Von Werner Schneiter

Donnerstagabend in La Punt Chamues-ch, Etappenort der diesjährigen Tour-de-Suisse-Königsetappe, die 213 Kilometer lang ist, von Meiringen über die Pässe Susten, Oberalp und Albula zum Zielort im Oberengadin führt: Die übliche Hektik im Zielbereich, die von einem aufgedrehten Platzspeaker und dem lärmigen, nie enden wollenden Werbecorso angeheizt wird. Noch wenige Minuten bis zum Eintreffen des Solosiegers Robert Gesink aus Holland. Hans Jucker und Co-Kommentator Jean-Claude Leclercq lassen sich auf der Reportertribüne von dieser Aufgeregtheit nicht anstecken. Sie kommentieren und analysieren ruhig - ohne zu gestikulieren wie das der nebenan sitzende Reporterkollege aus der Romandie tut, der sich sogar von seinem Sitz erhebt. Bei der Zieleinfahrt hebt sich dann Juckers Stimme ein bisschen, derweil Leclercq sich aufmacht, um das Siegerinterview zu führen.


Das Wichtigste auf einem A4-Blatt

Routine pur. Das Neuste lässt sich vom Bildschirm ablesen, dazu liegen auf dem Reporterplatz in paar bekritzelte Zettel herum. Bei seinen Reportagen von Etappenrennen beschränkt sich Hans Jucker allerdings auf ein A4-Blatt. «Darauf halte ich alle relevanten Informationen über den Etappenort fest», sagt er. Und die erhält er nicht nur aus dem Internet, sondern auch von den jeweiligen Tourismusbüros. So kann er über die auf dem Bildschirm erscheinenden Schlösser berichten, über den Wein, der in der eben passierten Gegend wächst, über Geschichtliches eines mittelalterlichen Städtchens referieren. Informationen, die über Akteure und Zahnkränze hinausreichen, sind gerade bei langen Übertragungen wie bei der Tour de France wichtig. Und dass natürlich ein Co-Kommentator wie der Fachmann und ehemalige Radprofi Leclercq zur Verfügung steht, der Jucker auch stimmlich entlasten kann. Das tut er seit 1994 mit grosser Sachkenntnis. Vieles ist zwar Routine, aber aufregen kann sich Hans Jucker immer noch, etwa über die nach der Etappe sich übergebührlich hinauszögernden Ehrungen, die SF live bringt. «Die Franzosen zeigen bei der Tour de France nur den Träger des gelben Trikots. Das reicht doch», ereifert sich der Bald-Pensionär.


Früher familiär, heute gigantisch
45-mal war Hans Jucker als Reporter bei der Tour de Suisse dabei, 27-mal bei der Tour de France. Dazu kommen viele Einsätze an Weltmeisterschaften, Olympischen Spielen und anderen Grossereignissen. Hunderte von Stunden sind das, die er am Mikrophon verbracht hat, Hunderte von Sportlerinnen und Sportlern, die sich seinen Fragen gestellt haben. Ende Jahr ist nun aber Schluss. Nach 45 Jahren Fernsehen. «Ich habs nun gesehen», sagt er und beantwortet die Frage nach einem allfälligen Weitermachen ab 2011 mit einem kategorischen Nein. «Claude Jaggi ist mein Nachfolger. Ich gehe, solange die Leute das noch bedauern. Jetzt müssen die Jungen ran. Basta».
Mit Hans Jucker scheidet Ende Jahr der letzte Generalist der Sportabteilung von SF DRS aus - einer, der von den Chefs überall eingesetzt wurde. Mal kurzfristig beim Curling an Olympischen Spielen, mal bei der Schweizer Meisterschaft im Seilziehen oder bei anderen Randsportarten. Und seine 45 Dienstjahre beim Fernsehen wird in der Sportabteilung wohl niemand mehr übertreffen können.
Der Radsport blieb aber immer seine Lieblingsdisziplin, auch wenn Reiten und Boxen zu seinen weiteren Spezialgebieten gehören. «Weil sie die härteste Sparte ist und ich die Leistungen der Akteure achte», sagt Jucker, der aber zu diesen Helden der Landstrasse - ganz Journalist - mehr auf Distanz ging als andere seiner Zunft. Und gefallen fand er auch immer daran, täglich wieder die Koffer zu packen und sich an einen anderen Ort zu verschieben. Weniger sagt ihm der Gigantismus zu, der auch den Radsport erfasst hat. «Früher war die Atmosphäre bei TdS familiär, und am Abend stieg oft ein grosses Fest. Heute ist das ganz anders», bedauert er, bekanntermassen selbst kein «Kind von Traurigkeit». Vor allem dann nicht, wenn er Schweizer Erfolge frei Haus liefern konnte. Jucker erinnert sich aber auch an aussergewöhnliche Sieger - 2001, als Lance Amstrong die Tour de Suisse gewann oder 1973, als der spanische Bergspezialist Fuente nach Nufenen, Furka, Gotthard und Grimsel solo ankam. Und er erinnert sich auch mit Freude an den legendären, längst verstorbenen Joseph Voegeli, der die Tour de Suisse Mitte der 60er-Jahre vor dem Verschwinden rettete und hernach als Chef mit manchmal eiserner Faust regierte.


«Glanz und Gloria» aus Paris
Nun geht Hans Jucker, der am 11. Januar 2011 das Pensionsalter erreicht, im Juli nochmals nach Frankreich. Dort kommentiert er die zweite Hälfte der weltweit bedeutendsten Rundfahrt zusammen mit Jean-Claude Leclercq letztmals vor einem SF-Mikrophon. Was dann in Paris geschieht, wenn die Siegerehrung vorbei ist, weiss er noch nicht genau. Nur soviel: «Ich habe gehört, dass eine Reporterin von ‹Glanz und Gloria› wegen mir nach Paris kommt. Und vielleicht fordert sie mich ja auf, meine Radsport-Akten vor der Kamera zu verbrennen», lacht Hans Jucker. Wenn er nicht unterwegs ist, hortet er diese in seinem Backofen zuhause, den er nie braucht. Entsorgen könnt er sie also auch dort, indem er diesen einschaltet...