anderer Athleten überdeckte. Da war aber auch der Nachteil des Bündners, dass er einerseits in einer gefühlten Randsportart zuhause ist und man andererseits seine Triumphe kaum fassen konnte. Im Prinzip sah ihn die breite Öffentlichkeit einmal im Jahr im Fernsehen im Rahmen eines WM- oder Olympiarennens. Kein Vergleich mit den regelmässigen Grand-Slam- und Turnier-Auftritten eines Roger Federers oder den populären Ski-Anlässen wie Wengen und Kitzbühel, in welchen Beat Feuz und Co. für sportliche Sternstunden sorgten.

Und dann war da auch noch der Umstand, dass Nino Schurter, dieser Perfektionist, der auf der Suche nach der maximalen Leistung nichts dem Zufall überlässt, oft etwas verbissen und unnahbar wirkte für das breite Publikum. Man sah, dass da einer eine Sportart nach allen Regeln der Kunst dominiert. Aber man konnte nicht so recht einschätzen, wie viel Aufopferung und Leidenschaft dahinter steckt.

Deshalb war die WM in Lenzerheide für Nino Schurter der ideale «Herzöffner.» 25 000 Zuschauer bildeten in diesem malerischen, Bündner Hochtal eine stimmgewaltige, fantastische Kulisse, die den 32-Jährigen in seiner unmittelbaren Heimat zum Triumph trug. Die Zuschauer schlossen Schurter in ihr Herz, und dieser akribische Athlet öffnete sich, präsentierte sich von seiner emotionalen Seite. Er konnte vor den Augen «seines» Publikums endlich zeigen, was er kann.

Vor allem gelang es ihm, seine Gefühle nach aussen zu transportieren, einen Blick in sein Seelenleben zu gewähren. Schon damals, an diesem 8. September war deshalb irgendwie klar: In diesem Jahr wird kein Weg an der Wahl von Nino Schurter zum Sportler des Jahres vorbeiführen. Jetzt hat er es tatsächlich geschafft.

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