Schachgesellschaft Zürich

Schach den Grossmeistern: Zürcher Schachgesellschaft wird 200 Jahre alt

Nati-B-Spieler Christian Rohrer: "Ich bin stärker als viele, aber schwächer als die wirklich Guten".

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Nati-B-Spieler Christian Rohrer: "Ich bin stärker als viele, aber schwächer als die wirklich Guten".

Anand, Kasparov, Spassky und Kortschnoj: Am 200. Geburtstag der Schachgesellschaft Zürich sind die Allerbesten mit von der Partie. Vor Ort oder im Internet können ein paar tausend von über 10120 möglichen Spielzügen verfolgt werden. DIE AZ im Gespräch mit Nati-B-Spieler Christian Rohrer.

Andrea Trueb
Wer ist am Jubiläumsanlass der Schachgesellschaft Zürich Ihr persönlicher Held?
Christian Rohrer: Ich treffe alle elf Spieler - da wäre es undiplomatisch, einen hervorzuheben. Sowieso sind alle elf superstarke Spieler und brillante Köpfe, sie alle verdienen unseren Respekt - den verlieren manche Schachfreunde gelegentlich.
Der Respekt geht verloren?
Rohrer: Leider. Seit die Schachprogramme so stark sind, kann jede und jeder Grossmeister-Partien mitverfolgen und sofort erkennen, ob ein Zug gut war oder schlecht. Am Brett aber ist man allein, da hilft kein Computer. Manche «normale» Spieler wissen gar nicht mehr, was diese Champions am Brett zu leisten vermögen, wie unglaublich stark sie sind.
Der Computer ist unschlagbar?
Rohrer: Nicht in jeder einzelnen Partie; aber in einem Match auf 20 Partien gegen den Computer ist jeder Mensch der Welt chancenlos.
Wie kann der Computer stärker sein als der ihn programmierende Mensch?
Rohrer: Die besten Programme vereinigen das gesamte Schachwissen der Menschheit und prozessieren dieses rasend schnell. Hinzu kommt, dass ein Mensch - im Gegensatz zum Computer - nicht immer gleich spielt; nach einem fünfstündigen Spiel etwa wird man gerne etwas müde und macht Fehler.
Braucht es Ihren Club überhaupt noch, wenn die Programme so gut sind?
Rohrer: 100 Meter werden ja auch immer noch gelaufen, obwohl das Auto schneller ist. Nein, so lange es Mensch-zu-Mensch-Wettbewerbe gibt, bleibt Schach interessant. Schachclubs sind da wichtig, gerade auch für Kinder und Jugendliche. Ihnen kann man Schach nur wärmstens ans Herz legen. Sie lernen, an etwas dranzubleiben, können sich über kleine Erfolge freuen. Im Gegensatz zum Gameboy macht man beim Schach nie innert kürzester Zeit 1000 Punkte - dafür bleibt das Spiel ein Leben lang spannend. Mathematiker schätzen, dass eine Partie mit 40 Zügen 10120 (eine Zehn mit 120 Nullen) verschiedene Zugverläufe annehmen kann.
Wie viele Spielzüge würde Anand oder Karpov brauchen, um einen Hobby-Spieler zu schlagen?
Rohrer: Wenn der Hobby-Spieler mehr als 20 Züge schafft, ist er gut - es geht jedenfalls sehr schnell, bis die Stellung ruiniert ist, wenn es zum Matt vielleicht auch noch ein Weilchen dauert.
Und der Hobby-Spieler ist vermutlich bereits matt und merkt es noch nicht einmal . . .
Rohrer: (lacht) Das wird ihm der Weltmeister dann sicherlich sagen.
Wie gut sind Sie selber?
Rohrer: Ich spiele derzeit in der Nationalliga B, bin also stärker als viele, aber viel schwächer als die wirklich Guten.
Wo fehlts?
Rohrer: Zum einen habe ich erst mit 15 Jahren begonnen . . .
Dann ist es schon zu spät?
Rohrer: Ja, schon. Vielleicht habe ich auch nicht genug Talent . . .
Sind Spitzenspieler eigentlich zwingend hyper-intelligent?
Rohrer: Es gibt gute Schachspieler, die auch in anderen Gebieten ausserordentliche Fähigkeiten haben. Der amtierende Weltmeister Anand zum Beispiel hat innert kürzester Zeit Deutsch gelernt. Allerdings gibt es auch hervorragende Schachspieler, die neben dem Brett nicht allzu viel zu sagen haben.
Was genau braucht es, um Schachweltmeister zu werden?
Rohrer: Wer wirklich gut werden will, muss logisch und kreativ sehr stark, extrem motiviert und hartnäckig sein. Schach ist ein Expertise-Sport. Es braucht den Willen, sich viele Jahre intensiv mit der Materie auseinander zu setzen. Ohne gute Bücher, ohne bewusstes Training und ohne intensive Vertiefung wird man an der Oberfläche bleiben. Aber Champions wie Kramnik, Kasparov oder Anand können natürlich noch weit, weit mehr, da reicht Expertise lange nicht. Ich würde solche Champions schlichtweg als genial bezeichnen, sie können auf den 64 Feldern absolut aussergewöhnliche Dinge.
Sie sagten Kreativität sei nötig? Das erstaunt mich.
Rohrer: Schach ist kein «Linke-Hirnhälfte-Spiel». Logisches Denken ist wichtig. In manchen Spielsituationen ist aber Kreativität und das Spielen «nach Gefühl» überlebenswichtig.
Verraten Sie ein paar Tricks für den Normal-Spieler?
Rohrer: Klar. 1. Am Anfang die Bauern im Zentrum ziehen und Springer und Läufer herausbringen, das ist wichtig. 2. Nicht ständig mit denselben Figuren und Bauern ziehen, das kostet wertvolle Zeit, die der Gegner für sinnvollere Züge nützen kann. 3. Den König geschützt halten, mit Bauern und Figuren. Es gibt natürlich noch viele weitere Strategeme, aber vielleicht reichen diese drei Ratschläge, um dem Nachbarn eines überzubraten.
Die Jubiläumsfeierlichkeiten beginnen am Sonntag. Auf was freuen Sie sich?
Rohrer: Am meisten freue ich mich darauf, all diese Spieler, die ich bis jetzt nur aus den Büchern und dem Fernsehen kannte, persönlich zu treffen. Das ist wie, wenn ein Tennisfan Borg, Becker, Sampras und Federer auf ein Mal trifft.


Christian Rohrer spielt auf Nationalliga-B-Niveau Schach, ist Mitglied der Schachgesellschaft Zürich und im Moment hauptamtlich damit beschäftigt, die Jubiläumsfeierlichkeiten zu organisieren.

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