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Schock in Hinwil – alle hoffen auf Sauber

Vom Gemeindepräsidenten bis zum Getränke-Lieferanten: Niemand weiss, wie es weitergeht mit dem Sauber-Werk und den Arbeitsplätzen. Ein Rundgang in Hinwil.

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Reaktionen aus Hinwil

Reaktionen aus Hinwil

Aargauer Zeitung
Max Klopfenstein Max Klopfenstein, Getränke-Lieferant (Foto: Susi Bodmer)

Max Klopfenstein Max Klopfenstein, Getränke-Lieferant (Foto: Susi Bodmer)

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Etienne Wuillemin, Hinwil

«Nein, ich hatte keinen Traumstart.» Walter Bachofen, der Gemeindepräsident von Hinwil, gebraucht das Motorsport-Vokabular, als er den gestrigen Vormittag zu schildern beginnt: Am Morgen, kurz vor zehn Uhr, hat er erfahren, dass BMW in Zukunft ohne ein Formel-1-Team plant. «Dank kleinen Indiskretionen von gewissen Leuten musste ich es nicht aus dem Radio erfahren», so Bachofen. Der Gemeindepräsident wirkt gefasst - es ist nicht das erste Mal an diesem Tag, dass er Auskunft geben muss. «So etwas habe ich in meinen 24 Jahren im Gemeinderat noch nie erlebt - nicht einmal zu meinem morgendlichen Kaffee bin ich gekommen.» Geschweige denn zu einer warmen Mahlzeit am Mittag.

Ungewisse Zukunft

Die Gedanken von Walter Bachofen gelten in erster Linie den BMW-Mitarbeitern. «Das ist ein harter Schlag für die Belegschaft. Ohne die Formel 1 ist es unmöglich, den Betrieb im gleichen Rahmen aufrechtzuerhalten.» Was auf das Werk, was auf Hinwil zukommt ist derzeit völlig ungewiss. Sicher ist für Bachofen nur: «BMW hat das Recht auf eine eigene Strategie - da können wir nichts machen.» Unter den Planspielen von BMW leiden in erster Linie die Angestellten von Hinwil. Aber auch das Dorf selbst verdankt dem Werk einiges. «Wir sind dank Sauber und BMW weltweit bekannt geworden», so Bachofen. Der Entscheid sei ein «herber Image-Verlust für Hinwil».

Hoffen auf Sauber

Vor dem Mitarbeitereingang bei BMW Sauber an der Wildbachstrasse 9 in Hinwil patrouillieren drei Securitas. «Ich hätte einen grösseren Medienaufmarsch erwartet», sagt der eine cool. Von den Angestellten will vorerst niemand etwas sagen. Von offizieller Seite heisst es, die Mitarbeiter hätten enttäuscht, aber gefasst auf den Entscheid reagiert. Vor Ort spürt man: Die Mitarbeiter setzen auf Peter Sauber. Sie hoffen, dass er sie nicht fallen lassen wird. Zuerst muss Sauber aber von seiner Magen-Darm-Grippe genesen.
Auch die Leute im Dorf reagieren betroffen. Im Restaurant Centrum klopfen Hans Hüppin, Agnes Gafner, Turi Kunz und sein Frau Maria gerade einen Jass. Die Kernfragen lauten: Was passiert mit dem Windkanal? Was mit all den getätigten Investitionen? Was wird aus dem guten Image, welches das Dorf vor allem BMW und Sauber zu verdanken hat? «Die Angst um die Arbeitsplätze geht um - auch wenn es uns nicht direkt betrifft», wissen die Jasser. Wieder wird das Zürcher Oberland gebeutelt. Hans Hüppin ist überzeugt: «Wären die Resultate in dieser Saison besser - BMW wäre nie ausgestiegen!» Und überhaupt, diese Formel 1, «ein einziges Affentheater in letzter Zeit».
Bei allen Problemen, die auf Hinwil zukommen werden, die vier Jasser sind sicher, dass deswegen die Welt nicht untergeht. «Es gebe immer einen Weg aus dem Schlamassel.»

Folgen für KMU

Nebenan sitzt Marco Bergamin, Wirt des Restaurants. Für ihn ist klar: «Eine solche Entscheidung zieht weite Kreise, es betrifft viele Leute hier in den Umgebungen.» Viele kleine Zulieferer werden in Zukunft Aufträge für BMW-Sauber nicht mehr machen können. Wie zum Beispiel Max Klopfenstein. Mit seiner Kindlimann Getränke GmbH beliefert er BMW seit Jahren mit bis zu 5000 PET-Flaschen im Monat. Von einer Stellenstreichung wäre auch er indirekt betroffen. Doch so weit ist es noch nicht. Vor dem Werk an der Wildbachstrasse 9 hat sich die Lage am Nachmittag offensichtlich beruhigt. Freundlich wird man nun eingelassen, die Fragen werden geduldig und ausführlich beantwortet - doch die Namen wollen die befragten Betroffenen nicht in der Zeitung lesen.
Die Angestellten geben sich optimistisch, sind überzeugt, dass die vorhandenen Ressourcen weiter genutzt werden - im Notfall werde Peter Sauber schon dafür sorgen. Deshalb sind Gedanken an Stellenstreichungen und Jobverluste derzeit nicht häufig. Eine Angestellte betrachtet das Ganze von einer anderen Seite: «Jeder, der hier oder bei einem anderen Formel-1-Team angestellt ist, der weiss: Dieser Job ist kein Job bis ans Lebensende. Ein Engagement in der Formel 1 ist eine befristete Sache. Das sollte auch einmal gesagt sein», findet sie.