Auf dem Bildschirm flimmert eine Choreografie, die Sitzgruppe ist abgewetzt, auf der Bank drückt ein Muskelprotz Gewichte. Zwei zierliche Akrobatinnen schwingen in drei Metern Höhe virtuos an einem Barren. Ein Artist lässt gleich zwei Diabolos über die Fäden tanzen. Überall stehen Requisiten: ein Speer, ein zwei Meter grosser Knochen, eine Kiste mit Clownnasen. Und mittendrin: Oliver Hegi, 25-jährig, Kunstturn-Europameister.

Hegi hat viel gesehen: Wettkämpfe in Katar, China, Rumänien, Bulgarien. Ihm haben sich Türen zu Welten geöffnet, die anderen verschlossen bleiben. Doch hier, im Nebenzelt des Cirque du Soleil, gerät selbst er ins Staunen. «Wahnsinn», sagt der Aargauer, fasziniert vom bunten Treiben.

«Zirkus hat mich immer fasziniert»

Seinen Kopf bewegt Hegi sanft von der einen zur anderen Seite. Ganz so, als könne er es kaum erwarten. An diesem Tag geht für ihn ein Kindheitstraum in Erfüllung: Er turnt in der Manege des Cirque du Soleil. «Der Zirkus hat mich immer fasziniert», sagt Hegi. Dann steht plötzlich John neben ihm. Langes, blondes Haar, der Oberkörper nackt, muskelbepackt wie bei Hegi.

«Hey man, congrats on the bar», sagt er zu Hegi, der in Glasgow bei den Europameisterschaften Gold am Reck und Bronze am Barren geholt hatte. Sie alle hätten ihn am Fernsehen gesehen, sagt John. Umi aus Japan. Fabio aus Brasilien. Roman aus der Ukraine. Caoliang aus China. Luis aus Spanien. Und eben er: John aus Florida.

Brüder im Geiste

Sie, die Artisten des Cirque du Soleil, die das Publikum bis zum 14. Oktober auf dem Zürcher Hardturm-Areal verzaubern. Sie alle sind ehemalige Kunstturner. Und mit Hegi Brüder im Geiste. Dieser sagt: «Das Turnen verbindet uns. Wir haben so viele Gemeinsamkeiten, die gleichen Themen. Du kommst sofort ins Gespräch.» Später schwingt er ein paar Mal in der Manege, in Jeans zwar nur und vorsichtig. Denn das Reck ist weniger unter Spannung als bei einem Wettkampf und auch weniger hoch über dem Boden. «Ich bin zu gross», sagt Hegi. Dabei misst auch er nur 1,69 Meter.

Die Artisten des Cirque du Soleil sind kleiner als er. Virtuos springen sie im Gerüst umher, das an eine Schildkröte erinnern soll. Sie gilt in vielen antiken Kulturen als Symbol für den Ursprung. Darum geht es im Programm «Totem»: die Entwicklung des Menschen von seinen amphibischen Anfängen hin zum Traum vom Fliegen.

Was die Artisten inszenieren, wirkt chaotisch, improvisiert, verspielt. Und doch erkennt Hegi Parallelen zu seiner Welt. «Es ist ziemlich gleich: Man wärmt sich auf, dann wird an einzelnen Elementen gearbeitet.» Wie bei den Turnern werden die Übungen auch bei den Artisten mit einem Tablet gefilmt und Korrekturen unmittelbar danach besprochen.

Trotz tiefer Stange und Jeans versucht sich Hegi in der Manege.

  

Das Zirkusleben ist einfach, hart und bescheiden. Es zählt nur das, was im schummrigen Licht der Manege passiert. 15 Stunden Training wöchentlich, dazu fast täglich zwei Aufführungen. Oliver Hegi kennt dieses Leben: 30 Stunden pro Woche trainiert er, sechs Tage in der Woche. Mit seinen Kollegen wohnt er in Magglingen, hoch über dem Bielersee. Idyllisch zwar, aber auch: langweilig. Hegi gilt als Perfektionist. Als einer, der nie mit sich zufrieden ist.

Viele begnadete Turner zerbrechen am Druck. Viele von ihnen landen beim Zirkus, der bei Wettkämpfen regelmässig um Athleten wirbt. «Ich kenne viele, die diesen Weg eingeschlagen haben», sagt Hegi. Fabio, der Artist aus Brasilien, erzählt: «Als Kunstturner trainierst du für einen Wettkampf. Machst du einen Fehler, war es das. Bei uns ist das anders.»

Sie alle sind brillante Akrobaten. Und doch ist Oliver Hegi so etwas wie der Erste unter Gleichen. Sein Sport ist puristisch: Keine Musik, kaum Applaus, keine grellen Lichter. Es gibt nur ihn und das Gerät. Fabio sagt: «Wie er turnt, ist inspirierend. Wir sind alle gut, aber keiner von uns war je so gut, wie Oliver es ist.» Doch er sagt auch: «Hier bei uns stehen Emotionen, Spass und Leidenschaft im Vordergrund.» Es ist das, was Hegi, den Perfektionisten, am meisten beeindruckt. «Die Freude und die Lockerheit. Das ist etwas, das ich versuche, mitzunehmen.» Im Zirkus wird weniger präzis geturnt, es ist der Ausdruck, der zählt. «Wir müssen alles perfekt machen. Der Druck ist enorm. Hier werden Fehler vom Publikum verziehen», sagt Hegi.

«Ruf uns an, Oli, okay?»

Was, wenn er seine Karriere dereinst beendet? Was, wenn er keine Lust mehr hat auf Perfektion? Was, wenn er dereinst aus der Mühle aussteigen will? Kann er sich vorstellen, dass er dann den Traum vieler Kinder lebt und als Akrobat mit dem Zirkus um den Globus reist? «Die Lichter, die Freude, diese Faszination – das reizt mich auf jeden Fall enorm. Es ist ein ganz anderes Gefühl», sagt Hegi.

Doch er romantisiert diese Welt auch nicht. «Bist du im Zirkus, ordnest du dem alles unter und hast kaum ein Privatleben.» Noch weniger als bisher. Ende Oktober strebt Oliver Hegi in Katar seine erste WM-Medaille an. Der Cirque du Soleil ist dann längst nach Paris weitergezogen. «Wenn du aufhörst, Oli, ruf uns an, okay», ruft Fabio. Hegi lächelt und winkt zum Abschied: «Thank you, guys.» Sein Ausflug in die Manege – er bleibt vermutlich ein einmaliger.