Viel fehlte nicht. Knapp 16 Minuten waren die Houston Rockets in der NBA davon entfernt, Titelverteidiger Golden State auszuschalten. Doch am Ende der siebten und entscheidenden Partie jubelten in der Nacht auf Dienstag doch wieder die Kalifornier und setzten so nicht nur der starken Saison des Genfer Centers Clint Capela ein jähes Ende, sondern sorgten auch dafür, dass sich im Rahmen der in der Nacht auf Freitag beginnenden Finalserie zum vierten Mal in Folge dieselben Teams gegenüberstehen werden. Zum Saisonauftakt im Oktober hatten viele Experten davon gesprochen, dass alles andere als ein viertes Aufeinandertreffen zwischen den Warriors und den Cleveland Cavaliers im Final eine riesige Überraschung wäre. Zu überlegen hatten die beiden Mannschaften in den letzten Jahren agiert.

Und doch, nun da das vierte Kapitel in diesem zur Saga hochstilisierten Duell geschrieben wird, sind sich viele bewusst, dass es auch ganz anders hätte kommen können. Dann beispielsweise, wenn die Cavaliers in der ersten Runde gegen die Indiana Pacers Spiel 7 verloren und sich nicht mit 4 Punkten Differenz durchgesetzt hätten. Oder dann, wenn sie im Halbfinal gegen Boston nicht nach einem 0:2-Rückstand in die Serie zurückgekehrt wären, bevor sie die bis dahin zuhause ungeschlagenen Celtics im Entscheidungsspiel bezwangen. Oder eben dann, wenn die Rockets ihre Vorteile gegen die Warriors genutzt und nicht in der zweiten Hälfte von Spiel 7 eingebrochen wären.

Die Verwundbarkeit der Unbesiegbaren

So ausgeglichen wie in diesem Jahr war das Geschehen in der NBA schon lange nicht mehr. Zum ersten Mal seit 1979 mussten beide Halbfinalserien in einem siebten Spiel entschieden werden, und während die Warriors in den letztjährigen Playoffs auf dem Weg zum Titel nur einmal verloren hatten, mussten sie in diesem Jahr deutlich mehr kämpfen. "Auf einmal scheinen die Unbesiegbaren verwundbar", schrieb die Fachzeitschrift Sports Illustrated, nachdem Golden State gegen die Rockets mit 22 Punkten Unterschied verloren hatte. Momente, in denen die beiden Dominatoren hätten fallen können, gab es einige. Doch sie taten es nicht.

Während die Warriors mit ihren vier Starspielern um die beiden ehemaligen MVPs Stephen Curry und Kevin Durant stets in der Lage scheinen, auf Widerstände zu reagieren, hängt der erneute Finaleinzug der Cavaliers primär mit einem Mann zusammen: LeBron James. Der 33-Jährige gilt seit Jahren als bester Basketballer der Welt. Und dennoch ist das, was der dreimalige Meister und vierfache MVP in diesen Playoffs zeigt, aussergewöhnlich. Keiner ist bisher länger auf dem Parkett gestanden als James, doch von Müdigkeit oder Leistungsabfall ist bei ihm auch in seiner 15. Saison in der NBA nichts zu sehen. Er hat bisher mit Abstand am meisten Punkte erzielt und am meisten Assists gesammelt und so einer Mannschaft, die Anfang Februar substanzielle Veränderungen erfuhr, erneut die Chance auf einen Titel gewahrt. "Was er leistet, lässt sich nicht beschreiben. Es ist einfach unglaublich", sagte Durant anerkennend gegenüber ESPN.

Die Orangenpresse

Zum achten Mal in Folge steht James nun im Final. Er weiss, dass der Weg zu seinem vierten Meisterring alles andere als einfach sein wird, aber er sagt: "Ich versuche, die Orange auszupressen, bis kein Saft mehr übrig ist." Für Leute im Umfeld der Warriors dürfte dies wie eine Drohung klingen. Besitzer Joe Lacob liess auf der Sport-Website "The Athletic" verlauten: "Um ehrlich zu sein, habe ich Cleveland etwas satt." Auch er dürfte trotz der Favoritenrolle seines Teams wissen: Ein Team mit LeBron James hat immer eine Chance.