Interview
US-Game-Star: «Gewalt am Bildschirm ist nicht auf Hass begründet»

Der kalifornische eSport-Superstar Jacob «Jake» Lyon spricht über die Definition von Sportlern, die Beziehung zu Olympia und das Niederreissen von Mauern.

Rainer Sommerhalder
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Keystone

Jacob Lyon, wie muss man sich den Tag eines professionellen eSport-Spielers vorstellen?

Jacob Lyon: Wir kommen oft zusammen als Team und trainieren während vier bis sechs Stunden miteinander und gegen andere Profiteams. Wir arbeiten an unseren individuellen und mannschaftlichen Fähigkeiten. Nach dem gemeinsamen Essen trainieren wir nochmals zwei bis drei Stunden. Dabei analysieren wir unsere letzten Spiele, betrachten uns die Videos davon, schauen auch auf Spiele unserer Gegner. Wir diskutieren untereinander und mit dem Coach, was es zu verbessern gibt, und entwickeln unsere Teamstrategie weiter. Es ist ein enormer Entwicklungsprozess zwischen den Wettkämpfen. Nach solchen gemeinsamen Trainingstagen reisen wir nach Hause und üben einzeln an unseren persönlichen Fähigkeiten. Unser Tag besteht in der Regel aus sehr viel Training.

 Jacob "Jake" Lyon im Gespräch mit Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees.

Jacob "Jake" Lyon im Gespräch mit Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees.

LAURENT GILLIERON

Und wie unterscheiden sich Training und Wettkampf?

Das sind grosse Unterschiede. Der Druck, die Emotionen und die Intensität sind im Wettkampf viel höher. Im Training versucht man, so nahe wie möglich an die Perfektion heranzukommen, mit dem Wissen, dass es nicht darum geht, diese zu erreichen. Der Wettkampf ist der einzige Moment, in welchem man sich wirklich zu 100 Prozent misst.

Das erinnert ganz an Leistungssport. Fühlen Sie sich als Athlet?

Für mich ist der Begriff «Athlet» nur ein Label. Genauso wie die Frage, was Sport ist und was nicht. Es ist eine Frage der Definition. Sport ist etwas, dass du wertschätzt und von dem du selber denkst, es ist eine Leistung. Hast du dieses Gefühl nicht, ist es aus deiner Sicht kein Sport. Für mich sind meine Leistungen wichtig. Einen Titel zu gewinnen, bedeutet mir nichts. Wichtig ist mir, was ich tue, wie ich mich im Wettkampf schlage, meine Hingabe und mein Handwerk. Das sind Werte, die für mich zählen.

Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen eSport und traditionellem Sport?

Zuallererst in der Leidenschaft für den Wettkampf gegen andere, die ebenfalls versuchen, ihr absolut Bestes zu geben. Zu gewinnen, ist ein absolut einzigartiges Gefühl, das du für den Rest deines Lebens spüren möchtest. Doch du musst auch Niederlagen wegstecken und beim nächsten Mal stärker zurückkommen. Das sind die grössten Gemeinsamkeiten: sich messen, gewinnen, verlieren! Es ist eine Haltung, die dein Leben verändert.

Ist es für Sie ein Ziel, eines Tages Teil der Olympischen Spiele zu sein?

Es ist sicherlich ein interessanter Gedanke. Ich weiss nicht, ob ich es wirklich als Ziel betrachte. Es ist mehr eine aufregende Möglichkeit.

Das IOC sieht ein schwerwiegendes Hindernis für einen gemeinsamen Weg in der Gewaltdarstellung sogenannter Killerspiele. Können Sie diese Befürchtungen nachvollziehen?

Ganz klar nein! All die Leute, die Befürchtungen wegen der Gewalt haben, gehen von der veralteten Meinung aus, dass Computerspiele gewalttätig machen. Ich spiele diese sogenannten Killerspiele schon mein Leben lang. Und ich war immer ein äusserst friedfertiger Mensch. Ich würde mich nie an einem Konflikt beteiligen. Ich verabscheue Gewalt. Das ist etwas, das ich mit sehr vielen eSport-Spielern teile. Trotz der Tatsache, dass wir uns in den Spielen regelmässig bekämpfen.

Vom scheuen Jungen zum Superstar

Jacob «Jake» Lyon ist ein Superstar der amerikanischen eSport-Szene. Der 22-Jährige aus San Diego ist Captain des Sechserteams der Houston Outlaws, die erfolgreich in der amerikanischen Profiliga des Ego-Shooter-Spiels «Overworld League» teilnehmen. Lyon sagt von sich, er sei ein scheuer Junge gewesen, dem die Computerspiele geholfen hätten, aus seinem Schneckenhaus herauszukommen. Das Finale von Overworld nächste Woche in New York wird vom US-Sportsender ESPN erstmals in voller Länge live übertragen.

Aber diese problematischen Spiele sind äusserst populär!

Ja, aber ich glaube nicht an einen Zusammenhang mit dem Leben. Es ist wie bei zwei Boxern, die im Ring Schläge austeilen und sich nach dem Kampf umarmen. Diese Dualität erkennen viele Leute nicht im Sport, weil sie sie nicht verstehen. Aber wenn man selber Spieler ist und die Erfahrungen aus dem Spiel miterlebt, dann versteht man, dass die Gewalt auf dem Bildschirm nicht auf Hass begründet ist, sondern auf dem Wunsch nach Exzellenz. IOC-Präsident Thomas Bach ist ein Olympiasieger im Fechten. Auch Fechten war früher ein gewalttätiger Kampf.

Was kann eSport von der olympischen Bewegung lernen?

Im Vordergrund stehen die olympischen Werte: Freundschaft, Fairness, friedlicher Wettkampf und die Gelegenheit, Menschen verschiedenster Herkunft an einem Ort zusammenzubringen. Menschen über Sprach-, Geschlechter- und Ländergrenzen hinaus miteinander zu verbinden. Das ist definitiv etwas, woran eSport wachsen kann.

Und was lernt Olympia umgekehrt von eSport?

Etwas vom Wichtigsten ist der sich durch die Digitalisierung wandelnde Weg, wie sich Leute miteinander verbinden. Wie Leute rund um die Welt gleichzeitig eine gemeinsame Erfahrung im Spiel erleben. Ich persönlich habe enorme Hoffnungen für die Zukunft. Ich glaube, dass Kinder, die mit dem Internet aufwachsen und weltweit miteinander diese Spiele spielen, realisieren, dass der andere genau gleich ist wie du – unabhängig, welche Sprache er spricht und wie er aussieht. Digitale Spiele sind eine aufregende Möglichkeit, die Welt als Einheit zu erleben. Inder spielen mit Pakistanis, Iraner mit Saudi-Arabern. Unabhängig wie belastet die Beziehungen zwischen zwei Nationen sind. Miteinander zu spielen ist der erste Schritt, um Mauern niederzureissen.

Ein grosses Problem des Sports ist Doping. Wie steht es damit in der eSport-Szene?

Es unterscheidet sich definitiv. Man sieht im Sport Athleten, die Steroide nehmen, andere helfen mit Stimulanzien nach. Im eSport sind solche Dinge zurzeit nicht sehr verbreitet, was Aussenstehende vielleicht überraschen mag. Aber viele Spieler haben für sich entschieden, nicht diesen Weg zu nehmen, weil er sehr gefährlich und ungesund ist. Man müsste Substanzen, welche dein Leistungsvermögen im eSport verbessern, praktisch täglich zu sich nehmen. Und jeder kann sich vorstellen, wie gefährlich so etwas für deine Gesundheit wäre. Aber natürlich ist Doping etwas, worauf eSport in Zukunft achten muss. Es gibt diesbezüglich noch keine Reglemente. Ich denke, kein Sport hat nach seiner Gründung als erstes Antidoping-Regeln ausgearbeitet. Aber ich gebe Ihnen recht, dass es solche braucht.