Jörg Abderhalden
Warum der König nicht aufgibt

Schwingerkönig Jörg Abderhalden (30) steigt schon wieder Treppen hoch.

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Jörg Abderhalden

Jörg Abderhalden

Keystone

von Klaus Zaugg

Dass es in der «Krone» zu Wattwil keine Rücktrittsankündigung geben wird, zeigt sich schon beim Eintreffen des Königs. Trotz Kreuz- und Innenbandriss im rechten Knie steigt Jörg Abderhalden mit Krücken die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo im schönen Säli für die Medienkonferenz gestuhlt ist.

Der König kontrolliert die Situation. Cool und sachlich sind seine Statements. Nein, er trete nicht zurück. Es wäre jetzt der falsche Zeitpunkt, um über einen Rücktritt nachzudenken. Am Sonntag hat er sich auf der Schwägalp im sechsten Gang gegen Bruno Müller einen Kreuz- und Innenbandriss zugezogen. Die Verletzungen sind weniger schlimm als befürchtet: Keine Knorpel- und Meniskusschäden. Operation am nächsten Dienstag. Nun macht er also weiter. Das mag Kopfschütteln auslösen. Was kann denn einer, der schon dreimal König war (1998, 2004 und 2007), noch gewinnen? Geht es um Geld? Um den noch ein weiteres Jahr laufenden Vermarktungsvertrag mit IMG, der, so schätzen Insider, in drei Jahren insgesamt rund eine Million Werbefranken einbringen kann?

Nein. Geld spielt keine Rolle. Rolf Huser von IMG sagt, Jörg Abderhalden sei so populär, dass sein Werbewert durch einen Rücktritt nicht geschmälert würde. Der König könnte ein Bernhard Russi des Schwingens werden.

Die Art und Weise, wie er gestern seinen Entscheid vertreten hat, zeigt, warum ihn viele als den Grössten aller Zeiten bezeichnen. Er ist beseelt von jener Motivation, die alle grossen Sportler an- und umtreibt, auch Roger Federer. Und die um ein Haar Michael Schumacher auf die Rennstrecke zurückgebracht hätte: Die ewige Suche nach einer neuen Herausforderung.

Auf den König wartet gar die ultimative Herausforderung: Die Überwindung des Fluches der 30 Jahre. Dieser Fluch ist der Grund, warum bis heute keiner viermal König geworden ist. Seit Werner Bürki (1940) hat keiner mehr nach seinem 30. Geburtstag den Königsthron bestiegen. Am 28. August wird Abderhalden 30.

Allerdings wird er beim «Eidgenössischen» 2010 nur dann in die Hosen steigen, wenn er eine Chance sieht, den Thron zu verteidigen. «Einfach antreten, damit ich dabei bin, kommt nicht infrage. Wenn ich gesund bin, dann habe ich eine Chance.»
Nun werden wir vielleicht doch noch eine Antwort auf die Mutter aller Schwingerfragen erhalten: Wer ist «böser»: Der König oder der Titan Christian Stucki (24), der Herrscher über das Bernbiet? Denn der erste Gang beim Eidgenössischen steht schon fest: Der König (Abderhalden) gegen den Sieger vom Kilchberg (Stucki). Und wenn der König letztlich doch noch vor diesem Eidgenössischen zurücktreten sollte, so hat er seinem Vermarkter IMG bis dahin viel, viel Medienpräsenz beschert.

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