Dafür hat das Silber-Girl von Sotschi alles in die Waagschale geworfen, so viel in die Vorbereitung investiert wie noch nie und ist dabei ein hohes Risiko eingegangen. Ein Risiko, das einen Namen trägt.

«Ich bin am Schiessstand eine neue Selina», bringt es die Ehefrau des russischen Langläufers Ilya Tschernoussow auf den Punkt. Sie hat sich im letzten Frühling entschieden, für die Olympiasaison auf ein neues Gewehr zu setzen. Im Bewusstsein, «dass eine derart gravierende Änderung vor einem solchen Höhepunkt eigentlich keine gute Idee ist».

Sie geht auf tutti

Aber Selina Gasparin geht für ihre dritten Olympischen Spiele auf tutti. Sie will um den Sieg mitreden und dazu benötigt sie ein fehlerfreies Schiessen. Etwas, das ihr beim Silberexploit in Sotschi gelang, seither aber nie mehr. Als Konsequenz fehlt im letzten Winter der sportliche Ausreisser nach oben, ein Podestrang.

Richten soll es Max. So hat die Mutter der bald dreijährigen Leila ihre neue Waffe genannt. «Ich habe den Mut gehabt, diesen Wechsel zu vollziehen. Es ist ein Entscheid ‹alles oder nichts›.» Im Wissen, dass ihr Vertrauen in die eigene Schiessleistung eine solche Massnahme notwendig machte. Und im Wissen, welch weitreichende Konsequenzen diese haben würde.

Die Grenzwächterin tüftelte zusammen mit einem Südtiroler Gewehrbauer aus Antholz am perfekten Schaft für ihre Bedürfnisse und ihr Vertrauen. «Im Sommer musste ich den kompletten Ablauf im Schiessstand neu lernen.»

Besseres Gefühl beim Schiessen

Zum Beispiel ist ihre Beinstellung beim Stehend-Anschlag jetzt anders. «Das war sehr zeitaufwendig, aber es hat sich gelohnt. Ich habe jetzt ein besseres Gefühl beim Schiessen», sagt die Engadinerin, die wegen der neuen Biathlon-Anlage auf der Lenzerheide nach Lantsch gezügelt ist.

Selina Gasparin ist überzeugt, dass sich dieses Risiko lohnt. Denn die Olympiastrecke passt ihr. Die strenge Loipe mit den steilen Passagen und den technisch schwierigen Abfahrten behagt der starken Läuferin. Und an Wettkämpfe unter Flutlicht, wie sie in Pyeongchang im Biathlon mehrheitlich stattfinden, hat die älteste der drei Gasparin-Schwestern gute Erinnerungen.

Erhöhter Trainingsumfang

Auch ihre Medaille in Sotschi gewann sie in einem Rennen am Abend. Also Topvoraussetzungen, um für eine weitere Grosstat alles in die Waagschale zu werfen. «Ich hatte einen Supersommer, in dem ich in jeglicher Hinsicht nochmals alles gegeben habe», sagt sie, «denn Olympische Spiele sind so etwas Spezielles, gerade im Biathlon».

Sie habe ihren Trainingsumfang noch einmal erhöht, auch mit der Erkenntnis, dass sich das Niveau bei den Frauen seit Sotschi drastisch entwickelt hat. Es sei eine rasante Steigerung, sagt Gasparin. «Wenn ich TV-Bilder von mir 2010 in Vancouver ansehe, dann lache ich mich kaputt. Mit einer solchen Leistung hätte ich heute null Chancen.» Noch vor zwei Jahren habe man bei den Frauen den Cut für die Top 50 mit einem Rückstand von rund dreieinhalb Minuten geschafft, heute liege dieser rund eine Minute tiefer.

Aufhören? Kein Thema

Gasparins Betonung auf ihren aussergewöhnlichen Aufwand und ihre Bemerkung, «eine solche Olympiasaison würde man nicht jedes Jahr vertragen, weil man sich dermassen pusht und selber unter Druck setzt», lassen vermuten, Pyeongchang könnte der Schlusspunkt ihrer Karriere sein.

Selina Gasparin winkt ab: «Ich habe noch nicht in meinem Kopf, aufzuhören.» Auch die zusätzliche Aufgabe als Mutter ändert daran nichts. «Ich weiss gar nicht mehr, wie sich das anfühlte, als ich nur Sportlerin war. Klar ist es mit einer Tochter ab und zu streng, aber man wächst an der Aufgabe, die man zu bewältigen hat.»