Schwingen

Stuckis späte Reifeprüfung war ein Stahlbad

Christian Stucki im Moment des grössten Triumphs.

Christian Stucki im Moment des grössten Triumphs.

Matthias Glarner besiegt den Fluch des Alters für Königsanwärter, Christian Stucki schafft das ungeschriebene Gesetz mit seinem Triumph ganz ab. Und die jungen Bösen? Sie müssen noch warten.

Als Matthias Glarner in Estavayer 2016 mit 30 Jahren der älteste Schwingerkönig seit 1940 geworden war, hiess es allenthalben, die Machtübernahme der Jungen wie Armon Orlik, Samuel Giger und Joel Wicki - zu ihnen hat sich unterdessen Pirmin Reichmuth gesellt - sei lediglich um drei Jahre hinausgeschoben worden. Nach Zug 2019 gilt dies immer noch.

Es steht ausser Frage, dass die vier Youngsters in den nächsten Jahre dominieren werden, vielleicht sogar nach Belieben. Sie bringen alle Stärken und Fähigkeiten mit, um Schwingerkönig zu werden. Und sie werden dominieren wie Federer, Nadal und Djokovic. Im Tennis finden sozusagen jedes Jahr vier Eidgenössische statt, im Schwingen jedes dritte Jahr eines. Also bleiben die Youngsters in einer Warteschlange. Bis sie in zwölf Jahren je einmal Schwingerkönig geworden sind, werden Giger, Wicki, Reichmuth und Orlik 33, 34, 35 und 36 Jahre alt sein. Also in Stuckis biblischem Alter oder älter. Schlägt bis dorthin nicht jeder einmal zu, wird mindestens einer fortan zu den "besten Schwingern ohne Königstitel" zählen.

Schwingerkönig Matthias Sempach sagte in einem Interview mit Keystone-SDA vor dem Fest in Zug, dass jederzeit ein Schwinger mit über 30 Jahren König werden könne. Es komme nicht auf das Alter an, sondern auf die Form, auf die Fitness. Im Studio von SRF sagte Sempach nach Stuckis Triumph: "Die Geschichte mit dem Alter sollten wir jetzt beiseite legen."

Es war auch die landläufige Meinung, dass ein Älterer an einem Eidgenössischen nur dann eine Chance hat, wenn er bis vor die letzten zwei Gänge vom Sonntagnachmittag nicht zu viel Kraft verbraucht hat. Auch diese Theorie hat Stucki widerlegt. Das Einteilungskampfgericht mutete ihm das wesentlich härtere Pensum zu als den vier Kronprinzen. Drei von sieben Gängen vor dem Schlussgang absolvierte der Berner gegen Schwinger aus diesem Zirkel (Reichmuth, Orlik, Wicki), während sich die im Rennen verbliebenen Jungen Orlik und Wicki nur gerade gegen Stucki zu wirklichen Spitzenduellen antreten mussten. So gesehen, war Stuckis abschliessende Reifeprüfung ein Stahlbad.

Warum Stucki am Sonntag vor dem Mittag gegen Orlik schwingen musste, nachdem er sich unmittelbar vorher einen siebenminütigen Abnützungskampf mit Wicki geliefert hatte, war für viele schwer nachzuvollziehen. Ein Fehlentscheid? Eine Fehldisposition der sechs Einteilungskampfrichter? Man wird es nie wissen. Die Kampfrichter sind der Loyalität verpflichtet.

Es ist nur eine Mutmassung, aber es könnte sich folgendermassen abgespielt haben. Unter dem souveränen, der Neutralität verpflichteten Chef Samuel Feller, dem Technischen Leiter des ESV, amten die fünf Technischen Leiter der Verbände. Jeder mit dem Kernauftrag, parteiisch zu sein und für seine eigene Athleten das Beste herauszuholen. In der Wirkung ist es ein demokratisches Gremium, und den meisten Festen geht es prima auf: Ein Favorit gewinnt. Alles ist legal und legitim und soll nicht geändert werden. In der Demokratie sind auch Allianzen möglich. So könnten der Nordostschweizer und der Innerschweizer zusammengespannt haben, um ihre Trümpfe Orlik und Wicki in den Schlussgang zu bringen. Der Nordwestschweizer und der Südwestschweizer hätten sich herausgehalten, weil ihre Schwinger ja nicht betroffen waren, und Stuckis Anwalt vom Berner Verband hätte sich der Allianz beugen müssen. Es ist wenigstens eine mögliche Erklärung für die wirklich sonderbare Einteilung.

War es ein Fehlentscheid in der Einteilung, müsste man auch die Entscheide der Platz- und Tischkampfrichter in den wichtigen Gängen untersuchen. Dort erkennt man, dass Stucki im Vergleich mit Orlik eher gut wegkam. Orlik hätte im 7. Gang eine 10,00 anstelle der 9,75 bekommen können. Stucki wiederum war für den Gestellten gegen Orlik gut benotet worden. Er bekam die 9,00. Gegen die übliche 8,75 hätte niemand etwas eingewendet. Dann aber sieht man im 2. Gang, dass Stucki im Bodenkampf die ganze Schulter des Gegners dem Platzkampfrichter zeigte, bevor er diese in einem Zug ins Sägemehl wuchtete. Hier wären 10,00 statt 9,75 möglich gewesen.

Fehlentscheide oder nicht im Einteilungsbüro, Fehlurteile oder nicht auf dem Platz : Wenn man Ungereimtheiten nachweisen will, kommt man an kein Ziel. Als einzige Erkenntnis bleibt, dass der Stucki jetzt Schwingerkönig ist.

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