Champions-League
Tragödien, Tränen und Trallala

Geliebt und gehasst: Der FC Bayern München lässt in Deutschland niemanden kalt.

Oskar Beck
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Allianz-Area München

Allianz-Area München

Keystone

Wenn der FC Bayern verliert, passiert immer dasselbe: Genüsslich werden die wunderschönen Tore des Gegners im deutschen Fernsehen bis spät in die Nacht wiederholt, vorwärts und rückwärts, in Zeitlupe und in Farbe, und im ZDF-Sportstudio brechen gelegentlich alle Dämme: Das Publikum klopft sich wiehernd auf die Schenkel, wälzt sich schier am Boden – und summt leise die Melodie des Herzenswunsch-Hits «Zieht den Bayern die Lederhosen aus» vor sich hin. Seit Samstag hat die Häme wieder Hochsaison, dank der Mainzer – die «Boygroup vom Bruchweg» hat die Bayern aus ihrer AllianzArena gerockt.

Geht es heute Abend so weiter? Die Basler ahnen gar nicht, wie viele Fans zwischen Flensburg und Friedrichshafen ihnen die Daumen drücken – und, salopp gesagt, den arroganten Pinseln vom FC Grössenwahn Halsbruch und Beinschuss wünschen.

Die Beliebtheit des FC Bayern ist im Anschluss an eine Niederlage einmal zuverlässig ermittelt worden. Die Gewissensfrage hiess: Empfinden Sie Schadenfreude? 67,3 Prozent ant-worteten glaubhaft mit Ja – was daran liegt, dass sich die Bayern für etwas Besseres halten.

Unbestrittener deutscher Krösus

Doch das Schlimmste: Sie sind es. Zweiundzwanzigmal deutscher Meister. Viermal Europacupsieger der Meister, einmal der Pokalsieger, dazu einmal der Uefa-Cup und zweimal der Weltcup. Für das durchschnittliche Neidgefühl ist so viel Glück des Guten zu viel – jedenfalls lassen Millionen bekennender Bayernhasser jedes Mal den Rüssel hängen, wenn sich der Nimmersatt Uli Hoeness am Saisonende gut genährt vom kalten Meisterbuffet meldet und sich ohne falsche Bescheidenheit selbst lobt.

«Was braucht man zu so viel Erfolg?», hat der TV-Moderator Johannes B. Kerner einmal gebohrt. «Vernünftige Manager», verriet ihm Hoeness.

Beim Rest der Liga regt sich in solchen Momenten der Protest in Form des gebellten Aufschreis, flankiert von der geballten Wut auf die fast schon kriminelle Energie dieses unerschütterlichen Selbstvertrauens, das die Konkurrenz seit Mitte der 60er-Jahre in die Verzweiflung treibt – damals begann sich der deutsche Fussball um die Achse Maier-Beckenbauer-Müller zu drehen, und der damalige Bayernmanager Robert Schwan gab bekannt, dass es nur zwei intelligente Menschen gibt: «Schwan am Vormittag und Schwan am Nachmittag.»

Der Schwan ist tot, und für die Intelligenz ist nun seit dreissig Jahren der Hoeness zuständig, erst als Manager, inzwischen als Präsident und Aufsichtsratschef. Wenn er mal frei hat, macht der Vorstandschef Kalle Rummenigge den Schwan und sagt dann Dinge wie: «An unserer Vormachtstellung wird sich nichts ändern, solange wir in der Bank in die Festgeldabteilung gehen und die Schalker in die Kreditabteilung.»

Die Bayern haben manchmal viel Glück, aber auch den grössten Verstand. Sie haben ausserdem ein Selbstvertrauen, das so prall ist wie das Décolleté der Kellnerinnen, die auf dem Oktoberfest dieser Tage einhändig acht Masskrüge stemmen, sowie die besten Spieler, das fähigste Management und den Fussballgott Beckenbauer. Das ist vielen zu viel – aber die Bayern geniessen es.

«Das Geile ist, dass uns alle hassen», hat Mario Basler einmal gesagt und das Gesicht grinsend zum Bayernmotto verzogen: Mir san mir, stärker wie die Stier.

So tierisch stark sind sie, wie gesagt, seit 1965. Damals sind Ostern und Weihnachten zusammengefallen, gleichzeitig haben Kaiser Franz, Bomber Müller und der Maier-Sepp im Tor angefangen, und bald waren die Bayern der Nabel der Welt. Beckenbauer küsste beim Opernball in Bayreuth der grossen Begum die Hand, und Präsident Willi O. Hoffmann, kurz: «Champagner-Willi», liess bei einem Kampf von Muhammad Ali in seiner Villa einen Boxring aufbauen und stellte im Rahmen einer rauschenden Party vier Fernseher hinein – der FC Schicki-Micki begann zu grüssen.

«Tragödien, Tränen und Trallala» – mit dieser regelmässigen Klatschrubrik ist irgendwann die örtliche «Süddeutsche Zeitung» erschienen, um diesem Klub noch halbwegs gerecht zu werden, der weit über den Fussball hinaus keinen kalt lässt. Als Torwart Olli Kahn seine Ehefrau durch die Bardame Verena K. ersetzte, war ganz Deutschland ausser sich. Tägliche Doppelseiten erschlugen das Volk mit Balkenüberschriften, und «Bild» fragt fassungslos: «Begreifen Männer denn nicht, was sie ihren schwangeren Frauen damit antun?»

Beim FC Bayern jedenfalls lebt man als Ehefrau auf Kohlen. Nächstes Spiel, nächste Braut – es muss am heissen Schicki-Micki-Pflaster München liegen. Selbst Kahn, der bodenhaftigste Torwart der Welt, zog plötzlich seltsame Kleider an, gelte sich die Haare und zog um die Häuser mit dieser Verena, die in einem Interview auf die Frage, was ihr an einem Mann ausser seiner Nettheit wichtig sei, verriet: «Geld, Haus, Jacht, tolles Auto.»

Frauen kommen und gehen

Bayernstars sind begehrt und leben gefährlich, in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Schiedsrichter und Scheidungsrichter, Steilpass und Laufpass. Lothar Matthäus hat dort alles gelernt, was er übers Heiraten heute weiss. Thomas Strunz trat seine Frau an den Mitspieler Stefan Effenberg ab, der dafür wiederum seine vorherige Ehe opferte, und auch Mehmet Scholl litt unter der Kehrseite der Bayernmedaille: Glück im Spiel, Pech in der Ehe. «Stürz dich nicht vom Balkon», musste Beckenbauer damals den Scholli trösten, «es gibt noch viele schöne Frauen auf dieser Welt.» Wenn einer das weiss, dann der Kaiser. Sogar Ottmar Hitzfeld verlor angesichts eines brasilianischen Sambamodels kurz die Übersicht, und Uli Hoeness verfiel vorübergehend einer Tirolerin, ohne Rücksicht auf seine Susi. «Die Frauen», hat Sepp Maier einmal erzählt, «sind die Dummen. Familienleben? Gibts nicht.» Auch bei ihm hats gekriselt, und bei Gerd Müller.

Zuletzt war allerdings eher die Rede von Franck Ribéry, der eine minderjährige marokkanische Prostituierte aus Paris hat einfliegen lassen, um in einem Münchner Hotel seinen 26. Geburtstag mit ihr zu feiern, ehe es wieder heimging zur Ehefrau. Zwei Frauen an einem Geburtstag – wie schafft einer das?

Mir san mir, stärker wie die Stier

Darauf läuft beim FC Bayern immer alles hinaus. Aber am schönsten hat die Faszination dieses Klubs mit allen seinen Versuchungen der bayrische Kabarettist Günter Grünwald erklärt: «Was ist der Unterschied zwischen Uli Hoeness und dem lieben Gott? Der liebe Gott weiss, dass er nicht Uli Hoeness ist.»