1811 war es, als der Begründer der deutschen Turntradition, Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), auf der Berliner Hasenheide den ersten Turnplatz Preussens eröffnete. Neben Seilen und Turngerüsten waren schräg und senkrecht stehende Kletterstangen montiert. Die Turner machen sich ab heute in Biel nicht an senkrechten Stangen zu schaffen, dafür aber an Reck, Barren oder Pauschenpferd. Auch sie gehen auf «Turnvater» Jahn zurück.

Anstatt Stangen zu erklimmen, winden sich heutzutage Körper: «Poledance» statt Kletterstange - vor allem in städtischen Gebieten ziehen immer mehr Spartensportarten die Menschen an. In ländlichen Gebieten dagegen geht man in den Turnverein. Gerade dort hat Turnen eine lange Tradition. Bis heute ist das Eidgenössische für die Turnvereine das, was für Schwinger das Älpler- und Schwingerfest oder für den Schützenverein das Schützenfest.

Ob in der Schweiz oder in Deutschland - die Turntraditionen beider Länder haben ihre Wurzeln bei Jahn, der ein Verfechter eines einigen Deutschland war. Körperliche Ertüchtigung und Turnübungen sollten auf einen Kampf vorbereiten. Den Kampf gegen die napoleonische Herrschaft; mit dem Ziel der deutschen Einheit.
Heute gilt Jahn wegen seiner Ideologie der Stählung des Volkskörpers als Vordenker des Nationalsozialismus. Ergibt die Google-Suche für Deutschland noch einige Plätze und Strassen, die nach ihm benannt sind, wurde in St. Gallen die Friedrich-Ludwig-Jahn-Strasse in Jahnstrasse umbenannt. Eine Turnübung fürs Gehirn sondergleichen: Der Name bezieht sich nun auf den Gründer der St. Galler Stadtmusik.

Körperliche Ertüchtigung steht bis heute im Mittelpunkt eines Eidgenössischen. Doch warum erreichen Teilnehmer- und Besucherzahlen Rekordhöhen, wo doch ein Pessimismus über eine bewegungsfaule und übergewichtige Jugend um sich greift? Die zuverlässigsten Zahlen bieten die Aushebungen für die Rekrutenschule. Das Problem: Immer wieder wurden die Disziplinen ausgetauscht. So verschwanden die Kletterstangen nicht nur aus dem Schulsportunterricht, sondern auch aus den Tests für die künftigen Rekruten.

Zwischen 1982 und 2002 hatte man aber eine Tendenz feststellen können: Stellungspflichtige kletterten immer langsamer die 5-Meter-Stange hoch: Waren es 1982 noch durchschnittlich 4,8 Sekunden, nahm der Wert konstant zu. 2002 waren es über 5,7 Sekunden. In fast derselben Zeitspanne nahm auch die Kondition ab: Legten die Stellungspflichtigen 1987 im berüchtigten 12-Minuten-Lauf durchschnittlich über 2600 Meter zurück, waren es 2002 keine 2500 Meter mehr. Diese Werte stammen von Forschern der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen.

Wurde die Jugend in dieser Zeitspanne unsportlicher oder fehlte es ihr zunehmend schlicht an der Fertigkeit, eine Stange hochzuklettern - einem Bewegungsablauf also, der Technik und Koordination erfordert? Die Frage konnte nicht geklärt werden.

Mit einer 2006 eingeführten Disziplinenbatterie wollen die Forscher das Bewegungsverhalten der künftigen Rekruten besser erforschen. Stangenklettern wurde ersetzt - mit dem Einbeinstand. Auch die anderen Disziplinen hören sich so simpel wie langweilig an: Medizinballstossen, Weitsprung aus dem Stand, ein Rumpfkrafttest und ein Rundlauf, bei dem die Kadenz erhöht wird. Solche isolierte Bewegungsabläufe sollen die Leistungsfähigkeit der Stellungspflichtigen besser beurteilen helfen. Die Auswertungen entwarnen Pessimisten. Seit 2006 blieb die Leistungsfähigkeit stabil.

Stangenklettern scheint zu komplex - bei simplen Übungen aber bleiben die Leistungen konstant. Müssten sich «Turnväter» also gar nicht wegen der verschwundenen Kletterstange aufregen? Vielleicht doch: Schweizer Stellungspflichtige sind nicht unbedingt bewegungsfauler geworden, wohl aber etwas bewegungsdümmer.