Rekordtorschütze sitzt auf der Bank

Am Mittwoch trifft YB in der dritten Champions-League-Qualifikationsrunde zu Hause auf Fenerbahce Istanbul. Über dem reichsten türkischen Klub hängt der Verdacht einer Intrige.

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Rekordtorschütze sitzt auf der Bank

Rekordtorschütze sitzt auf der Bank

François Schmid-Bechtel, Sebastian Wendel

Es war eine skurrile Situation am letzten Spieltag der türkischen Süper Lig. Fenerbahce ging mit einem Punkt Vorsprung auf das zweitplatzierte Bursaspor ins Heimspiel gegen Trabzonspor. In der Schlussphase verkündete der Speaker im Sücrü-Saracoglu-Stadion, dass es zwischen Bursaspor und Besiktas 1:1 stehe.

Die Fener-Fans waren in Ekstase. Denn mit dem 1:1 gegen Trabzonspor war ihr Team auf Kurs. Dumm nur, dass Fenerbahce im sicheren Gefühl des 18. Meistertitels ab diesem Zeitpunkt die Offensive eingestellt hatte. Noch dümmer, dass der Speaker mit seiner Durchsage falsch lag. Denn Bursaspor, das Team des Ex-Baslers Ivan Ergic, gewann mit 2:1 und wurde Meister.

Die Euphorie im Sücrü Saracoglu verwandelte sich in Wut. Präsident Aziz Yildirim verprügelte den Speaker, die Fans setzten Teile des Stadions in Brand. Für Insider war klar, dass Christoph Daum nach nur einer Saison und trotz Vertrag bis 2012 nach dieser verzockten Runde wieder gehen muss. Doch die Absetzung des einstigen Messias – Daum holte in seiner ersten Amtszeit bei Fenerbahce zwischen 2003 und 2006 zweimal den Titel – wurde zur Posse, wie sie im türkischen Fussball beinahe an der Tagesordnung steht.

Daum hatte sich schon kurz nach seinem Comeback im Sommer 2009 darüber beklagt, dass es Sportdirektor Aykut Kocaman auf seinen Job abgesehen habe und gegen ihn intrigiere. Doch die allfällige Intrige Kocamans wurde eh hinfällig.

Wer die Mannschaft nicht zum Meister mache, müsse gehen, verkündete Präsident Yildirim. Umso erstaunlicher, als Daum Mitte Juni nach einer Besprechung mit Yildirim sagte: «Ich bleibe auch die nächsten zwei Jahre im Amt. Morgen werde ich ab 9 Uhr die Arbeit für die neue Saison aufnehmen.» Doch eine Woche später war alles nur noch Makulatur. Kocaman übernahm das Kommando.

Doch wer ist dieser Kocaman? Der 45-Jährige ist in Istanbul eine Legende, obwohl er als Spieler in der Nationalmannschaft nie eine grosse Rolle gespielt hat. Kocaman hat zwischen 1988 und 1996 140 Tore für Fenerbahce erzielt und hält damit bis heute den Vereinsrekord.

Auf Platz 2 mit 95 Treffern folgt Alex, Captain der aktuellen Equipe. 2003 wurde der Spielmacher zu Brasiliens Spieler des Jahres gewählt. Nun nimmt der 48-fache Internationale seine siebte Saison bei Fenerbahce in Angriff. Sein Status als Starspieler ist unbestritten.

Doch damit ist er nicht allein. Auch Mittelfeldspieler Emre, Torhüter Volkan, der uruguayische WM-Held Diego Lugano und der spanische Europameister Daniel Güiza geniessen einen Sonderstatus. Verstärkt wurde das Starensemble mit der slowakischen WM-Entdeckung Miroslav Stoch und dem 23-jährigen Stürmer Issiar Dia von Nancy. Der an Toulouse ausgeliehene Nationalspieler Kazim Kazim wurde zurückgeholt.

Ausserdem soll Fenerbahce an einer Verpflichtung von Wolfsburgs brasilianischem Stürmer Grafite und dem Ghanaer Asamoah Gyan von Rennes interessiert sein.

Gemäss Papierform hat YB gegen Fenerbahce keine Chance. Doch der Trainerwechsel soll beim finanzkräftigsten türkischen Klub Spuren hinterlassen haben. Ausserdem fehlt dem Team von Kocaman der Rhythmus, da die Meisterschaft erst am 15. August beginnt.

Und die Türken sind nicht bekannt dafür, im Hinspiel bereits an die Leistungsgrenze zu gehen, wenn sie die Rolle des unbestrittenen Favoriten besetzen. Erst recht nicht, wenn dieses erste Spiel auswärts stattfindet.

YB: Zweifel stärker als Zuversicht

Doch die Saison hat für YB zu früh begonnen. Einige Neuzugänge (Costanzo, Jemal und Mayuka) sind noch nicht integriert oder ihnen fehlt nach langer Verletzungspause die Spielpraxis (Spycher, Lulic). Zudem muss YB im Hinspiel wegen Sperren auf Stammkeeper Wölfli und Trainer Petkovic verzichten. Aus YB-Sicht die Zweifel stärker als die Zuversicht – leider.

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