«Soll ich nach einer Pistole fragen?»

2:0 geführt und 2:3 verloren: YB-Trainer Vladimir Petkovic ist der grosse Verlierer des 84. Cup- finals. Er ist enttäuscht, ja frustriert und sagt: «Ich habe Fehler gemacht.»

Ruedi Kuhn und Martin Probst

Vladimir Petkovic, wie fühlen Sie sich nach nach diesem bitteren 2:3 gegen Sion?

Vladimir Petkovic: Ich bin sehr enttäuscht. Wer in einem Cupfinal im eigenen Stadion 2:0 führt, muss diesen Sieg nach Hause bringen. Dieses Spiel ist ein Beweis dafür, wie unberechenbar Fussball sein kann. Wir hatten das Spiel bis zur 40. Minute völlig im Griff. Plötzlich lief alles aus dem Ruder.

Gibt es eine Erklärung für den Leistungsabfall Ihrer Mannschaft nach dem 2:0?

Petkovic: Der Knackpunkt des Spiels war Sions Treffer zum 2:1 kurz vor der Pause. Beim Freistoss von Obradovic hat die Zuordnung nicht gestimmt. Dieses Tor hätte eine Warnung für uns sein müssen. Wir aber haben diese Warnung in den Wind geschlagen. Zudem wurde Sion nach dem Anschlusstreffer immer stärker. Beim 2:2 kümmerte sich niemand um Sarni. Und beim 3:2 liess Afonso Portillo einfach stehen. Das wars. Drei individuelle Fehler brachen uns das Genick.

War Sion so stark oder YB so schwach?

Petkovic: Sion spielt einen feinen, technischen und intensiven Fussball. Und Sion hat Moral. Es ist mir ein Rätsel, wieso diese Mannschaft im Abstiegskampf steckt. Von der Klasse her zählt Sion zu den Top 3 in der Schweiz. Das ändert aber nichts daran, dass wir die Schuld für die Niederlage in erster Linie bei uns suchen müssen.

Haben Sie eine Erklärung für den Mythos FC Sion, für die elf Siege in elf Finals?

Petkovic: Kann man im Fussball immer alles erklären? Nein. Der FC Sion ist nun mal eine Cupmannschaft, kann sich auf den Tag X konzentrieren. Wir haben alles versucht, um diese Serie zu brechen. Es ist nicht gelungen.

War Ihre Mannschaft zu nervös oder hielt sie dem Druck der Favoritenrolle nicht stand?

Petkovic: Vielleicht war der Druck für einige Spieler tatsächlich zu gross. Im Vorfeld des Cupfinals mussten sie sich immer wieder anhören, dass YB seit 22 Jahren keinen Titel mehr geholt hat. Einige Teamstützen kamen jedenfalls nicht auf ihre gewohnte Leistung.

Kam hinzu, dass die Berner Fans im Vergleich zu den Walliser Anhängern viel weniger euphorisch, ja sogar ziemlich reserviert waren?

Petkovic: Das haben Sie gesagt. Wir dürfen jetzt nicht nach Entschuldigungen und Alibis suchen, sondern müssen uns an der eigenen Nase nehmen und Selbstkritik üben. YB hat es an Härte, Aggressivität und Leidenschaft vermissen lassen. Und an Cleverness. Wir haben viel zu viele Zweikämpfe verloren. In Spielen um Titel entscheiden Kleinigkeiten. Diesmal haben sie gegen uns entschieden.

Haben Sie Fehler gemacht?

Petkovic: Natürlich habe ich Fehler gemacht.

Waren es Fehler beim Coaching?

Petkovic: Ich muss diesen Cupfinal erst in Ruhe analysieren. Ich frage mich immer und immer wieder, warum dieses Spiel noch gekippt ist. Die frühen Wechsel von Varela und Raimondi waren nicht geplant. Ich wollte Doumbia erst Mitte der zweiten Halbzeit bringen. Gegen Ende des Spiels waren mir die Hände gebunden.

Gab es weitere Fehler?

Petkovic (zögert lange): Was soll ich sagen? Was erwarten Sie von mir?

Wie wäre es mit etwas mehr Selbstkritik? Warum haben Sie Varela zur Pause ausgewechselt? Warum war Ihr Team nach dem Wechsel so passiv und so hilflos? Was war los mit YB?

Petkovic (wirkt genervt): War ich bis jetzt nicht selbstkritisch genug? Ich muss ja nicht gleich alles in die Öffentlichkeit hinaustragen. Oder erwarten Sie etwa, dass ich jetzt nach einer Pistole frage . . .

. . . nein, nein. Was haben Sie nach dem Schlusspfiff zu den Spielern gesagt?

Petkovic: Nichts. Was soll ich in einer solchen Situation sagen? Die Spieler waren niedergeschlagen und kaum ansprechbar. Da hilft nur eines: Abhaken, erholen und nach vorne schauen. Die Spieler sollen sich vor der Partie gegen Luzern am Sonntag erholen. Noch sind wir im Rennen um die Meisterschaft zumindest rechnerisch mit dabei.

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