Simon Steiner

Es tat so weh, dass sie keinen Schmerz mehr spürte. Als Tanja Frieden (34) von den Ärzten im kanadischen Quebec gebeten wurde, die Stärke ihrer Fussschmerzen auf einer Skala von 1 bis 10 einzustufen, wählte sie den tiefsten Wert. Die Enttäuschung darüber, so kurz vor den Olympischen Spielen abrupt gestoppt worden zu sein, liess jegliche körperlichen Beschwerden in den Hintergrund treten. «Der emotionale Schmerz war viel schlimmer», wie die 34-Jährige gestern in der Zürcher Hirslanden-Klinik vor den Medien sagte. «Als ich im Spital die Schwere der Verletzung realisierte, folgten ein paar Stunden in einem schockähnlichen Zustand.»

Der Sturz von letzter Woche bei den Rennen in Stoneham bei Quebec hatte eigentlich eher harmlos ausgesehen. Nach einer Kompressionswelle landete die Berner Oberländerin auf der vorderen Kante ihres Brettes und ging zu Boden. Die Folgen waren indes fatal: Die Diagnose in Zürich ergab einen Achillessehnenriss an beiden Beinen, Verletzungen der Fusswurzelknochen und einen Teilabriss der linken Schulterpfanne. «Beim Aufprall müssen enorme Kräfte gewirkt haben», stellte Friedens Vertrauensarzt Walter O. Frey fest, der in seiner langjährigen Berufspraxis noch nie mit einem parallelen Riss beider Achillessehnen konfrontiert war. Möglicherweise sei der Winkel bei der Landung sehr ungünstig gewesen, mutmasste Frey.

«Wenn ich etwas mache, dann richtig. Halbe Sachen gibt es bei mir nicht», kommentierte Frieden, die nun vor einem mehrmonatigen Rehabilitationsprozess steht und nun angesichts dieser Situation ihren Rücktritt vom Spitzensport bekannt gab. «Dass ich nicht bis zu den Olympischen Spielen 2014 weitermachen werde, wusste ich schon lange», meinte sie, «dass ich aber noch vor Vancouver aufhören werde, damit habe ich wirklich nicht gerechnet.» Frieden betonte, dass sie dem Sport mit dem Abschied vom Spitzensport nicht den Rücken kehre. «Ich habe noch einige Visionen und Träume, die ich in den nächsten Monaten in Zusammenarbeit mit meinen Sponsoren weiterentwickeln möchte.»

In ihrer wohl bittersten Stunde verpasste es die Olympiasiegerin von 2006 in Turin nicht, ihrem Schicksal Positives abzugewinnen. «Nun habe ich in meiner Karriere die beiden emotionalen Extreme des Sportlerlebens in aller Deutlichkeit zu spüren bekommen und kann die Glücksmomente nach meinem Olympiasieg umso mehr schätzen.» In Turin hatte sie Gold erobert, nachdem die grosse Favoritin Lindsey Jacobellis (USA) kurz vor dem Ziel gestürzt war. Danach liess sich die Leaderfigur im Schweizer Team auch durch Rückschläge (Borreliose-Erkrankung, Fusswurzel- und Fersenverletzungen) nicht davon abhalten, das Ziel Vancouver mit aller Konsequenz zu verfolgen. Bis sie nun kurz vor der Ziellinie erbarmungslos gestoppt wurde.