NBA
«The chosen one» kehrt zurück in die Heimat

Der Wechsel eines Mannes hat die Machtverhältnisse auf einen Schlag verändert. Nach vier Jahren bei Miami kehrt der verlorene Sohn wieder zu den Cleveland Cavaliers zurück, welche nun schlagartig auch wieder zu den Favoriten in der NBA gehören.

Michael Meier
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Der Auserwählte ist wieder da.

Der Auserwählte ist wieder da.

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Vor vier Jahren verliess der beste Basketballer des Planeten, LeBron James, die Cleveland Cavaliers und wechselte zu den Miami Heat. Den Wechsel verkündete er damals live im Fernsehen in einer eigens dafür kreierten TV-Show. «The Decision» (die Entscheidung) wurde sie genannt. Diese PR-Aktion sondergleichen brachte James keine Sympathien ein, vor allem in Cleveland. Er war plötzlich der Böse, der seine Heimat im Stich liess, für den nur das eigene Wohl zählte. In Cleveland wurden James-Trikots verbrannt und alle Werbebanner mit seinem Konterfei abgehängt.

In Miami bildete James fortan gemeinsam mit Dwyane Wade und Chris Bosh die sogenannten «Big Three». Zwei Titel sowie zwei Finalteilnahmen resultierten in dieser Zeitspanne, während die Cavaliers viermal die Playoffs verpassten.

Rückkehr in die Heimat

In diesem Sommer nun folgte «The Return», die Rückkehr. Doch James hat gelernt. Vergleichsweise kleinlaut verkündete er, der nur 50 Kilometer südlich von Cleveland aufgewachsen ist, den Wechsel zurück nach Cleveland. In einem offenen Brief erklärte er seine Beweggründe. Heimat war das zentrale Element des Textes: «Ich habe immer daran geglaubt, meine Karriere in Cleveland zu beenden. Meine Beziehung zu Nordost-Ohio ist grösser als Basketball», liess James verlauten.

Der Hass der Fans war auf einen Schlag verflogen, der Vorfreude gewichen. Innerhalb von acht Stunden waren die Abos für die 41 Heimspiele in der kommenden Spielzeit ausverkauft. Der Wechsel des «Chosen One», des Auserwählten, verändert die Machtverhältnisse in der National Basketball Association (NBA), die heute beginnt, augenblicklich. Aus der ehemaligen Spitzenmannschaft Miami wurde ein gewöhnliches Team, das in der Eastern Conference gar um die Playoffs kämpfen muss.

Magnet für Topspieler

Und wie aus dem Nichts wurden die erfolglosen Cavaliers zu einem ernsthaften Meisterschaftsanwärter, denn durch die Ankunft von James wurde Cleveland auch für weitere Spieler attraktiv. So wechselte auch Kevin Love von Minnesota nach Cleveland, seines Zeichens einer der besten Offensivspieler der Liga.

Ergänzt werden die beiden durch Kyrie Irving, dem talentiertesten Spielmacher der Liga. Erst 22 Jahre alt, aber jetzt schon einer der Besten auf seiner Position, an der diesjährigen WM wurde Irving zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt.

Offensive allein genügt nicht

Dieses Triumvirat hat durchaus das Talent und die Klasse, um die Liga zu dominieren. Vor allem offensiv. Doch defensiv stehen ein paar Fragezeichen. Sowohl Love als auch Irving gelten als schwache Verteidiger. Und nach dem Bonmot «Offense Wins Games, Defense Championships», könnte es gut sein, dass die offensiv imposanten Cavaliers in den Playoffs spektakulär scheitern. Zudem ist es nicht zu unterschätzen, dass die Cavaliers kaum eingespielt sind. Denn trotz der spektakulären Spielweise der Superstars ist Basketball ein Teamsport. Der aktuelle Meister, die San Antonio Spurs, demonstriert dies Jahr für Jahr eindrücklich.

Härtester Gegner von Cleveland in der Eastern Conference werden voraussichtlich die Chicago Bulls sein, die in den vergangenen Jahren mit ihrer überragenden Verteidigung überzeugten. Der nach einem Kreuzbandriss und einer Meniskusverletzung wiedergenesene Spielmacher Derrick Rose, Center Joakim Noah und der neu verpflichtete Spanier Pau Gasol zählen auf ihren Positionen zur Elite.

Harter Kampf im Westen

Die Western Conference dagegen präsentiert sich ausgeglichener. Zu den Favoriten zählt sicherlich der Titelverteidiger aus San Antonio. Die Truppe um Tim Duncan (38), Manu Ginobili (37) und Tony Parker (32) widersetzt sich Jahr um Jahr erfolgreich dem Alterungsprozess. Hinzu kommen junge Hoffnungsträger, wie der letztjährige Finals-MVP Kwahi Leonard (23).

Auch die Oklahoma City Thunder mit dem momentan verletzten Superstar Kevin Durant sowie Russel Westbrook und Serge Ibaka gehören zu den Titelfavoriten. Nicht zu unterschätzen ist auch die Spektakeltruppe der Los Angeles Clippers, mit ihren Hauptdarstellern Chris Pau und Blake Griffin. Doch auch für sie gilt: Eine gute Offensive gewinnt noch keine Meisterschaft.

Aussenseiterchancen besitzen die Golden State Warriors mit ihren beiden talentierten Schützen Klay Thoompson und Stephen Curry sowie die Houston Rockets mit dem kräftigen Center Dwight Howard und dem herausragenden Scorer James Harden. Doch sie alle werden im Schatten eines Rückkehrers stehen, der aus einem Verliererteam einen Titel-Kandidaten machte.

Schweizer in der NBA

Schweizer Basketballer sucht seinen Platz noch in der NBA

Thabo Sefolosha, der Schweizer NBA-Pionier, hat nach fünf Jahren den Meisterschaftsanwärter Oklahoma verlassen und ist zu den Atlanta Hawks gewechselt. Er erhofft sich dort mehr Spielzeit und grössere Verantwortung.

Die Hawks wiederum, die letzte Saison als Achte gerade noch die Playoffs erreichten, versprechen sich vom defensivstarken Romand eine Verbesserung der Verteidigung. In den Vorbereitungsspielen wusste Sefolosha aber auch in der Offensive als Assistgeber zu überzeugen. Nur ein starker Skorer wird der 30-Jährige nicht mehr werden.

Junger Rohdiamant

Sefolosha war der erste Schweizer in der NBA, ist mittlerweile aber nicht mehr der Einzige. Diesen Sommer folgte ihm Clint Capela. Der 20-Jährige wurde im Draft als Nummer 25 von den Houston Rockets gezogen. 2,08 Meter gross und 102 Kilo schwer ist Capela. Ein ungeschliffener Diamant, unglaublich athletisch. Doch der Genfer verletzte sich kurz vor der Vorbereitung an der Leiste und verpasste deshalb sämtliche Testspiele. Wann er wieder fit sein wird, ist derzeit unklar. Capela wird zudem seinen Wurf verbessern müssen, und an Muskelmasse zulegen, um in der NBA zu bestehen. Aber sobald er fit ist, steht ersten Einsätzen nichts im Weg.

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