Möglichst nichts dem Zufall überlassen. Das ist das Ziel eines Boxers, wenn er in den Ring steigt. Da macht der Schweiz-Kosovare Ukë Smajli keine Ausnahme, auch wenn seine Geschichte eine von Zufällen und Fügungen geprägte ist. Smajli steht ab Samstag in der Klasse bis 81 kg an den Europa-Spielen im Einsatz, die zeitgleich als Europameisterschaften im Boxen gelten. Der Zufall brachte den 26-Jährigen zum Boxsport, erst durch einen ungünstigen Umstand wurde er schliesslich zu dem, der er heute ist: die grösste Schweizer Boxhoffnung in Minsk.

Der erste Schritt der Karriere, die ihn ab diesem Wochenende an den European Games in Weissrussland um den Europameister-Titel kämpfen lässt, tat er vor elf Jahren. Der 15-jährige Gymnasiast Smajli habe sich gemeinsam mit einem Schulkollegen von einer zuvor absolvierten Prüfung ablenken wollen. So seien sie beim Kaffee auf das Thema Boxen gekommen. "Wir sprachen über einen Kampf von Wladimir Klitschko vom Abend vor der Prüfung. Der Walk-In von Klitschko hat mich so beeindruckt, da dachte ich mir: 'Das wär's doch'", erzählt Smajli.

Kurze Zeit später gingen er und sein Freund ins Boxtraining. "Die Mutter meines Kollegen hat uns angemeldet." Nach einem Jahr stieg der Kollege aus, Smajli blieb bis heute. "Auch wenn ich mit dem Spitzensport irgendwann aufhören werde, boxen werde ich weiterhin", sagt Smajli, der derzeit zwischen Arbeit, Studium und seiner Leidenschaft hin- und herpendelt. "Eigentlich begann ich mit 15 Jahren auch zu spät für einen richtigen Aufbau. Mein Glück war, dass Boxen nicht der wissenschaftlichste Sport ist", sagt der Zürcher.

Auch zu seinem Kampfnamen "The Wolf" kam Smajli zufällig. Jack Schmidli, der Präsident der Technischen Kommission von Swiss Boxing, habe ihn auf seinen in der Schweiz unbekannten Vornamen angesprochen. "Ich habe ihm gesagt, dass mein Name wie das albanische Wort für Wolf klingt. Und im nächsten Bericht von Schmidli stand dann halt 'The Wolf'."

2017 stand die Karriere des Wolfs auf der Kippe. Eine verpasste Dopingkontrolle führte zu einer zweijährigen Wettkampfsperre. "Ich wollte gar nicht mehr zurückkehren", sagt Smajli. Er tat es trotzdem, weil ihn der Sport nie los liess. "Die Auszeit tat mir letztlich sogar gut. Ich sehe die Dinge seit meinem Comeback weniger verbissen."

Und mit der Lockerheit kamen bei Smajli in diesem Jahr die Erfolge zurück. In zwei von drei grossen Turnieren konnte er eine Medaille gewinnen. "Nun will ich die Gelegenheit nutzen, hier zu scheinen." Ob mit Gold, Silber oder Bronze, da wolle er sich nicht festlegen. Als einer von fünf Schweizer Athleten wurde Smajli zum Ambassador von Swiss Olympic erkoren. "Vom Flüchtling zum Ambassador, das ist schon eine schöne Geschichte", sagt Smajli. Diese mit einer EM-Medaille zu krönen, wäre noch schöner. Zufall aber wäre es nicht.