Leichtathletik

Viktor Röthlin lässt seine Blutwerte in der «Sunday Times» veröffentlichen

Viktor Röthlin – hier in seinem letzten Marathon an der EM in Zürich – kannte die Daten nicht, als er um deren Veröffentlichung bat.

Viktor Röthlin – hier in seinem letzten Marathon an der EM in Zürich – kannte die Daten nicht, als er um deren Veröffentlichung bat.

Viktor Röthlin gehört nicht zu den Athleten, die im jüngsten Dopingskandal in der Leichtathletik unter Verdacht stehen. Oder nicht mehr: Die Blutwerte liegen alle im normalen Bereich, zeigen also keinerlei Auffälligkeiten.

Die «Sunday Times» und die ARD hatten Anfang August nach der Analyse der der ihnen zugespielten Daten von 12 000 Blutproben von 5000 Athleten schwere Vorwürfe an die Adresse der IAAF erhoben.

Unabhängige Experten waren zum Schluss gekommen, dass rund 800 Olympia- und WM-Teilnehmer aus den Jahren 2001 bis 2012 verdächtige Werte aufwiesen, darunter 150 Medaillengewinner. Stark betroffen waren dabei die Ausdauerdisziplinen wie der Marathon, zudem wiesen gemäss Auswertung vier Prozent der Schweizer in der Datenbank auffällige Blutwerte auf.

Flucht nach vorne

Angesichts dieser Enthüllungen, die seine Aktivzeit betrafen, entschloss sich Viktor Röthlin zur Flucht nach vorne. «Als erfolgreicher Spitzensportler steht man immer unter Doping-Generalverdacht», sagt Röthlin. «Ich habe deshalb mit der ‹Sunday Times› Kontakt aufgenommen und sie gebeten, meine Blutwerte aus der Datenbank zu veröffentlichen.»

Röthlin tat dies, ohne selber die betreffenden Werte zu kennen. Der Schweizer Rekordhalter, der seine Karriere vor einem Jahr nach der EM in Zürich beendet hatte, war jedoch überzeugt, nichts zu verbergen zu haben.

«Ich habe in meiner ganzen Karriere nie unerlaubte Mittel zu mir genommen und stehe für 100% Transparenz», begründet er seinen Schritt. «Dank der IAAF-Datenbank konnte ich dies nun sogar einmal gegenüber der Öffentlichkeit beweisen.» Zu denken geben Röthlin die massiven Vorwürfe gegen kenianische Athleten, hatte er doch selber oft in deren Heimat trainiert. «Muss ich nun mein Bild von diesem Land revidieren?», fragt er.

Der Frust des Verdachts

Während seiner Karriere hatte Röthlin immer wieder mit unterschwelligem Dopingverdacht leben müssen. «Das war die frustrierendste Sache in meiner Karriere», lässt sich der WM-Dritte von 2007 in der «Sunday Times» zitieren. «Je mehr Erfolg ich hatte, desto mehr Leute hielten mich für einen Betrüger.»

Die kritischen Stimmen verstummten nicht, als Röthlin 2009 zwei Lungenembolien erlitt, deren Ursache eine vererbte Neigung zur Blutverdickung war. Und erst recht nicht nach seiner phänomenalen Rückkehr mit dem EM-Titel 2010. Gegen ziemlich explizite Vorwürfe des deutschen Running-Magazins Spiridon zog Röthlin vor Gericht, wo der Fall aber ohne klaren Sieger endete.

Weil er nach den neusten Enthüllungen erneut auf Doping angesprochen wurde, drehte der 40-jährige Obwaldner den Spiess nun um. «Unsere ältere Tochter hat gerade mit dem Kindergarten begonnen», so Röthlin . «Wenn Leute zu ihr sagen würden, ihr Vater sei ein Betrüger, würde mir das sehr weh tun.»

Am liebsten wäre Röthlin, er könnte noch weitere Testwerte öffentlich machen. Antidoping Schweiz lehnte seine Bitte jedoch mit der Begründung ab, die Daten könnten aktiven Dopern dabei helfen, unerkannt zu bleiben.

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